Stolpersteine für die Sinti und Roma Familie Winterstein

21. April 1944
Königstraße 51, Elmshorn

Das kurze Leben von Benno Bengalo Winterstein begann am 14. September 1932 in Elmshorn. Er wohnte mit seinen Eltern Gerson und Marie und der etwa eineinhalb Jahre älteren Schwester Esther Marga in der Königstraße 51. Dieses Grundstück ist heute unbebaut , es liegt nicht direkt an der Königstraße, sondern zwischen dem Torhaus und dem Propstendamm an der Verlängerung des von Alteingesessenen „Streckers Gang“ genannnten Fußwegs. Hier hatte  zuvor die Familie Strecker eine Lederfabrik gehabt. Nach dem Elmshorner Adressbuch von 1934 wohnten dort außer Mitgliedern der  Fabrikantenfamilie noch 22 Mietparteien. Vermutlich waren in dem stillgelegten Fabrikgebäude einfache Wohnungen entstanden, deren Bewohner sich mit den Streckers die Adresse teilten. 

Bennos Eltern  hatten 1930 geheiratet, der Heiratseintrag beim Standesamt Elmshorn gibt als Beruf bei Gerson „Händler“, bei Marie „Arbeiterin“ an. Bei der Geburt der Kinder ist die Berufsbezeichnung für den Vater „Arbeiter“. 

Gerson Winterstein war Sinto. – Als Sinti  oder Roma bezeichnet man eine aus Indien stammende, seit dem Mittelalter in Europa lebende Minderheit mit einer eigenen Sprache und kulturellen Besonderheiten.  In Deutschland hat sich für die Menschen, deren Vorfahren seit langem in Deutschland ansässig waren, die Bezeichnung „Sinti“ durchgesetzt. Den von der übrigen Bevölkerung  früher verwendeten Begriff „Zigeuner“ lehnen die meisten Sinti und Roma als diskriminierend ab.  

In Deutschland sind Sinti seit Ende des 14. Jahrhunderts nachweisbar. Sie waren fast von Anfang an massiver Verfolgung ausgesetzt, wurden für vogelfrei erklärt, enteignet und außer Landes getrieben.   Durch Sprachverbote, Zwangsehen mit Nicht-“Zigeunern“ und Wegnahme der Kinder sollten sie zur Assimilation an die Mehrheitsbevölkerung gezwungen werden. Die reisende Lebensform, an die sie gewöhnt waren, erleichterte ihnen die Flucht und damit das Überleben. Entgegen dem Klischee sind heute die meisten Sinti und Roma  sesshaft. 

In welchem Umfang Sinti-Bräuche in der Familie Winterstein gepflegt wurden, wissen wir nicht. Dass die Mutter Marie „deutschblütig“ war, wie es in einem Schreiben der Elmshorner Polizei aus dem Jahr 1936 heißt, spricht eher dagegen. 

Schon bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden  viele Sinti und Roma aus  Deutschland  und später auch aus Österreich in Konzentrationslager verschleppt. Im Herbst 1938 begann in der Verantwortung des „Reichsführers SS und Chefs der deutschen Polizei“ Heinrich Himmler die zentrale Erfassung dieser Minderheit mit dem Ziel ihrer Vernichtung. Von den 40 000 durch die Nationalsozialisten registrierten deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden 25 000 ermordet, vor allem  durch Vergasung, aber z. B. auch durch medizinische Experimente. In den im Krieg besetzten Gebieten wurden nach Schätzungen weitere 500 000 Menschen umgebracht – durch Massenerschießungen oder durch Vergasung in den Vernichtungslagern. 

Nach dem erwähnten Schreiben der Elmshorner Polizei, in dem diese der Landeskriminalpolizeistelle  in Altona Bericht über die in Elmshorn lebenden „Zigeuner“ erstattete, wurde Gerson Winterstein schon 1934 für einige Zeit „einem Konzentrationslager zugeführt“, allerdings nicht aus rassistischen Gründen, sondern „wegen kommunistischer Umtriebe“. Das Schreiben endet mit dem Satz „Winterstein ist als Volksschädling übelster Art zu bezeichnen, für den es angebracht wäre, aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen und in Dauerverwahrung genommen zu werden.“  Gerson Winterstein gehörte möglicherweise zu den insgesamt 1238 norddeutschen Sinti und Roma, die in den Jahren 1940 und 1943 von Hamburg aus in die Konzentrationslager Belzec  bzw. Auschwitz verschleppt wurden. 

Spätestens seit dem Jahr 1943 lebten Benno und seine Schwester Marga im städtischen Kinderheim am Sandberg. Mit Hilfe des Stadtarchivs und des Vereins für Familienkunde  ist die Arbeitsgemeinschaft „Stolpersteine für Elmshorn“ in den Besitz eines Gruppenfotos gelangt, das Benno zusammen mit etwa 40 Elmshorner Jungen und einigen Erwachsenen zeigt, die von Mai bis Dezember 1943 zur „Kinderlandverschickung“ (KLV) in Helbigsdorf in Sachsen waren.  Dass Benno mitfahren durfte, war nicht selbstverständlich, denn die  KLV wurde weitgehend von der Hitlerjugend organisiert und Benno war nach den rassistischen Vorstellungen der Nazis als „Zigeunermischling“ noch weniger wert als ein „reinblütiger Zigeuner“. – Die Elmshorner Senioren Georg Wilhelm Kröger und Uwe Modrow, die auch in Helbigsdorf waren, erinnern sich an Benno als einen lebhaften Jungen, der sich gern an allen Unternehmungen beteiligte und gelegentlich auch besondere Aufgaben von den Erwachsenen übertragen bekam. Uwe Modrow, der Benno schon aus Elmshorn kannte, schrieb damals an seine Mutter: „Benno Winterstein,das ist einer aus Elmshorn aus dem Pflegeheim,…..ist jetzt in Mulda. Er soll zwei bestellte Liegestühle abholen für die Fußkranken“. 

