Gegen Das Vergessen – Stolpersteine in Elmshorn (Teil 1)

10 Haltepunkte | ca. Gesamtlänge 14,2 km (Teil 1: 7 km, Teil: 7,2 km) Kilometer

»Dieser Rundgang ist als Farradtour geeignet und gliedert sich in zwei Teile. Er beginnt an der Informationstafel "Erinnern für die Zukunft" vor der Kirche am Alten Markt und endet am Mahnmal für die Opfer der NS-Herrschaft am Rathaus in der Schulstraße.«

„Stolpersteine gegen das Vergessen“ nennt der Kölner Künstler Gunter Demnig sein Projekt konkreter Erinnerungsarbeit. Er schlug vor, mit Tausenden von Steinen an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, sowie Männer und Frauen des Widerstandes, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer des Faschismus zu erinnern. Die 10×10 cm großen Steine tragen eine Messingtafel mit der Inschrift: „HIER WOHNTE…“, sowie Daten und Ort des Todes. Dieses Kunstprojekt ist inzwischen in über 500 Orten Deutschlands, ebenso in Österreich, Ungarn und in den Niederlanden realisiert worden.

Seit dem Jahre 2007 wurden in Elmshorn 25 Stolpersteine gelegt. Auch in anderen Orten des Kreises gibt es dieses Projekt des Erinnerns für Menschen, die während des Faschismus verfolgt und ermordet wurden. Mit großer Teilnahme gerade auch jüngerer Menschen finden die Verlegungen zusammen mit dem Künstler statt. Patenschaften übernehmen Organisationen, Parteien, Gewerkschaften und Einzelpersonen, Schülerinnen und Schüler. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“; sagt Gunter Demnig. Die Stolpersteine sind ein sich ausbreitendes Kunstwerk im öffentlichen Raum, das ohne die Initiative von Menschen nicht wachsen und geschützt werden kann.

Einen Überblick liefert die Webseite der Arbeitsgemeinschaft Gegen das Vergessen – Stolpersteine in Elmshorn www.stolpersteine-elmshorn.de sowie die Informationstafel „Erinnern für die Zukunft“ vor der Kirche am Alten Markt.

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AStolpersteine für die Sinti und Roma Familie Winterstein

Das kurze Leben von Benno Bengalo Winterstein begann am 14. September 1932 in Elmshorn. Er wohnte mit seinen Eltern Gerson und Marie und der etwa eineinhalb Jahre älteren Schwester Esther Marga in der Königstraße 51. Dieses Grundstück ist heute unbebaut , es liegt nicht direkt an der Königstraße, sondern zwischen dem Torhaus und dem Propstendamm an der Verlängerung des von Alteingesessenen „Streckers Gang“ genannnten Fußwegs. Hier hatte  zuvor die Familie Strecker eine Lederfabrik gehabt. Nach dem Elmshorner Adressbuch von 1934 wohnten dort außer Mitgliedern der  Fabrikantenfamilie noch 22 Mietparteien. Vermutlich waren in dem stillgelegten Fabrikgebäude einfache Wohnungen entstanden, deren Bewohner sich mit den Streckers die Adresse teilten. 

Bennos Eltern  hatten 1930 geheiratet, der Heiratseintrag beim Standesamt Elmshorn gibt als Beruf bei Gerson „Händler“, bei Marie „Arbeiterin“ an. Bei der Geburt der Kinder ist die Berufsbezeichnung für den Vater „Arbeiter“. 

Gerson Winterstein war Sinto. – Als Sinti  oder Roma bezeichnet man eine aus Indien stammende, seit dem Mittelalter in Europa lebende Minderheit mit einer eigenen Sprache und kulturellen Besonderheiten.  In Deutschland hat sich für die Menschen, deren Vorfahren seit langem in Deutschland ansässig waren, die Bezeichnung „Sinti“ durchgesetzt. Den von der übrigen Bevölkerung  früher verwendeten Begriff „Zigeuner“ lehnen die meisten Sinti und Roma als diskriminierend ab.  

In Deutschland sind Sinti seit Ende des 14. Jahrhunderts nachweisbar. Sie waren fast von Anfang an massiver Verfolgung ausgesetzt, wurden für vogelfrei erklärt, enteignet und außer Landes getrieben.   Durch Sprachverbote, Zwangsehen mit Nicht-“Zigeunern“ und Wegnahme der Kinder sollten sie zur Assimilation an die Mehrheitsbevölkerung gezwungen werden. Die reisende Lebensform, an die sie gewöhnt waren, erleichterte ihnen die Flucht und damit das Überleben. Entgegen dem Klischee sind heute die meisten Sinti und Roma  sesshaft. 

In welchem Umfang Sinti-Bräuche in der Familie Winterstein gepflegt wurden, wissen wir nicht. Dass die Mutter Marie „deutschblütig“ war, wie es in einem Schreiben der Elmshorner Polizei aus dem Jahr 1936 heißt, spricht eher dagegen. 

Schon bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden  viele Sinti und Roma aus  Deutschland  und später auch aus Österreich in Konzentrationslager verschleppt. Im Herbst 1938 begann in der Verantwortung des „Reichsführers SS und Chefs der deutschen Polizei“ Heinrich Himmler die zentrale Erfassung dieser Minderheit mit dem Ziel ihrer Vernichtung. Von den 40 000 durch die Nationalsozialisten registrierten deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden 25 000 ermordet, vor allem  durch Vergasung, aber z. B. auch durch medizinische Experimente. In den im Krieg besetzten Gebieten wurden nach Schätzungen weitere 500 000 Menschen umgebracht – durch Massenerschießungen oder durch Vergasung in den Vernichtungslagern. 

Nach dem erwähnten Schreiben der Elmshorner Polizei, in dem diese der Landeskriminalpolizeistelle  in Altona Bericht über die in Elmshorn lebenden „Zigeuner“ erstattete, wurde Gerson Winterstein schon 1934 für einige Zeit „einem Konzentrationslager zugeführt“, allerdings nicht aus rassistischen Gründen, sondern „wegen kommunistischer Umtriebe“. Das Schreiben endet mit dem Satz „Winterstein ist als Volksschädling übelster Art zu bezeichnen, für den es angebracht wäre, aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen und in Dauerverwahrung genommen zu werden.“  Gerson Winterstein gehörte möglicherweise zu den insgesamt 1238 norddeutschen Sinti und Roma, die in den Jahren 1940 und 1943 von Hamburg aus in die Konzentrationslager Belzec  bzw. Auschwitz verschleppt wurden. 

Spätestens seit dem Jahr 1943 lebten Benno und seine Schwester Marga im städtischen Kinderheim am Sandberg. Mit Hilfe des Stadtarchivs und des Vereins für Familienkunde  ist die Arbeitsgemeinschaft „Stolpersteine für Elmshorn“ in den Besitz eines Gruppenfotos gelangt, das Benno zusammen mit etwa 40 Elmshorner Jungen und einigen Erwachsenen zeigt, die von Mai bis Dezember 1943 zur „Kinderlandverschickung“ (KLV) in Helbigsdorf in Sachsen waren.  Dass Benno mitfahren durfte, war nicht selbstverständlich, denn die  KLV wurde weitgehend von der Hitlerjugend organisiert und Benno war nach den rassistischen Vorstellungen der Nazis als „Zigeunermischling“ noch weniger wert als ein „reinblütiger Zigeuner“. – Die Elmshorner Senioren Georg Wilhelm Kröger und Uwe Modrow, die auch in Helbigsdorf waren, erinnern sich an Benno als einen lebhaften Jungen, der sich gern an allen Unternehmungen beteiligte und gelegentlich auch besondere Aufgaben von den Erwachsenen übertragen bekam. Uwe Modrow, der Benno schon aus Elmshorn kannte, schrieb damals an seine Mutter: „Benno Winterstein,das ist einer aus Elmshorn aus dem Pflegeheim,…..ist jetzt in Mulda. Er soll zwei bestellte Liegestühle abholen für die Fußkranken“. 

Am 21. April 1944 wurden der 11jährige Benno und seine 13jährige Schwester in Auschwitz eingeliefert. Sie waren mit 24 anderen Sinti, hauptsächlich Kindern und Jugendlichen, von Hamburg aus deportiert worden. Benno bekam die Häftlingsnummer

Z 9798 in den Unterarm tätowiert. Weitere Einzelheiten sind über sein Schicksal nicht bekannt, aber nach allem was über die Zustände im „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau bekannt ist, muss man davon ausgehen, dass er nicht zu den wenigen Überlebenden gehört. 

Die Schwester Esther Marga hat nicht nur Auschwitz, sondern auch die Konzentrationslager Ravensbrück, Mauthausen und Bergen-Belsen überlebt und ist im Sommer 1945 vom Roten Kreuz nach Schweden evakuiert worden. 

