Eine Äußerung in der Bahn nach dem Attentat auf Hitler am 20 Juli 1944

Veröffentlicht von Jörg Penning am

Auszug aus dem Buch von Uwe Storjohann: „Hauptsache: Überleben“. Eine Jugend im Krieg 1936 – 1945 (Eimsbütteler Lebensläufe, Bd. 2). Hamburg 1993, S. 170 f.:

Auf den Lippen eine Mozartarie, die ich neben der Arbeit einstudiert habe, betrete ich den 17.30-Uhr-Zug der Kaltenkirchener Eisenbahn, entdecke das Nachbarmädchen Margot und setze mich, den Schluß der Arie trällernd, neben sie.

Margot ist kreidebleich. Sie atmet hastig, die Augen haben einen Wasserflor, der Mund ist verkrampft, und ihr Blick läßt das „Tralala“ auf meinen Lippen ersterben. Einer sagt: „Sie haben ein Attentat auf den Führer verübt.“ Und ein anderer, ahnungslos wie ich, fragt: „Ist er tot?“ Margots Mund entkrampft sich, und sie sagt wie ein Gebet: Nein. Unser Führer lebt.“ Und ich sage laut, so daß es alle hören: „Schade.“

Und weiß im selben Augenblick, daß dieses eine Wort mein Todesurteil sein kann, das Ende meiner sorgfältig geübten Überlebensstrategie. Wenn mich jemand anzeigt, wenn andere es bezeugen, bin ich der Vernichtungsmühle ausgeliefert.

Zwei Tage lang lebe ich mit dem einzigen Gedanken „wenn dich jemand anzeigt“, horche auf jeden Schritt, auf jede Stimme, zucke beim geringsten Geräusch zusammen, liege nachts stundenlang wach und grüble, überlege Ausreden, mache Pläne, wie ich mich verteidigen könnte.

Mutter merkt nichts von allem. Ich gebe mich nach außen unverdächtig, angepaßt, normal, bemühe mich, zu sein wie immer, vermeide alles, dieses eine Wort, einmal herausgequetscht, zu wiederholen. Ich fresse es in mich hinein und warte ab. Zwei Tage lang.

An Gesprächen über das Attentat beteilige ich mich nicht. (…) Doch umsonst, es macht die Runde. Einer, der dabei war in der Kaltenkrichener Eisenbahn, hinterbringt es dem schnapsgesichtigen SA-Häuptling. Margot soll es bezeugen. Aber sie bezeugt es nicht. Und sie erzählt mir, wie der SA-Häuptling sich zweimal meinen Namen nennen ließ und dann vor Lachen einen roten Hals bekommen hat.

„Was? Der lange Uwe? Der Junge von dem Lehrer aus Hamburg, der Uwe? Nee, der nicht! Der steht treu zur Fahne! Der hat doch noch vor ein paar Monaten für seine volksdeutsche Freundin das große, bunte Führerbild gekauft. Und der soll sowas? Nee, da muß sich jemand verhört haben. Einer, der in diesen Zeiten so ein Bild kauft, der ist kein Verräter, der ist zuverlässig.“

Ich bin gerettet. Und ich bin abgestempelt. Jedenfalls in Quickborn: „Der Junge, der noch 1944 das große Führerbild gekauft hat.“