Am 21. April 1944 wurden der 11jährige Benno und seine 13jährige Schwester in Auschwitz eingeliefert. Sie waren mit 24 anderen Sinti, hauptsächlich Kindern und Jugendlichen, von Hamburg aus deportiert worden. Benno bekam die Häftlingsnummer

Z 9798 in den Unterarm tätowiert. Weitere Einzelheiten sind über sein Schicksal nicht bekannt, aber nach allem was über die Zustände im „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau bekannt ist, muss man davon ausgehen, dass er nicht zu den wenigen Überlebenden gehört. 

Die Schwester Esther Marga hat nicht nur Auschwitz, sondern auch die Konzentrationslager Ravensbrück, Mauthausen und Bergen-Belsen überlebt und ist im Sommer 1945 vom Roten Kreuz nach Schweden evakuiert worden. 

Gisela Hansen

Patenschaft für den Stein von Benno Bengalo Winterstein: Magdalene und Götz Springorum

Redebeitäge von Schülerinnen der Elsa-Brandström-Schule zur Stolpersteinverlegung am 3.3.2012 vor dem Torhaus 

Hier entsteht der Gedenkort für die Familie Winterstein, die hier zwischen 1930 und 1944 gelebt hat. Sie waren Mitglieder der Sinti-Gemeinschaft.

 

Die Geschichte der Roma und Sinti in Europa ist eine lange Geschichte der Diskriminierung, Verfolgung, Vertreibung bis hin zur Vernichtung. Heute repräsentieren sie die größte europäische Minderheit. Ihre Zahl ist auf etwa 12 Millionen angewachsen und zu 90% sind sie sesshaft. Aber noch immer stehen sie am Rande der Gesellschaft. Im Jahr 2010 wurde die Hälfte von ihnen durchschnittlich 11mal Opfer von Diskriminierung aufgrund ethnischer oder solcher Gründe, die immigrationsbedingt in den jeweiligen Ländern üblich sind. In Ungarn und Rumänien ist Gewalt gegen sie aktuell gerade auf dem Höhepunkt. Auch in Berlin, wohin viele aus Rumänien oder Bulgarien hingezogen sind, sind sie Gegenstand heftiger Debatten. Gut gemeinte

Projekte und Appelle zur Integration der Volksgruppe scheitern regelmäßig.

Sehr spät wurde dies von der nationalen wie europäischen Politik wahrgenommen. Erst 2oo4 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte offiziell die Minderheit anerkannt und ihr Recht auf Nomadentum, obwohl mit einem Verweis auf Artikel 8 und 14 der Menschenrechtskonvention dies früher hätte geklärt werden können.

 

Im April 2011 fand in Cordoba der 2. Europäische Gipfel zur Inklusion, d.h. soziale Eingliederung der Roma statt, doch zur gleichen Zeit praktizierte die französische Regierung die verschleierte Abschiebung der Roma von Frankreich nach Rumänien unter dem Deckmantel der „humanitären Hilfe zur Rückkehr“.

Die bisherigen Anstrengungen zur Situationsverbesserung der Roma/Sinti in Bezug auf Bildung, Arbeit, Gesundheitsleistungen, Unterkunft und soziale Integration bewirkten bedauernswert wenig. Diskriminierung erfolgt von individueller wie staatlicher Seite gleichermaßen.—Sollen Roma/Sinti weiterhin als Sündenböcke für Kriminalität dienen und als schwarze Schafe

Europas bezeichnet werden? So hätte sich leider nichts Wesentliches geändert gegenüber dem Schicksal der Familie Winterstein, Vater Gerson und der Kinder Marga und Benno, an deren letzten gemeinsamen Wohnort wir uns hier versammelt haben.

 

SV-Vertretung der Elsa Brändström Schule

Elmshorn, den 3.3.2012

 

Bei dieser jungen Sinti-Familie wurde ständig nach polizeilich verwertbarem Fehlverhalten gesucht und stetige Repressalien führten gar zur Trennung der Eltern, dem Heimaufenthalt der Kinder sowie ihrer Deportation als „Zigeuner-Mischlinge“. Für Marga begann eine Odyssee durch zahlreiche europäische KZs, die sie unmittelbar überlebte, aber für welchen Preis der

körperlichen und seelischen Schädigung…

Ich hoffe, dass unsere Erinnerungsarbeit dazu führt, dass die Menschen heute schneller fehlerhafte Verhaltensentwicklungen erkennen und mutig handeln.

 

Sinja, 14 Jahre von der EBS Patenschaft für Gerson Winterstein: SV der Elsa-Brandströmschule

Patenschaft für Gerson Winterstein: Schülervertretung der Elsa-Brandström-Schule

Patenschaft für Esther Marga Winterstein: Dr. Ernst-Dieter Rossmann

 

 

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