Gisela Hansen

Patenschaft für den Stein von Benno Bengalo Winterstein: Magdalene und Götz Springorum

Redebeitäge von Schülerinnen der Elsa-Brandström-Schule zur Stolpersteinverlegung am 3.3.2012 vor dem Torhaus 

Hier entsteht der Gedenkort für die Familie Winterstein, die hier zwischen 1930 und 1944 gelebt hat. Sie waren Mitglieder der Sinti-Gemeinschaft.

 

Die Geschichte der Roma und Sinti in Europa ist eine lange Geschichte der Diskriminierung, Verfolgung, Vertreibung bis hin zur Vernichtung. Heute repräsentieren sie die größte europäische Minderheit. Ihre Zahl ist auf etwa 12 Millionen angewachsen und zu 90% sind sie sesshaft. Aber noch immer stehen sie am Rande der Gesellschaft. Im Jahr 2010 wurde die Hälfte von ihnen durchschnittlich 11mal Opfer von Diskriminierung aufgrund ethnischer oder solcher Gründe, die immigrationsbedingt in den jeweiligen Ländern üblich sind. In Ungarn und Rumänien ist Gewalt gegen sie aktuell gerade auf dem Höhepunkt. Auch in Berlin, wohin viele aus Rumänien oder Bulgarien hingezogen sind, sind sie Gegenstand heftiger Debatten. Gut gemeinte

Projekte und Appelle zur Integration der Volksgruppe scheitern regelmäßig.

Sehr spät wurde dies von der nationalen wie europäischen Politik wahrgenommen. Erst 2oo4 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte offiziell die Minderheit anerkannt und ihr Recht auf Nomadentum, obwohl mit einem Verweis auf Artikel 8 und 14 der Menschenrechtskonvention dies früher hätte geklärt werden können.

 

Im April 2011 fand in Cordoba der 2. Europäische Gipfel zur Inklusion, d.h. soziale Eingliederung der Roma statt, doch zur gleichen Zeit praktizierte die französische Regierung die verschleierte Abschiebung der Roma von Frankreich nach Rumänien unter dem Deckmantel der „humanitären Hilfe zur Rückkehr“.

Die bisherigen Anstrengungen zur Situationsverbesserung der Roma/Sinti in Bezug auf Bildung, Arbeit, Gesundheitsleistungen, Unterkunft und soziale Integration bewirkten bedauernswert wenig. Diskriminierung erfolgt von individueller wie staatlicher Seite gleichermaßen.—Sollen Roma/Sinti weiterhin als Sündenböcke für Kriminalität dienen und als schwarze Schafe

Europas bezeichnet werden? So hätte sich leider nichts Wesentliches geändert gegenüber dem Schicksal der Familie Winterstein, Vater Gerson und der Kinder Marga und Benno, an deren letzten gemeinsamen Wohnort wir uns hier versammelt haben.

 

SV-Vertretung der Elsa Brändström Schule

Elmshorn, den 3.3.2012

 

Bei dieser jungen Sinti-Familie wurde ständig nach polizeilich verwertbarem Fehlverhalten gesucht und stetige Repressalien führten gar zur Trennung der Eltern, dem Heimaufenthalt der Kinder sowie ihrer Deportation als „Zigeuner-Mischlinge“. Für Marga begann eine Odyssee durch zahlreiche europäische KZs, die sie unmittelbar überlebte, aber für welchen Preis der

körperlichen und seelischen Schädigung…

Ich hoffe, dass unsere Erinnerungsarbeit dazu führt, dass die Menschen heute schneller fehlerhafte Verhaltensentwicklungen erkennen und mutig handeln.

 

Sinja, 14 Jahre von der EBS Patenschaft für Gerson Winterstein: SV der Elsa-Brandströmschule

Patenschaft für Gerson Winterstein: Schülervertretung der Elsa-Brandström-Schule

Patenschaft für Esther Marga Winterstein: Dr. Ernst-Dieter Rossmann

 

 

BStolperstein Hans Christian Carl Wulff

Biografie Hans Christian Carl Wulff

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts erfuhren die Ortsversammlungen und Bibelstudien-
gruppen der Zeugen Jehovas in Norddeutschland einen regen Zulauf. Dazu zählten die größeren Gemeinden in Kiel, Lübeck und Flensburg sowie kleinere Gruppen z.B. in Kellinghusen oder in Elmshorn. Die Zeugen trafen sich regelmäßig zum Studium der Bibel und widmeten sich eifrig der Missionstätigkeit. Auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 setzten sie diese nunmehr verbotene Tätigkeit fort.
Die hiesige Polizei reagierte: Am 28.1.1935 stürmte sie ein Handarbeitstreffen von fünf Bibelfor-scherinnen in der Ollnstraße trotzdem nicht festgestellt werden konnte, dass die Teilnehmerinnen sich religiös betätigt hatten. Die Elmshorner Bibelforscher setzten wie ihre Glaubensbrüder reichsweit trotz Verbots ihre Bibelstudien fort, wobei sie von der Gruppe in Altona unterstützt wurden. Im Dezember 1936 und im Juni 1937 beteiligten sie sich an zwei reichsweiten Flugblattaktionen. Die Flublätter “Resolution” und “Offener Brief” wurden heimlich in Briefkästen gesteckt bzw. mit der Post versandt.

Keine andere Widerstandsorganisation habe während der gesamten NS-Zeit eine „vergleichbare Initiative“ durchgeführt, so die Lübecker Historikerin Fr. Dr. Elke Imberger. In den Flugblättern wurde die grausame Verfolgung der Zeugen Jehovas in Deutschland angeprangert.

Die Gestapo reagierte wütend. Es kam zu Massenverhaftungen von Zeugen Jehovas, was u.a. dazu führte, dass die Frauenabteilung des Gefängnisses in Neumünster völlig überfüllt war. 81.5% der Angeklagten vor dem schleswig-holsteinischen Sondergericht waren 1938 Zeugen Jehovas. Die Untergrundorganisation der Zeugen Jehovas einschließlich der heimlichen Druckaktivitäten und des Literaturversandes waren zerschlagen worden.

Anlässlich der Flugblattaktion am 12.12.1936 war bereits der Elmshorner Zeuge Jehovas Max Andreas Hahn verhaftet worden, der später im Konzentrationslager Sachsenhausen verstarb (ein entsprechender Stolperstein wurde bereits verlegt). Auch der Zeuge Jehovas Carl Wulff fand in diesem Lager am 11.2.1939 den Tod.
Carl Wulff wird als Sohn den Holzpantoffelmachers Claus Wulff am 19.11.1893 im Elmshorn geboren. Im Oktober 1920 heiratet er seine Frau Alwine, am 6.6.1921 wird ihre gemeinsame Tochter Elsa geboren. Carl Wulff arbeitet als Maurer, die Familie wohnt in der Königstraße 51.
Die Zugehörigkeit zu seiner Religion stellte ihn wie alle Zeugen Jehovas in scharfem Gegensatz zum NS-Regime. So verweigerten sie den Hitlergruß mit dem Hinweis, dass nach der Bibel das „Heil“ alleine in Christus zu suchen sei. Des weiteren weigerten sie sich, an Wahlen teizunehmen sowie in verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen Mitglied zu werden und lehnten den Eid auf den Führer ab.
Für die Zeugen war auch die Rassenlehre der Nationalsozialisten mit ihrem Glauben unvereinbar.
Die Nationalsozialisten sahen die “Ernsten Bibelforscher”, wie Jehovas Zeugen damals oft genannt wurden, als Teil einer „jüdisch-bolschewistischen“ Verschwörung an mit dem Ziel, eine „unumschränkte Herrschaft des Judentums“ zu errichten (Schleswig-Holsteinische Tageszeitung vom 30.6.1933) Ihre heimliche Missionstätigkeit stellte nach Lesart der politischen Machthaber damit „Hetze“ und „kulturbolschewistische Zersetzungsarbeit“ dar.

Carl Wulff wurde verhaftet und am 20.5.1938 in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert. Er bekam die Häftlingsnummer 342. In den Lagern wurden den Zeugen Jehovas als einziger Häftlingsgruppe eine “Verpflichtungserklärung” vorgelegt, mit der sie ihrem Glauben abschwören sollten, um dann möglicherweise entlassen zu werden. Carl Wulff dagegen wurde nicht entlassen. Er verstarb als christlicher Märtyrer am 11.2.1938, weniger als neun Monate nach seiner Einlieferung.
(Pate für den Stein ist die Gewerkschaft ver.di, Fachbereich Postdienste, Speditionen und Logistik)

Literatur: Imberger, Elke. Widerstand und Dissens aus den Reihen der Arbeiterbewegung und der Zeugen Jehovas in Lübeck und in Schleswig-Holstein 1933-1945

Autor: Jörn Puttkammer

hinzugefügt von R. Arendt 17.04.2013

CMax Maack – Arbeitersportler. Gedemütigt, entrechtet – Flucht in den Tod 1942

Ein Stolperstein für Max Maack –  Arbeitersportler beim AC Einigkeit 

Von Bert C. Biehl    

Diesen Tag hat Günter M. nie vergessen. Wie plötzlich, gegen Mittag, ein großes, schwarzes Auto mit quietschenden Bremsen vor dem kleinen Verkaufspavillon hält. Männer in schwarzen Ledermänteln herausspringen. An ihm vorbeistürmen in den Verkaufsraum. Seinen Onkel abführen. Den Laden schließen. Der 1. April 1942 es ist das letzte Mal, dass der Elfjährige den Onkel lebend sieht. Drei Tage später ist Max Maack tot. Er hat sich in seiner Zelle im Elmshorner Polizeigefängnis erhängt.

