HIER LEBTE
JOHANN
MALINOWSKI
GEB. 17.2.1945
MUTTER IN ZWANGSARBEIT
TOT 6.4.1945
HIER LEBTE
STEPHANIA
MALINOWSKA
JG. 1926
POLEN
ZWANGSARBEIT
FIRMA H. OTTENS CO.
ÜBERLEBT
Die Patenschaft für die Stolpersteine übernehmen SchülerInnen der Boje-C.-Steffen Gemeinschaftsschule mit ihrer Lehrkraft Adrian Planer
Johann Malinowski, seine Mutter Stephania Malinowksi und sein Vater Ignacy Szule
Der Säugling Johann Malinowski wurde am 17.02.1945 im Itzehoer Julienstift geboren und starb mit 1 Monat und 20 Tagen in Elmshorn in der Besenbeker Straße 6 an Enteritis (schwere Darmentzündung).
Am 6. April 1945 stirbt der Säugling Johann Malinowski in der Elmshorner Unterkunft seiner Mutter in der Besenbeker Straße 6. Stephania Malinowska, geboren am 20. Dezember 1926, stammte aus Rosocha in Polen und war als Zwangsarbeiterin in der Garnspinnerei von H. Ottens in Horst/Holstein eingesetzt. Am 16. Februar 1945 kam sie – eben über 18 Jahre alt – ins Itzehoer Julienstift, wo sie am 17. Februar ihren Sohn Johann zur Welt brachte. In diesem Krankenhaus wurden viele Zwangsarbeiterinnen des Kreises Steinburg entbunden. Ob Mutter und Sohn nach achttägigem Krankenhausaufenthalt nach Horst zurückkehrten oder direkt nach Elmshorn in die Besenbeker Straße 6 kamen, ein Produktionsgebäude der Firma Ottens, ist nicht bekannt. Jedenfalls stirbt Johann dort – einen Monat und 20 Tage alt – an Enteritis (einer von Durchfall begleiteten schweren Darmentzündung) in Verbindung mit Spasmophilie, bei Säuglingen und Kleinkindern auftretenden starken Kämpfen, die von einer Störung des Hormon- und Mineralstoffwechsels verursacht wird. Johann wurde am 10. April 1945 auf dem Elmshorner Friedhof nach katholischem Ritus beigesetzt (Grab X VIII 38 a).
Am 19. Mai 1945 heiratete Stephania Malinowski den polnischen Arbeiter Ignacy Szulc aus Elmshorn, geboren am 15. August 1921 in Posen, bei dem es sich wahrscheinlich um den Vater von Johann handelt. Ignacy Szulc musste bei der Firma Thormählen in der Elmshorner Wilhelmstraße Zwangsarbeit leisten. Später hielten sich Ignacy und Stephania Szulc im Displaced-Persons-Camp Reinfeld II auf.[1]
Zwangsarbeit in der Firma Ottens & Co Kammgarnspinnerei
In der Besenbekerstrasse 6 befand sich eine Produktionsstätte der Firma Ottens Kammgarnspinnerei.
Die Firma besteht heute noch, ihren Hauptsitz hat sie nach wie vor in Horst.[2] Im Adressbuch von Elmshorn aus dem Jahr 1939 sind zur Besenbekerstrasse zwei Einträge zu finden: Der Name der Firma Ottens im alphabetischen Teil und Der Name des damaligen Bewohners (Werkmeister Wilhelm Gothe) im Bewohnerteil.
Das Barackenlager war vorher der städtische Sportplatz. Über dem Ottens-Gebäude ist ebenfalls eine Baracke zu erkennen. Wegen der erkennbaren Heckeneinfriedung und Zaunanlage ist jedoch zweifelhaft, dass diese überhaupt zum Ottens-Gebäude gehört. Das Wohngebäude vor der Produktionsstätte ist sehr groß. Sehr wahrscheinlich war es groß genug, um neben dem Werksmeister Wilhelm Gothe noch andere Personen unterzubringen.[3]
Das Barackenlager in der Besenbeker Straße. Bei den Auflistungen von Zwangsarbeiterlagern[4] gibt es keinen Hinweis auf ein Zwangsarbeiterlager in der Besenbeker Straße. Es gibt allerdings ein Foto von einem Barackenlager am Stubbenhuk.[5] Die Straße Stubbenhuk zweigt auf die Besenbeker Straße. Es ist zu vermuten, das dort vorher Zwangsarbeiter interniert waren und diese Baracken während der NS-Zeit entstanden sind, da Material nach dem Krieg sehr knapp war.
