„Staatsfeindliche Äußerungen“ in der Bahn

20. Juni 1941
Quickborn
Schlagwörter , , ,

Die Eisenbahn war für viele Quickborner ein wichtiges Transportmittel. Hier traf man sich auf den Weg zur Arbeit oder zu einem Ausflug nach Hamburg und unterhielt sich über alltägliche Dinge und aktuelle Geschehnisse, so auch über politische Begebenheiten. In zwei bekannten Fällen sind hierbei Quickborner nach Denunziationen durch Mitreisende in eine missliche Lage geraten.

Zu diesen Personen gehörte Johann Storjohann. Storjohann, damals noch ein junger Mensch, lehnte die Hitler-Jugend ab. Die dort herrschenden Gängelungen, der Drill und die Schikanierung durch Gleichaltrige waren nicht seine Sache. Viel eher fühlte er sich von der lockeren Athmosphäre innerhalb der Swing-Jugend angezogen, die durch ihren amerikanisch-englischen Lebensstil und das Hören der Musikrichtung Swing eine Gegenkultur zur nationalsozialistisch organisierten Jugend darstellte und daher zunehmend im Dritten Reich unter Beobachtung und Verfolgung stand.

Uwe Storjohann bestieg am Nachmittag des 20. Juli 1944, dem Tag des Attentats auf Hitler, die AKN, um nach Hause zu fahren und traf hier auf ein Nachbarmädchen. Im Zug machte das Gespräch über das Attentat die Runde und einer fragte: „Ist er tot?“ Als dieses verneint wurde, ließ sich Storjohann, in einer Stimmlage, die auch andere Mitreisende hören konnten, zu dem Kommentar hinreißen: „Schade.

Das Gespräch in der Bahn erreichte den SA-Truppenführer Max Schulz,1 der Storjohann einem Verhör unterstellte. Da allerding das Nachbarmädchen die in der Bahn getätigte Äußerung nicht bestätigen wollte und auch Uwe Storjohann sich herausreden konnte, blieb der Vorfall folgenlos. Als besonders entlastend hatte Max Schulz Uwe Storjohann den Kauf eines großen Hitler-Bildes angerechnet, dass dieser allerdings nicht für sich, sondern für eine Bekannte besorgt hatte und dessen Transport vom SA-Mann Schulz beobachtet wurde.2

Weitaus weniger glimpflich verlief ein Gespräch in der Bahn, das der 65-jährige Carl Knegendorf auf dem Weg zur Arbeit im Sommer 1941 führte. Nach der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft vollzog sich hierbei Folgendes: „Die allgemeine Lage, der Krieg und sonstige politische Ereignisse wurden während der Fahrt von den Reisenden besprochen. Am 20.6.1941 kam der Angeklagte mit einem Mitreisenden, den er nicht kannte, in ein Gespräch über die Altersversorgung. Im Verlauf des Gesprächs, das von dem Angeklagten besonders erregt geführt wurde, rief er laut aus: ‚Es ist noch nie eine Regierung gewesen, die die Invalidengelder so vergeudet, wie die jetzige!‘ Er sprach diesen Satz so laut aus, daß sämtliche Insassen des Wagens die Worte hören konnten und tatsächlich auch gehört haben.3 Der ebenfalls im Zug anwesende NSDAP-Blockleiter Robert Höppner4 informierte hierauf den Ortsgruppenleiter Bendorf über die getätigte Äußerung. Dieser wiederum schrieb dem Amtsvorsteher der Ortspolizeibehörde Wilhelm Kolz: „Wie schon häufiger, bringe ich wieder einen Vorfall zu ihrer Kenntnis, der sich im Zusammenhang der AKN-Bahn zugetragen hat. (…) K., der uns als kommunistischer Agitator von früher her bekannt ist, führt in der Bahn stets das große Wort. (…) Ich bitte K. zur Rechenschaft zu ziehen… Es scheint mir überhaupt angebracht, diese Züge laufend zu überwachen; denn alle umlaufenden Gerüchte entstammten dieser Quelle, die meistens auf ausländische Sender zurückzuführen sind. Es ist jetzt ganz besonders an der Zeit auf das Treiben dieser Elemente zu achten, glauben diese doch durch die Ereignisse im Osten [am 22. Juni 1941 begann der Angriffskrieg gegen die Sowjetunion, d. Verf.] wieder aktiver werden zu müssen.5