Max Maack wurde am 2. September 1897 in Elmshorn geboren. Er war der Sohn von Hinrich Maack, einem der Mitbegründer und Vorsitzenden des 1893 gegründeten AC Einigkeit (ACE).

Als junger Mann musste er am 1. Weltkrieg teilnehmen und büßte an der Front das linke Bein ein. Dem Sport konnte er sich daher nur noch als Funktionär widmen. Es wird angenommen, dass Max Maack von 1919 bis 1930 Vorsitzender des ACE war.

Maack wählte für sich den Beruf des Zigarrenhändlers und betrieb seit 1928 einen Kiosk am sogenannten „Panzerkreuzer“, Ecke Reichen- und Ansgarstraße. Nach der Heirat mit Anne Mohr zog er in das Haus seines Schwagers ähnlichen Nachnamens am Hogenkamp 7. Matthias Maak, von Beruf Mühlenzimmerer in der Schlüter-Mühle, war verheiratet mit Annes Schwester Maria Mohr. Die Familie Maak hatte neun Kinder. Das Haus wurde 1926 gebaut. Hier hatten Max Maack und seine Frau im 1. Stock zwei Zimmer und eine Küche. Ihre Ehe blieb kinderlos.

Sein Neffe Günter beschreibt Max als ruhigen, umgänglichen Menschen, der von 7 bis 19 Uhr in seinem Laden stand, seine Frau als einzige Hilfe. „Er sprach wenig, aber wenn, dann hatte es Hand und Fuß“, erinnert sich Günter M. Nur über Politik sprach er nie. Doch seine Vorliebe für den Kommunismus blieb der Familie nicht verborgen: In seiner kargen Freizeit las Max Maack entsprechende Bücher.

Maack trat 1931 der KPD bei. Mit nach Hause brachte er die Genossen nie, wohl um die Familien nicht zu gefährden, traf sich mit ihnen im Kiosk. Mit Beginn der Kommunistenverfolgung begann jedoch auch die Verwandschaft die Spannung zu spüren. „Wenn dat man goot geiht“, flüsterte man hinter vorgehaltener Hand über das politische Engagement von Max Maack.

Der Laden florierte unterdessen. Maack hatte auch mit der Produktion von Speiseeis begonnen, Neffe Günter belieferte damit Ausflugslokale in der Umgebung. Auch Südfrüchte habe der Onkel sich leisten können, erinnert sich der heute 76-Jährige, und auch ein Auto der Marke Fiat besaß Max Maack.

Ende 1934 ist es mit der Idylle vorbei. Im Zuge der großen Verhaftungswelle im Kreisgebiet wird auch Max Maack als KPD-Mitglied festgenommen. In den „Offenborn“-Prozessen wird er am 29. Januar zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt, die er vermutlich in Rendsburg verbüßt.

Als er 1939 wieder entlassen wird, übernimmt er wieder das Geschäft, das seine Frau in der Zwischenzeit alleine hatte führen müssen. Über seine Haftjahre schweigt er eisern. Doch seither muss er Medikamente nehmen er hatte sich im Knast ein heute nicht mehr bekanntes Leiden zugezogen.

Mittlerweile haben sich die Zeiten geändert. Die Zeichen stehen auf Mangelwirtschaft. Max Maack erweist sich als guter Organisator, der auch nach Kriegsbeginn an Zigaretten und Schokolade herankommt, was ihn zum beliebten Tauschpartner macht.

Maack hat seinen Pavillon wie auch das Gelände dahinter von der Glaserei Horns gepachtet. In einem kleinen Seitenraum hielt er wohl insgeheim ein paar Schweine, sagt sein Neffe heute. Zur damaligen Zeit habe die Familie nichts davon gewusst, auch nichts von dem begehrten Fleisch abbekommen. Heute wird vermutet, dass Maack diese Schweine schwarz geschlachtet hat – in der Nazizeit ein mit Zuchthaus bedrohtes Verbrechen. Das Fleisch könnte er dann gegen Tabakwaren eingetauscht haben. Nach Maacks Verhaftung stellt die Polizei in seiner Wohnung mit Schmalz gefüllte Töpfe sicher, aber auch von Maack gerettete Gerätschaften des 1933 verbotenen AC Einigkeit.

Am 4. April 1942 nimmt sich Maack in seiner Zelle im Elmshorner Polizeigefängnis das Leben. Er hatte sich aus Zeitungsseiten einen Strick gedreht. „Er wusste wohl, was ihm bevorstand und wollte dem entgehen“, sagt sein Neffe heute.

Pate für Max Maack ist Jens Gatzenmeier

hinzugefügt von: R.Arendt 26.05.2012

 

 

DMax Wriedt – ermordet von der SS – ein Elmshorner Arbeiter im Widerstand

Der Zimmergeselle Max Wriedt, geboren am 3. April 1886, wohnte hier in der Timm-Kröger-straße 9. Er war vor 1933 Leiter des Elmshorner „Roten Frontkämpferbundes“. Schon im März 1933, kurz nachdem Reichstagsbrand wurde er verhaftet und kam in das Konzentrationslager Glückstadt. Da die Geheime Staatspolizei ihm keine illegale Tätigkeit für die KPD nachweisen konnte, musste er aber wieder nach kurzer Zeit freigelassen werden. Im März 1934 wurde er wiederum verhaftet, denn Max Wriedt galt einem Schreiben der Hamburger Gestapo zu Folge als überführt, dem Elmshorner SS-Führer Grezesch „im Jahre 1932 wiederholt mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen und schwer verletzt zu haben“.  Nach seiner dritten Verhaftung im Dezember 1934 wurde Max Wriedt ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel überführt und hier von SS-Wachmannschaften so schwer gefoltert, dass er am 21. Januar 1935 an den Folgen der Misshandlungen starb. Er war damit der zweite Elmshorner, der nach dem Reichstagsabgeordneten der KPD, Reinhold Jürgensen, in Fuhlsbüttel ermordet wurde. Für Max Wriedt wurde am 3. März 2012 ein Stolperstein gegen das Vergessen gelegt. Die Patenschaft für diesen Stein übernimmt die Gewerkschaft ver.di, Fachbereich Postdienste Speditionen und Logistik.

Stolperstein gegen das Vergessen: Timm-Kröger-Straße 9: Max Wriedt

Ermordet von den Nazis 1935 – ein Elmshorner Arbeiter im politischen Widerstand

Der Zimmergeselle Max Wriedt, geboren am 3. April 1886, wohnte hier in der Timm-Kröger-Straße 9. Er war vor 1933 Führer des Elmshorner „Roten Frontkämpferbundes“. Schon im März 1933, kurz nach dem Reichstagsbrand wurde er verhaftet und kam in das Konzentrationslager Glückstadt. Da die Geheime Staatspolizei ihm keine illegale Tätigkeit für die KPD nachweisen konnte, musste er aber wieder nach kurzer Zeit freigelassen werden.

Sie verfolgte ihn trotzdem weiter, denn Max Wriedt galt einem Schreiben der Hamburger Gestapo zufolge als überführt, dem Elmshorner SS-Führer Grezesch, „der heute bei der Leibstandarte des Führers in Berlin aufhältlich ist“, „im Jahre 1932 wiederholt mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen und schwer verletzt zu haben.“

Der Blutsonntag von Altona und die Schlacht in der Ollnsstraße

Was geschah damals? Zur nazistischen Methode, Macht zu demonstrieren, Gegner einzuschüchtern und die eigene Gefolgschaft verschwörerisch und verbrecherisch zusammenzuschließen, gehörten provokatorische Märsche in die Wohngegenden der Arbeiter, die traditionelle Hochburgen der Kommunistischen Partei und der Sozialdemokratischen Partei waren. So drangen am 17. Juli 1932 unter dem Schutz schwerbewaffneter Polizeieinheiten Nazis zu tausenden in Altonaer Arbeiterviertel ein. Bei dieser Provokation, gegen die sich die Einwohner zur Wehr setzten, töteten SA und Polizei über ein Dutzend Antifaschisten und verletzten 70 schwer. Aus Elmshorn beteiligten sich damals sämtliche SA- und SS-Formationen. Es sollen aus dieser Stadt 500 Nazischläger gewesen sein.

Als dann am 24. Juli 1932, nur eine Woche später, ein Trupp Elmshorner Nazis durch die Ollnsstraße marschierte, Flugblätter verteilte und provozierende Lieder sang, war hier die Empörung der Anwohner groß, denn am 10. Juli waren zwei Gewerkschafter bei einem Überfall von Faschisten auf das Eckernförder Gewerkschaftshaus erstochen worden und am 17. Juli hatte, wie geschildert, der „Altonaer Blutsonntag“ sogar achtzehn Tote gefordert. Auf der Kreuzung Ollnsstraße/Im Gehölz kam es nun zur Auseinandersetzung zwischen aufgebrachten Anwohnern und den örtlichen Nazis, bei der Max Wriedt angeblich Wilhelm Grezesch attackierte.

Angriffe auf die Arbeiterbewegung – Naziterror in Elmshorn

Nur eine Woche später, in der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August des Jahres 1932, detonierten vor der Gaststätte Schütterow in der Reichenstraße Handgranaten, von Nazis aus Autos und Motorrädern geworfen. Und es wurde auf die vor der Gaststätte stehenden Menschen geschossen. Die Gaststätte war ein beliebtes Arbeiterlokal, in dem auch das Büro der Kommunistischen Partei untergebracht war. Ähnliche Anschläge folgten in dieser Nacht auch in Barmstedt, Uetersen und Pinneberg. Im November 1932 wurden ca. 40 Nazis aus Elmshorn und Umgebung, Altona und mehreren anderen Orten Schleswig-Holsteins vor dem Altonaer Sondergericht wegen dieser Attentate angeklagt. Zu den Angeklagten, die der SA oder der SS angehörten, gehörte auch der angeblich von Max Wriedt eine Woche vorher so schwer verletzte Führer der Elmshorner SS, Wilhelm Grezesch.  Wenige Tage vor Urteilsverkündung wurde Grezesch, der zu sechs Jahren Zuchthaus als einer der Hauptangeklagten verurteilt werden sollte, im Nachrückverfahren NSDAP-Reichstagsabgeord-neter, stand damit unter der Immunität. Schon vierzehn Tage später meldeten die Elmshorner Nachrichten die Haftentlassung von Grezesch. ite)

Ermordet im „KoLaFu“

Max Wriedt hingegen wurde im März 1934 wiederum verhaftet und stand wegen unerlaubten Waffenbesitzes vor Gericht. Bei einer Hausdurchsuchung wurde von der Polizei eine, angeblich in einem Holzklotz versteckte, Pistole und Munition gefunden.

Nach seiner dritten Verhaftung im Dezember 1934 wurde Max Wriedt ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel überführt. Über 200 Häftlinge kamen hier ums Leben. Sie starben an den Folterungen durch die Gestapo, Misshandlungen durch die SA und SS, wurden erschlagen, erdrosselt oder in den Tod getrieben. Dies geschah in der als „Folterkeller“ mißbrauchten Gefängniskirche. Um die Schreie der Gefolterten zu übertönen, spielte ein SS-Mann während der Verhöre auf der Orgel. Über seine Vernehmung in der Gefängniskirche berichtete der Maurer Carl Mumm aus Elmshorn: „In der Kirche wurde ich an die Heizungsrohre gekettet und von der SS verprügelt. Zusätzlich verbrannte ich meine Arme an den heißen Heizungsrohren“. (Dampfheizung). Fuhlsbüttel wurde insbesondere wegen dieser Verbrechen bereits 1933 für Tausende von Menschen zu einem Inbegriff für Grauen, Leiden und Sterben.

Auch Max Wriedt wurde hier von SS-Wachmannschaften so schwer gefoltert, dass er am 21. Januar 1935 an den Folgen der Misshandlungen starb. Er war damit der zweite Elmshorner, der nach dem Reichstags-abgeordneten der KPD, Reinhold Jürgensen, in Fuhlsbüttel ermordet wurde.

An elf Elmshorner, darunter Max Wriedt, erinnert der Gedenkstein von 1946/1947 vor dem Rathaus: „Als Opfer ihrer Überzeugungstreue für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit starben in Nazikerkerkern, Konzentrationslagern und im Freiheitskampf …“

An Max Wriedt wird ab dem 3. März 2012 mit folgender Inschrift ein Stolperstein gegen das Vergessen in der Timm-Kröger-Straße 9 erinnern:

 

HIER WOHNTE

MAX WRIEDT

JG. 1886

IM WIDERSTAND

MEHRMALS VERHAFTET

ZULETZT 1934

KZ FUHLSBÜTTEL

ERMORDET 21.1.1935

 

Die Patenschaft für diesen Stein übernimmt die Gewerkschaft ver.di, Fachbereich Postdienste Speditionen und Logistik

Rudi Arendt, 31.1.2012

 

Literatur:

Herbert Diercks/Fritz Bringmann „Die Freiheit lebt!“, Hrsg. VVN/BdA, Röderberg-Verlag, 1983

Alfred Rasmussen „Elmshorner Arbeiterinnen und Arbeiter im politischen Widerstand 1914-1934“

Hrsg. Michael Plata, Horst 2011

 

EHeinrich Kastning – im Widerstand, verhaftet von der Gestapo – Gefängnis Kiel – Ermordet 15.8.1941

Heinrich Kastning
Ludwig-Meyn Straße 5

“Der Untersuchungshäftling Heinrich Kastning wurde heute beim Aufschluß um 6 Uhr in seiner Zelle tot aufgefunden. Es liegt Freitod durch Erhängen vor. Sofort angestellte Wiederbelebungsversuche waren erfolglos.”

Darunter folgt ein unleserlicher Krakel. Die Dienstbezeichnung: Verwaltungsamtmann. Mit dieser Mitteilung an die Kieler Staatsanwaltschaft ist für die Gestapo die Gefangenensache unter der Registriernummer 864/41 erledigt. Es ist der 15. August 1941.

Um 14.50 Uhr an jenem Freitag sendet die Deutsche Reichspost in Kiel ein Telegramm nach Elmshorn. Empfängerin: Grete Kastning, Ludwig-Meyn-Straße 5. Die frisch gebackene Witwe soll binnen 24 Stunden mitteilen, ob sie die Bestattungskosten übernimmt.

Heinrich Kastnings Frau macht sich, begleitet von einer Nachbarin, umgehend auf den Weg nach Kiel. Im dortigen Untersuchungs-gefängnis in der Faeschstraße 10 erzählt man ihr, ihr Mann habe sich mit dem Hosenträger am Bettpfosten erhängt.
Grete verlangt die Leiche zu sehen. Nur widerstrebend wird sie in die Leichenhalle geführt. Heinrich Kastnings Leiche ist übel zugerichtet. Seltsame Wunden am Kopf, Einschusslöchern gleich, aus denen Blut sickert. Woher die stammen, will Grete wissen, doch die Wärter bleiben ihr die Erklärung schuldig. Sie darf die Leiche nach Hause überführen. Aber sie muss ihren Mann auf dem Elmshorner Friedhof in einer speziellen Ecke verscharren lassen, die für Staatsfeinde reserviert ist.

Heinrich hatte recht behalten: “Ich komme wohl nicht mehr wieder”, hatte er gesagt, als sie ihn zuletzt lebend gesehen hatte, im Gestapo-Hauptquartier in der Kieler Düppelstraße, gerade verhaftet, am Kopf verletzt, am ganzen Körper zitternd. Als letztes trägt er ihr auf, die Kinder zu grüßen.

Rückblende. Heinrich Ernst Wilhelm Kastning wird am 18. Dezember 1904 in der Gemeinde Heeßen im Kreis Bückeburg (heutiges Niedersachsen) geboren. Nach der achtjährigen Volksschulzeit absolviert er in Hannover eine Bäckerlehre. Ein Jahr arbeitet er noch als Geselle, wechselt dann ins Baugewerbe. 1926 schließlich findet er Arbeit in der Elmshorner Margarinefabrik Rostock. Am 8. Mai 1926 heiratet er die drei Jahre jüngere Grete Wienberg aus Seestermühe. Das Paar wird drei Kinder haben, zwei Mädchen, einen Jungen.

Ebenfalls 1926 tritt er der Freien Gewerkschaft bei, 1931 der kommunistisch orientierten “Revolutionären Gewerkschafts-Opposition” (RGO), 1932 der KPD. Da liegt die schwache Demokratie der Weimarer Republik bereits in Agonie. Straßenterror von SA und SS ist an der Tagesordnung, meist drückt die Polizei beide Augen zu oder macht sich sogar zum Handlanger des Terrors. Derweil schürt die bürgerliche Lokal-presse die Stimmung – vor allem gegen Kommunisten.