Carl Knegendorf wurde 1876 in Güstrow in Mecklenburg geboren und zog im Kindesalter mit seiner alleinerziehenden Mutter nach Hamburg. Als diese in die USA auswanderte, ließ sie den Sohn zurück, der daraufhin von einer Pflegestelle aufgezogen wurde. In Hamburg besuchte er die Volksschule und machte eine Lehre im Schmiedehandwerk. Während der Wanderschaft arbeitete Knegendorf in verschiedenen Städten Norddeutschlands, nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil und arbeitete bis 1931 auf der Werft Blohm & Voß. Es folgte eine Zeit der Arbeitslosigkeit und wechselnden Erwerbstätigkeiten, zuletzt als Eisenflechter in Altona.6 Carl Knegendorf hatte acht Kinder großgezogen7 und wohnte mit seiner Frau Alma und den noch im Haushalt verbliebenen zwei Söhnen und einer Tochter am Harksheider Weg, an der heutigen Autobahn.8 Knegendorf war für die Nationalsozialisten kein Unbekannter. Nachdem er von 1908 bis Mitte der 1920er Jahre Mitglied der SPD war, schloss er sich der KPD an9 und engagierte er sich in der örtlichen Volksküchenkommission.10 Er nahm an Streiks der Wohlfahrtserwerbslosen11 und an Hungermärschen in die Kreisstadt Pinneberg teil.12 Bereits nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nahm ihn die Staatspolizei Altona wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“ für zehn Tage in „Schutzhaft“.13

Carl Knegendorf wurde wegen seiner Äußerungen in der Bahn wenige Tage später von der Gestapo festgenommen. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, in der AKN „öffentlich gehässige, hetzerische und von niedriger Gesinnung zeugende Äusserungen über leitende Persönlichkeiten des Staates, über ihre Anordnungen und die von ihnen geschaffene Einrichtungen gemacht zu haben, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben.“ Wegen „Aufhetzerei seiner Arbeitskameraden“ und Vergehen gegen das „Heimtückegesetz“ verurteilte ihn das Sondergericht in Kiel am 10. Oktober 1941 zu einer viermonatigen Haftstrafe.14

Fußnoten

  1. Max Schulz: Geb. 1893 in Kiel, Angestellter, wohnhaft „Adolf-Hitler-Straße“, ab 1936 Ortsgruppenvorsitzender der Deutschen Arbeitsfront, ab 1939 Amtsleiter der Quickborner NSDAP, langjähriger Vereinsvorsitzender des FC Holstein, auf Verlangen der britischen Militärregierung 1945 als Gemeindeangestellter entlassen, im Entnazifizierungsverfahren als „Mitläufer“ eingestuft, 1984 verstorben (Quellen: Pinneberger Tageblatt (PT) 09.03.1936 u. 09.01.1939, Quickborn-Hasloher Tageblatt (QHT) 21.06.1934, Landesarchiv Schleswig-Holstein Abt. 320.12 Nr. 488 u. Abt. 460.9 Nr. 14).
  2. Vgl. Storjohann, Uwe: „Hauptsache: Überleben“. Eine Jugend im Krieg 1936 -1945 (Eimsbütteler Lebensläufe, Bd. 2). Hamburg 1993, S. 170 f. Zeitzeugengespräch mit Uwe Storjohann, Quickborn 18.11.2012.
  3. Landesarchiv Schleswig-Holstein (LASH), Abt. 358 Sondergericht Nr. 5002.
  4. Robert Höppner: Geb. am 03.04.1902 in Quickborn-Renzel, Schlosser, wohnhaft Pinneberger Straße in Renzel, Eintritt in die NSDAP 01.04.1932 mit der Mitglieds-Nr. 1049523, beteiligt an der Gleichschaltung der örtlichen Baugewerkschaft, Politischer Leiter (Blockleiter) der NSDAP-Ortsgruppe Quickborn, im Entnazifizierungsverfahren als „Mitläufer“ eingestuft (Quellen: LASH, Abt. 358 Nr. 5002 u. Abt. 460.9 Nr. 102, PT 03.06.1933, QHT 09.09.1937, Bundesarchiv Berlin, BDC 3200 / I0032).
  5. LASH, Abt. 358 Nr. 5002.
  6. Ebd.
  7. Ebd.
  8. Zeitzeugengespräch mit Wilhelm M., Pinneberg 22.08.1994 u. mit Minna S., Pansdorf 12.05.1994. Verlag Heinrich Buschmann (Hg.): Heimat-Adressbuch Landkreis Pinneberg. Ausgabe 1959. Münster 1959.
  9. PT, 07.03.1932.
  10. QHT, 07.11.1931.
  11. PT, 03.03.1932.
  12. LASH, Abt. 358 Nr. 5002.
  13. Ebd.
  14. Ebd.

Ein Hinweis zu “„Staatsfeindliche Äußerungen“ in der Bahn”

  1. Björn Kohrt sagt:

    Der Carl Knegendorf ist mein Uropa…Der Vater meiner Oma die 1913.In Quickborn als älteste von 5,Mädchen Mit dem Namen Alma-Henriette-Loise Knegendorf geboren wurde.Und 1940 Alfred Moritz heiratete..Ich kenne nicht viel Von Uroma Knegendirf

Kommentieren Sie den Beitrag von Björn Kohrt Antworten abbrechen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.