1933, nachdem die Mehrheit der deutschen Wahlberechtigten Hitler die Reichskanzler-schaft gesichert hat, beginnt die große Hetzjagd auf alle, die sich den braunen Herren nicht unterordnen wollen. Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar, der den Kommunsiten in die Schuhe geschoben wird, verbieten die Nazis die KPD und ihr nahestehende Organisationen. Per “Notverordnung” wird die politische Verfolgung Andersdenkender legalisiert. Am 2. Mai 1933 besetzen die Nazis die Gewerkschaftshäuser, verhaften die Funktionäre, beschlagnahmen die Kassen. Die RGO hatte diese Entwicklung vorausgesehen und bereits 1932 begonnen, Untergrundstrukturen aufzubauen. Im April 1933 wird Heinrich Kastning Hauptkassierer der RGO. Bis Dezember 1934 sammelt er monatlich von den Unterkassierern in den vier Elmshorner RGO-Industriegruppen die Mitgliedsbeiträge ein. Kuriere leiten sie an die Unterbezirksleitung in Altona weiter. Auf geheimen Treffen, so im Liether Gehölz besprechen die Verfolgten ihre nächsten Schritte. So verteilt Kastning unter anderem auch Zeitungen der verbotenen KPD. Doch das Netz der Verfolger zieht sich zu. Zwischen dem 13. und dem 19. Dezember 1934 verhaftet die Gestapo rund 330 Frauen und Männer in den Orten Emshorn, Barmstedt, Pinneberg, Uetersen und Um-gebung.
Nach der Erinnerung seiner Tochter Erna wird Kastning an seinem Geburtstag, dem 18. Dezember, arrestiert. Bis zum 21. Mai 1935 wird er im KZ Hamburg-Fuhlsbüttel gefangen gehalten, danach im KZ Esterwegen im Emsland, in dem zeitgleich auch der Publizist Carl von Ossietzky einsitzt.

Heinrich Kastning (Datum des Fotos ist unbekannt)

Erst Anfang 1936 beginnen in Hamburg die “Offenborn-Prozesse”, benannt nach dem Elmshorner KPD-Funktionär Johannes Offenborn. Wer von den im Rahmen der Verhaftungswelle Verschleppten nicht bereits von den NS-Schergen umgebracht wurde, erhält vor diesem Gericht zumeist hohe Haftstrafen.

Gegen Heinrich Kastning lautet die Anklage auf “Vorbereitung zum Hochverrat”. Man legt ihm zur Last, RGO-Kassierer gewesen zu sein, an die KPD Beiträge entrichtet zu haben und an der Vorbereitung verbotener Schriften mitgewirkt zu haben. Kastning wird am 11. Juli 1936 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt – einer Form der Strafanstalt, mit der verschärfte Haftbedingungen wie schwere körperliche Arbeit verbunden waren und die in der Bundesrepublik erst 1969 abgeschafft wurde.

Kasting verbüßt seine Strafe im Zuchthaus Rendsburg und im Gefangenenlager Ascherndorfermoor. Die Untersuchungshaft von einem Jahr und sechs Monaten wird gnädig angerechnet. Nach der Erinnerung seiner Angehörigen hat Kastning im Kreise der Familie nie über diese Zeit gesprochen.

Nach der Entlassung fängt der Pfeife-Raucher in Kiel bei einer Tiefbaufirma als Beton-Facharbeiter an. Er wohnt in Kiel in der Schauenburgerstraße 26 zur Unter-miete, fährt nur am Wochenende nach Hause. Tochter Erna, heute 77, erinnert sich an einen liebevollen Vater, der mit den Kindern sonntags badete, Schularbeiten machte und im Winter in der Wohnung Ballversteck spielte.

Am 10. Juli 1941, einem Donnerstag, erscheint ein Arbeitskollege bei der Gestapo. Der Däne Leo Olsen, Kastnings Mitbewoh-ner in der Schauenburgerstraße, gibt an, Kastning habe ihn zum Kommunismus bekehren wollen, sich über Nazigrößen lustig gemacht und ihn beschimpft, weil er, Olsen, Mitglied der dänischen SA sei.

Die Denunziation hat Folgen. Am 24. Juli, ebenfalls einem Donnerstag, wird Kastning um 11 Uhr auf seiner Arbeitsstelle verhaftet. Laut Verhörprotokoll bestätigt er einige der ihm zur Last gelegten Vorwürfe.

“Auf Vorhalt gebe ich zu, auch heute noch Kommunist zu sein”, heißt es in den Akten. Als Kastning am Wochenende nicht wie gewohnt nach Hause kommt, fährt seine Frau Grete zwecks Nachforschung nach Kiel. Als sie ihn schließlich bei der Gestapo kurz sehen darf, stellt sie fest, dass ihm die Lippe blutig geschlagen wurde.

Noch ein zweites Mal kann sie ihren Mann besuchen.
Am 15. August ist Heinrich Kastning tot.

Pate für Heinrich Kastning ist
der SPD-Ortsverein Elmshorn

Autor: Bert. C. Biehl

eingestellt von R.Arendt

FReinhold Jürgensen – KPD-Reichstagsabgeordneter – erschlagen von der SS

Reinhold Gustav Jürgensen wurde am 18. März 1898 in Elmshorn geboren. Er erlernte das Elektrikerhandwerk und trat 1922 in die drei Jahre zuvor gegründete KPD ein. Ab 1924 war er Kreisdeputierter (bis 1926), Stadtverordneter (bis 1933) und Funktionär der KPD-Bezirksleitung „Wasserkante“.

Bei der Reichstagswahl am 6. November 1932 wurde Jürgensen in den Reichstag gewählt. Er blieb weiterhin Elmshorner Stadtverordneter. Am 10. Dezember 1932 war seine Stimme ausschlaggebend für die Wahl des sozialdemokratischen Bürgermeisters Fritz Petersen. Zur Jahreswende 1932/33 begann Jürgensen mit dem Aufbau der Untergrundorganisation der KPD – die zunehmenden Straßenkämpfe und die Hetze gegen die Partei hatten diesen Schritt nahegelegt.

Den Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 schoben die Nazis den Kommunisten in die Schuhe. Danach wurden Versammlungen und Publikationen der KPD verboten. Dennoch trat die KPD noch einmal zur Reichstagswahl am 5. März an. Durch die politischen Umstände erhielt sie diesmal weniger Mandate. Auch Jürgensen schaffte den Einzug ins Parlament nicht mehr. Am 8. März wurden den KPD-Abgeordnete die Mandate per Notverordnung aberkannt. Bei den Kommunalwahlen am 12. März 1933 wurde Jürgensen abermals ins Kollegium gewählt. An der konstituierenden Sitzung am 31. März 1933 konnte er schon nicht mehr teilnehmen: Er war auf Veranlassung des kommissarischen Bürgermeisters Christian Spieler verhaftet und ins KZ Fuhlsbüttel gebracht worden.

Am 2. Juni wurde er wieder entlassen. Doch schon drei Wochen später, am 26. Juni, wurde Jürgensen erneut verhaftet. Bis zum 25. September war er als sogenannter „Schutzhäftlin“ in den schleswig-holsteinischen KZs Glückstadt und Kuhlen bei Neumünster interniert.

Zwischen dem 13. und 19. Dezember 1934 verhaftete die Gestapo rund 330 Frauen und Männer in den Orten Elmshorn, Barmstedt, Pinneberg, Uetersen und Umgebung. Unter den Verhafteten war am 19. Dezember auch abermals Reinhold Jürgensen.

Der Fang war der Gestapo offenbar so wichtig, dass sich deren für seine Brutalität berüchtigter Leiter Bruno Streckenbach selbst nach Elmshorn bemühte. Über das Verhör schrieb die Publizistin Gertrud Meyer:“ Im Besein des Bürgermeisters von Elmshorn (Karl Krumbeck, NSDAP; d.A.) wurde er im dortigen Polizeigebäude von SS-Sturmbandführer Streckenbach und Kriminalkommissar Stawitzki vernommen. Anschließend kammen sämtliche Verhaftete nach Hamburg ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Am nächsten Morgen (dem 20. Dezember 1934, d. A.) war Reinhold Jürgensen tot. Wie immer wenn ein Häftling nachts erschlagen worden war, behauptete die Gestapo, er habe sich erhängt.“ (1)

Nach späterer Aussage des Zeugen Hermann Göck, der gemeinsam mit Jürgensen nach Fuhlsbüttel verschleppt wurde, hatten die Polizisten Jürgensen vor dem ABtransport noch aufgefordert, vor seinen Kameraden und den Nazis die „Internationale“ zu singen. Jürgensen habe geantwortet: „Auf euren Befehl singe ich sie nicht.“

Der Gefangene muss übel gefoltert worden sein. Einige Quellen zufolge durften seine Angehörigen die Leiche nicht sehen. Sie wurde auf Kosten der Hamburger Polizei in Elmshorn beerdigt.
Im Jahr 2008 erinnert sich die 82-jährige Käthe Buckschat, eine Tochter von Hans Emil Jürgensen und somit nIcht von Reinhold: „Mein Vater musste die Leiche vom Kolafu abholen. Er hat die schlimmen Verletzungen gesehen. Aber sie haben ihm verboten darüber zu sprechen.“ Hans soll auch vor der Teilnahme an der Beisetzung gewarnt haben: „Kommt lieber nicht, die Gestapo trägt den Sarg!“ Käthe Buckschat war zum Todeszeitpunkt Reinhold Jürgensens zwölf Jahre alt.

Reinhold Jürgensen hinterließ eine Frau und eine damals zwölfjährige Tochter.
1986 ehrte die Stadt Reinhold Jürgensen mit der Benennung des Platzes in eiem Wohngebiet, in dem früher viele Anhänger der KPD wohnten.

Jürgensens Name steht zudem auf dem Gedenkstein vor dem Rathaus.
Als früherer Reichstagsabgeordneter hat er einen Eintrag im Ehrenbuch des Deutschen Bundestages.

Quellen:
1 Meyer, Gertrud: Nacht über Hamburg, Bericht und Dokumente 1933-1945. Frankfurt/M. 1971
Bringmann, Fritz; Diercks, Herbert: Die Freiheit lebt. Antifaschistischer Widerstand und Naziterror in Elmshorn und Umgebung 1933-1945. Frankfurt/M. 1983

Autor: Bert C. Biehl

Eingestellt von: R.Arendt

GStanislaus Pade, Zwangsarbeiter – hingerichtet am 5. Februar 1943

Stolperstein für Stanislaus Pade vor dem Langeloher Hof

 

Von Christel Patzak    

Der Liste aller nach Elmshorn verschleppten Zwangsarbeiter, die die britische Militärregierung nach dem Kriegsende verlangte, ist zu entnehmen, dass im Laufe des Krieges 2146 Personen in 242 Elmshorner Betrieben Zwangsarbeit leisten mussten. Die Betriebe waren formal nicht gezwungen, Zwangsarbeiter einzusetzen, sondern sie mussten diese beim Arbeitsamt anfordern.

 

Von den 2146 Zwangsarbeitern waren 75 Prozent Männer und 25 Prozent Frauen. Es waren zum großen Teil sehr junge Menschen. Fast die Hälfte aller Zwangsarbeiter, nämlich 45 Prozent, war unter 21 Jahren. Etwa fünf Prozent waren Kinder zwischen elf und 15 Jahren, und 20 Prozent waren zwischen 16 und 18 Jahre alt. Älter als 40 Jahre waren nur zwölf Prozent.

 

Bis jetzt ist bekannt, dass 33 Personen, darunter 14- und 16-jährige Zwangsarbeiter, von den Nazis in Konzentrationslager deportiert wurden. Zwei Polen wurden hingerichtet. Einer von ihnen war Stanislaus Pade.

 

Stanislaus Pade wurde am 29. September 1921 in Posen geboren. Er kommt im März 1940 als 19-Jähriger mit einem der ersten Transporte von Zwangsarbeitern nach Elmshorn, trägt die Ausweisnummer 985. Er schuftet für die Baumschule Gebr. Mohr auf Langelohe und wird in der Gaststätte „Langeloher Hof“, die als Zwangsarbeiterlager eingerichtet wurde, einquartiert. Das Lager hat Platz für zirka 40 Menschen und war laut Schreiben der Stadt Elmshorn vom 4. Dezember 1942 mit zirka 178 Menschen hoffnungslos überfüllt.

Schon 1940, so ergibt die Aktenlage, sind die hygienischen Zustände katastrophal: verstopfte Latrinengräben unter den Fenstern, keine Wasserhähne im Waschraum, die Raumtemperatur –2° im Winter, Flohplage trotz Formalinbegasung.

Aus einem Polizeibericht vom 13. Juni 1940: „ Das Lager Langelohe wird regelmäßig von der Polizei überwacht. Die Polen besitzen kein Nähzeug, um das vorgeschriebene „P“ festzunähen.“

Ein sogenanntes „Polenabzeichen“, das aufgrund der „Polenerlasse“ vom 8. März 1940 jeder polnische Zwangsarbeiter in Deutschland tragen musste.

Andererseits steht in der „Polizeiverordnung über die Kenntlichmachung im Reich eingesetzter Zivilarbeiter- und Arbeiterinnen polnischen Volkstums vom 8. März 1940, dass Zuwiderhandlung/ Nichttragen des “P“s eine Geldstrafe bis zu 150,- Reichsmark oder Haft bis zu sechs Wochen zur Folge haben.

Im Juni 1940 stellt Stanislaus Pade, zusammen mit anderen polnischen Zwangsarbeitern, beim Landrat in Pinneberg einen Antrag auf Feststellung der deutschen Volkszugehörigkeit, der ihn bei positivem Entscheid von den harten Bestimmungen für polnische Zwangsarbeiter entbunden hätte. Wie zum Beispiel: Tragen eines aufgenähten „P“, Verbot des Kontaktes mit Deutschen, Verschluss im Lager während der Nachtzeiten. Doch der Antrag wird abschlägig beschieden. Dabei hat Stanislaus Pade offensichtlich deutsche Wurzeln, denn in den Akten im Stadtarchiv Elmshorn gibt es einen handgeschriebenen Brief auf Deutsch in Sütterlinschrift von der Mutter Martha Pade, in dem sie darum bittet, ihren ältesten Sohn Stanislaus zu beurlauben, da sie praktisch allein mit ihren fünf weiteren Kindern auf der Straße sitzt. Mit einem Brief der Stadt Elmshorn vom 27. Mai 1941 wird Martha Pade, Siedlung 32, Guntershausen/Posen, mitgeteilt, dass eine Beurlaubung ihres Sohnes Stanislaus nicht stattfinden könne, da eine allgemeine Urlaubssperre aus verkehrstechnischen Gründen bestehe.

Am 22. Dezember 1942 wird Stanislaus Pade wegen des Handels mit Lebensmittelmarken als „Volksschädling“ vom Sondergericht Kiel zum Tode verurteilt. Mit einem Schreiben an die Stadt Elmshorn teilt die Untersuchungshaftanstalt Hamburg-Stadt mit, dass Stanislaus Pade am 5. Februar 1943 dort hingerichtet worden ist. Der Vollzug des Urteils wurde zur Abschreckung in Langeloher Hof ausgehängt. Stanislaus Pade war gerade 22 Jahre alt geworden.

 Paten für Stanislaus Pade sind

Christel und Dieter Patzak sowie

die Klasse Vc der Bismarckschule mit der Leiterin Christel Welsch und den Schülerinnen und Schülern: Marijim Arabo, Jannike Becker, Niklas Boos, Mirko Hahn, Kim Huckfeldt, Matthias Jochimsen, Chris Jordan, Dilara Mayer, Niko Michalowski, Jana Miosga, Michelle Niewiadomski, Marvin Nowack, Simon Poetzsch, Frederike Preissner, Frederic Schattauer, Vanessa Schattauer, Frederik Schmidt, Katharina Schröder, Lasse Steinberg, Julia Till, Katrin Topko, Freia Westphalen, Anna Zatzkowski

eingestellt von Rudi Arendt

 veröffentlicht unter: www.stolpersteine-elmshorn.de

HAlfred Oppenheim

Alfred Oppenheim wurde am 13.Mai 1897 als Sohn des Kaufmanns und Lederfabrikanten Julius Oppenheim und dessen Frau Emma Oppenheim, geb. Sternberg, verwitwete Jülich in Elmshorn geboren. Er war ein Enkel des in Schleswig-Holstein sehr bekannten Selig-Nathan Oppenheim, der im Krieg von 1848/51 die Goldene Medaille bekam, die ausser ihm nur noch vier andere Personen erhielten. Zu dessen goldener Hochzeit erschienen 1902 u.a. auch der Regierungspräsident von Schleswig-Holstein. Alfred Oppenheim wohnte hier in der Kaltenweide 3. Er wurde wie sein Vater Julius ein Kaufmann und nahm am I. Weltkrieg teil. Sein Name steht auf der Gedenktafel der jüdischen Teilnehmer vom Ersten Weltkrieg in der Bismarckschule Elmshorn. Er wurde in Elmshorn der „Baron von Oppenheim“ genannt und war ein „schwarzes Schaf der Familie“. Er heiratete 1926 Dolly Shuhoke, die schon 1931 in Elmshorn verstarb. 1942 verhaftete man Alfred Oppenheim und brachte ihn in das Gestapo-Gefängnis, das Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Dort starb er am 6.4.1943.

Das KL Fuhlsbüttel, auch Kola-Fu genannt, wurde ab März 1933 auf dem Geländekomplex der Strafanstalt Fuhlsbüttel in Hamburg errichtet und bestand bis zum Ende des Nationalsozialismus im April 1945. Ab dem 4.September 1933 wurde es der SS-Bewachung unterstellt und offiziell zum KZ erklärt.  Mitte 1936 ordnete Heinrich Himmler die Umbenennung zum Polizeigefängnis an. Es stand unter der Verwaltung der Gestapo. Unter diesem Namen firmierte es bis April 1945.

 Patenschaft für den Stein für Alfred Oppenheim: Harald Kirschninck

Autor: Harald Kirschninck

Literatur:

Kirschninck, Harald: Die Geschichte der Juden in Elmshorn. 1685-1918. Band 1. Norderstedt 2005.

Kirschninck, Harald: Die Geschichte der Juden in Elmshorn. 1918-1945. Band 2. Norderstedt 2005.

Kirschninck, Harald: Juden in Elmshorn. Teil 1. Diskriminierung.Verfolgung. Vernichtung. in: Stadt Elmshorn (Hrsg.):

Beiträge zur Elmshorner Geschichte. Band 9. Elmshorn 1996.

Kirschninck, Harald: Juden in Elmshorn. Teil 2. Isolierung. Assimilierung. Emanzipation. in: Stadt Elmshorn (Hrsg.):

Beiträge zur Elmshorner Geschichte. Band 12. Elmshorn 1999.

IMax Andreas Hahn, Zeuge Jehovas – verhaftet 1936 – ermordet im KZ Sachsenhausen

Stolperstein für Max Andreas Hahn

Von Jörn Puttkammer    

Max Andreas Hahn wurde am 13. Februar 1882 in Seestermühe als Sohn von Andreas Hahn und seiner Frau Katharina, geb. Bornhold, geboren.

Laut Elmshorner Polizeibericht von 1935 stammte er aus einer angesehenen Müllers-Familie, der Vater sei Besitzer einer Windmühle gewesen, Brüder von ihm lebten in Elmshorn oder hätten dort gelebt, es seien ordentliche Menschen mit gutem Leumund.

Seit 1921 wohnte er in Elmshorn, im selben Jahr heiratete er auch Martha Bollmann, die Ehe blieb kinderlos.

 Nach dem Tod seiner Ehefrau im Jahre 1930 lebte er alleine in der Elmshorner Friedensallee 42, 1. Stock. Er war des weiteren mehrere Jahre erwerbslos und lebte von Unterstützung.

 Hahn gehörte etwa seit 1928 zu der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung IBV (Zeugen Jehovas). Zitat aus dem Polizeibericht vom 11. März 1935: “Es kann sonst Nachteiliges über ihn nicht gesagt werden, er hat sich in der Zeit seiner Anwesenheit in Elmshorn immer gut geführt und ist nicht vorbestraft.”

 Hahn wird 1935 vor dem Sondergericht Altona zusammen mit fünf Elmshorner Glaubensschwestern angeklagt. Sie hätten entgegen dem Verbot des Preußischen Ministerium des Innern vom 24. Juni 1933 regelmäßige Versammlungen in ihren Privatwohnungen in Elmshorn sowie bei einer weiteren Glaubensschwester in Offenau abgehalten.

 Die hiesige Polizei hatte ihren Auftrag zur Ermittlung in Sachen Bibelforscher sehr ernst genommen und am 28. Januar 1935 ein Handarbeitstreffen der fünf Bibelforscherinnen gestürmt. Mit dem Überfallwagen sei man zu dem Treffen in der Ollnstraße 14 gefahren und sei schlagartig in die Wohnung eingedrungen. Danach habe man die Anwesenden zur Polizeiwache transportiert, obwohl nicht festgestellt werden konnte, dass die Teilnehmerinnen sich mit einer religiösen Handlung beschäftigten.

Eine der Teilnehmerinnen gibt später zu Protokoll, sie bestreite nicht, dass bei solchen und ähnlichen Zusammenkünften religiöse Sachen besprochen wurden.

 Auch Max Andreas Hahn gibt an, an den Gottesdiensten in der näheren Umgebung trotz Verbotes weiter teilgenommen zu haben. Häufig sei der Altonaer Zeuge Jehovas Paul Chrupalla dazu gekommen (Anmerkung: Stolpersteine für das Ehepaar Chrupalla wurden 2006 in Altona verlegt), man habe sich dann jeweils auf Zeit und Ort des nächsten Treffens geeinigt.

 Hahn habe in diesen Gottesdiensten nichts Strafbares gesehen, denn er habe in diesem Falle “nur dem von ihm gewählten König, und das ist Jesus Christus, gehorsam zu sein”. Dieser sage in der Bibel, dass er diese Gottesdienste nicht versäumen darf. Diesem Gebot sei er nachgekommen, eine weltliche Macht könne ihn wohl kaum daran hindern. Zitat: “Ich erkenne alle irdischen Gesetze an, die mit der Bibel in Einklang zu bringen sind, andere Gesetze kann ich nicht anerkennen.”

Im Rahmen der ebenfalls am 28. Januar 1935 in der Friedensallee durchgeführten Haussuchung wurden bei Hahn verschiedene Bücher, Zeitschriften, Broschüren und Kalender der Zeugen Jehovas gefunden.

Trotz Geständnissen der Angeklagten endet die Verhandlung mit einem Freispruch. Die Verfügung des Preußischen Innenministeriums sei gegen die zwölf Mitglieder der IBV in Magdeburg und ihre Mitglieder gerichtet gewesen. Dazu hätten die Angeklagten nicht gehört.

 Zitat aus dem Urteil des Sondergerichtes vom 3. April 1935: “Mangels dieser Voraussetzung ist daher die Verfügung des Preußischen Ministers des Innern, soweit sie etwa gegen die Mitglieder der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung im weiteren Sinne gerichtet sein sollte, unzulässig und ungültig. Eine strafbare Handlung der Angeklagten war danach nicht festzustellen. Die Angeklagten waren daher freizusprechen.”

 Dieser Freispruch veranlasste den Kieler Generalstaatsanwalt zum Schreiben eines Beschwerdebriefes an den Reichsjustiz-minister.

 Er halte die Entscheidung für unrichtig und die Begründung für rechtsirrig. Jeder mache sich strafbar, der bewusst dem mit diesen Maßnahmen verfolgten Zwecke zuwiderhandele. Dies treffe auf die Angeklagten zu, die also hätten bestraft werden müssen. Um weitere Freisprüche zu vermeiden, lasse er ähnliche Verfahren zunächst ruhen.

Am 12. Dezember 1936 wird Max Hahn bei der Verteilung des Flugblattes “Resolution” in der Elmshorner Kirchenstraße verhaftet. In diesem Flugblatt heißt es unter anderem:

  “Wir rufen alle gutgesinnten Menschen auf, davon Kenntnis zu nehmen, daß Jehovas Zeugen in Deutschland, Österreich und anderswo grausam verfolgt, mit Gefängnis bestraft, und auf teuflische Weise mißhandelt und manche von ihnen getötet werden. Alle diese verruchten Taten werden gegen sie von einer grausamen, heimtückischen und bösen Macht verübt, wozu diese durch jene religiöse Organisation, nämlich die römisch-katholische Hierarchie, welche viele Jahre lang das Volk getäuscht und den heiligen Namen Gottes gelästert hat, veranlaßt wird. Die Hitlerregierung, die von den Jesuiten der römisch-katholischen Hierarchie unterstützt und beeinflußt wird, hat wahren Christen jede Art grausamer Bestrafung auferlegt und fährt fort dies zu tun …. Aus diesem Grunde lassen wir heute die Warnung an die Herrscher in Deutschland, an die römisch-katholische Hierarchie und an alle ähnlichen Organisationen …. ergehen, daß ihr Geschick, nach Gottes Wort, vollständige Vernichtung sein wird ….”

 Am 15. Januar 1937 wird Max Andreas Hahn vom Schleswig-Holsteinischen Sonderge-richt in Altona zu neun Monaten Haft verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe wird er in das Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt, wo er am 13. November 1939 im Alter von 57 Jahren verstirbt.

 Patin für Max Andreas Hahn ist die Wählergemeinschaft Elmshorn/Die Grünen

Anmerkung:

Noch heute steht am Mühlendeich 30 in Seestermühe das Gebäude, das jetzt als Wohnhaus genutzt wird – eine ehemalige Mühle, deren einer Vorbesitzer der Vater des späteren NS-Opfers Max Andreas Hahn war. Eine Gruppe von Bürgern, an der Spitze der frühere Bürgermeister Otto Schinkel, spürt derzeit der Baugeschichte aller Häuser in der Gemeinde nach. Das Folgende haben sie herausgefunden.

 Die Mühle wurde 1709 von dem Gutsherren Hans Heinrich von Ahlefeldt erbaut und als Graupenmühle betrieben. Vom Typ her war es eine sogenannte Holländermühle mit einem drehbaren Kopf. Die Mühle war größer und moderner als die Dorfmühle, sie hatte aber keinen Mühlengang für Schrot und Mehl. Sie blieb deshalb immer unrentabel und wechselte häufig den Besitzer.

 Schuld waren auch die Lasten, die noch vom Gut auf der Mühle lagen, und die schlechte Lage am Deich (keine festen Wege) und die Beschränkung als Graupenmühle. Um 1878 konnte der Konkurs nur abgewendet werden, weil vier Hektar Landbesitz verkauft wurde. Das Land liegt dem Haus gegenüber. Die Mühle wurde trotzdem verkauft.

 Neuer Besitzer war Andreas Hahn. Sein Sohn Max Andreas wurde 1882 geboren. Die Familie wohnte im Haus Mühlendeich 25. Doch auch sie vermochte die Mühle nicht zu halten.

 Am 24. September 1894 wurde sie in der Gaststätte Hüllmann versteigert. Jürgen Koopmann erhielt den Zuschlag und verkaufte sofort an Wilhelm Plump, den Besitzer der Dorfmühle. Der ließ den Turm bis aufs Mauerwerk abreißen. Er baute einen modernen Dieselmotor ein. Die Mühle musste 1930 wegen Zahlungsschwierigkeiten den Betrieb einstellen.

 

Hinzugefügt von R.Arendt 26.05.2013

JHeinrich Sibbert Opfer der „Euthanasie“ – der Mord an Kranken und Behinderten

Ein Stolperstein für Heinrich Sibbert, Opfer der „Euthanasie“ – der Mord an Kranken und Behinderten

Von Gisela Hansen    

Fuchsberger Allee 22 – dieses Grundstück direkt neben den Gleisen der AKN ist vielen Elmshornern durch seinen liebevoll gestalteten Garten bekannt: außer Pflanzen sind dort auch Nachbildungen verschiedener Gebäude, z.B. des Hamburger Michel, zu bewundern.

Vor diesem Haus soll am 15. April 2008 von dem Kölner Künstler Gunter Demnig ein Stolperstein zum Gedenken an Heinrich Gottlob Friedrich Sibbert verlegt werden, der hier seine Kindheit und Jugend verbrachte und im Alter von 34 Jahren getötet wurde, weil er unheilbar krank war.

Dies fand der Arbeitskreis Stolpersteine nach längeren Recherchen jetzt mit Hilfe des Berliner Historikers Dr. Harald Jenner heraus. Sibberts Neffe Hans-Heinrich, der jetzt im Haus seiner Großeltern wohnt, war nach kurzem Zögern bereit, die Aktion zu unterstützen.

„Viele Einzelheiten zum Lebensweg von Onkel Heini kann ich leider nicht beitragen“, erzählt der pensionierte Berufsschullehrer, „aus der vorigen Generation lebt niemand mehr und über sein schreckliches Schicksal wurde in meinem Beisein allenfalls in Andeutungen gesprochen“.

Heinrich Sibbert wurde am 6. Oktober 1906 in Elmshorn geboren. Seine Eltern Heinrich Marcus Sibbert und Anna Catharina, geb. Schilling, hatten noch fünf weitere Kinder: Hermann, Emma, Ernst, Anni und Hans. Vater Sibbert war Maurer, und auch Heinrich erlernte dieses Handwerk.

Nach einer im Bundesarchiv in Berlin aufbewahrten Akte kam er 1934 in die damalige „Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt“ Neustadt. Neffe Hans-Heinrich, Jahrgang 1937, erinnert sich an ein Foto, auf dem er als kleiner Junge mit Onkel Heini auf dem großelterlichen Hof zu sehen ist. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass er irgendwie krank war; später hieß es, er habe einen Unfall gehabt.“

Die Vorstellung, dass unheilbare kranke Menschen kein Recht auf Leben hätten, ja dass es geradezu zur Pflicht werden könne, sie zu töten, hatte schon lange vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten viele Anhänger, auch unter angesehenen Juristen und Ärzten. Man war der Meinung, dass die Fortschritte in Medizin und Sozialfürsorge der „natürlichen Auslese“ schwacher und nicht lebenstüchtiger Menschen entgegenstünden.

Diese Menschen wurden als „leere Menschenhülsen“ angesehen, für die der strafrechtliche Schutz nicht gelte; es wurde unterstellt, dass sie sich nach „Erlösung“ sehnten. Wirtschaftliche Argumente kamen hinzu („Ballastexistenzen“, „nutzlose Esser“).

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, zogen sie aus der theoretischen Unterscheidung zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben die tödlichen Konsequenzen: zunächst durch gesetzlich angeordnete Zwangssterilisierungen, von denen mehr als 350.000 Menschen betroffen waren, später durch massenhaftes Töten von Kranken und Behinderten. Sie verwendeten dafür das aus dem Altgriechischen stammende Wort „Euthanasie“, das eigentlich „guter Tod“ bedeutet.

Die Tötungsaktionen werden in der Rückschau nach den organisatorischen Rahmenbedingungen in vier Abschnitte eingeteilt; Heinrich Sibbert gehört zu den Opfern der im Oktober 1939 eingeleiteten“ Aktion T4“.

Die Anstalt in Neustadt erhielt wie alle psychiatrischen Kliniken Meldebögen zur Erfassung schwerkranker Patienten. Alle Menschen, die wie Heinrich Sibbert länger als fünf Jahre in der Anstalt gelebt hatten, mussten ohne Rücksicht auf das Krankheitsbild gemeldet werden. Aufgrund der schriftlichen Angaben der Kliniken entschieden dann Gutachter über Tod und Leben der Patienten, ohne sie gesehen zu haben.

Heinrich Gottlob Fridrich Sibbert wurde Opfer der NS-Euthanasie.

Diejenigen, denen das Lebensrecht abgesprochen wurde, wurden in eine von sechs Tötungskliniken gebracht und dort mit Gas umgebracht.

Heinrich Sibbert starb am 9. Juli 1941 in der Tötungsanstalt Bernburg / Saale; vermutlich zusammen mit 92 weiteren Patienten, die am 13. Juni 1941 aus Neustadt zunächst in die „Zwischenanstalt“ Königslutter gebracht worden waren.

Die systematische Nutzung von „Zwischenanstalten“ diente dazu, die „Kapazitäten“ der sechs Tötungszentren zu steuern und etwaige Nachforschungen von Verwandten zu erschweren. Meistens wurde den Familien mitgeteilt, dass ihr Angehöriger an einer Krankheit (z. B. Herzschwäche) gestorben sei und es wurden Urnen, gefüllt mit Asche von verschiedenen Opfern, übersandt.

Nach Hans-Heinrich Sibberts Erinnerung haben seine Großeltern während des Kriegs von dem schrecklichen Schicksal ihres Sohnes nichts erfahren. Vor allem die Großmutter habe die Hoffnung auf ein Wiedersehen erst aufgegeben, als sie nach Kriegsende das amtliche Schreiben mit der Todesnachricht bekam.

Bei der“ Aktion T4“ kamen mehr als 70.000 Menschen ums Leben, bei der zwischen 1939 und 1945 durchgeführten „Kindereuthanasie“ mindestens 5.000 Kinder. Der „Aktion 14 f 13“ (Selektion nicht arbeitsfähiger KZ-Gefangener) fielen mindestens 15.000 Menschen zum Opfer).

Die straff und zentralistisch organisierte Aktion T4 war von Hitler im August 1941 gestoppt, worden, u. a. wohl wegen des sich regenden Protestes aus den Kirchen. Ein Teil des verantwortlichen Personals wurde in die in Polen errichteten Vernichtungslager verlegt.

Die überlebenden Insassen der Heil- und Pflegeanstalten blieben dennoch nicht verschont: im Zuge der „Aktion Brandt“ (benannt nach Hitlers „Begleitarzt“) wurden sie teils in ihren „Heimatkliniken“, teils nach Deportation durch Überdosierung von Medikamenten, Verhungern lassen oder auch durch Luft- oder Benzineinspritzungen umgebracht.

Da jetzt – im Unterschied zur „AktionT4“ – kein bürokratischer Aufwand mehr getrieben wurde, ist die Zahl der Opfer schwer zu schätzen. Nach Angaben von Fachleuten sollen es aus Schleswig-Holstein mindestens 3.000 Personen gewesen sein.

Paten für Heinrich Sibbert sind Gisela und Dieter Hansen

Hinzugefügt von R. Arendt 26.05.2013