Der Name Stephania Malinowski taucht in einer Liste von ca. 2000 Namen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern auf. Viele Namen sind unleserlich. Ihr Name ist leserlich und neben ihrem Geburtsdatum, Geburtsort ist auch die Firma Ottens & Co eingetragen. Namen, die der Zwangsarbeit in diesem Betrieb zugeordnet werden konnten: siehe Auszug. Zumindest sind 17 Namen, alles polnische Zwangsarbeiterinnen, hier dokumentiert.[6]
Der vermutliche Vater von Johann Malinowski ist Ignacy Szule. Er findet sich ebenso in dieser Repatrierungsliste (Stadtarchiv Elmshorn). Danach wurde er am 15.08.1921 in Posen geboren und arbeitete bei Thormählen in der Wilhelmstraße, Elmshorn.[7]
Überleben Ungewiss – das Leben und Sterben der Kinder von Zwangsarbeiterinnen im Kreis Pinneberg 1940 bis 1945
Von 1940 bis Ende 1945 starben im Deutschen Reich mindestens 35.000 Kinder von Zwangsarbeiterinnen aus Polen, der Ukraine und Russland. In der Sicht der Machthaber raubten diese als „rassisch minderwertig“ geltenden Kinder den Müttern zu viel Arbeitskraft – sie wurden bald mit einem System an Verordnungen und Maßnahmen verfolgt. Das Spektrum reichte von Zwangsabtreibungen über Einschränkung des Mutterschutzes und verschlechterter Ernährung bis zur erzwungenen Unterbringung in Einrichtungen, wo man den Tod der Kinder aufgrund mangelhafter Versorgung und Krankheiten billigend in Kauf nahm.
In der Geschichtsforschung sind diese Vorgänge erst ansatzweise untersucht. Der Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (AKENS) leuchtet in seinem Forschungsprojekt die spezifischen Strukturen dieser Verfolgung erstmals für ein gesamtes Bundesland aus und rekonstruiert das meist kurze und erbärmliche Sterben von fast 2.100 Kindern hier im Land. Einhundert von ihnen kamen im Kreis Pinneberg ums Leben.
Mit dieser Forschungsarbeit wollen die HistorikerInnen anhand konkreter Beispiele zeigen, wie die Kinder aus dem Vergessen zurück geholt werden können, die es nach dem Willen der Nazis nie hätte geben sollen.
Das Krankenhaus „Bleekerstift“ der Stadt Uetersen. Es wurde 1874 eingeweiht und geht zurück auf eine Stiftung der Eheleute Bleeker. 130 Jahre später wurde das Krankenhaus – inzwischen als Teil der Regio-Kliniken des Kreises Pinneberg – geschlossen. 2018 wurde der Gebäudekomplex abgerissen, um Platz für die jetzige Wohnbebauung zu machen. Auf dem Gelände des „Bleekerstiftes“ gab es im Zweiten Weltkrieg eine Baracke, in der ausländische Patienten untergebracht waren. Ab Februar 1943 mussten Zwangsarbeiterinnen aus dem Kreis Pinneberg hier ihre Kinder entbinden.[8]
Bekannt sind die Namen von 15 ausländischen Kindern, die hier im Krankenhaus verstorben sind. Für zwei Kinder wurden 2019 im Tornescher Weg Stolpersteine verlegt. Erinnert wird so auch vor dem ehemaligen Krankenhaus an das Schicksal dreier Säuglinge und deren Mütter, die als polnische Zwangsarbeiterinnen in Bilsen und in Rellingen arbeiten mussten.
In Tornesch führt eine Spur auf den Friedhof zum Schicksal von „Henry Dyda ein Säugling ohne Zukunft“, dessen Mutter, eine Zwangsarbeiterin, auch im Krankenhaus Bleekerstift entbinden mußte.[9] Ebenfalls befand sich eine Baracke in Kölln-Reisiek, in der Kinder von Zwangsarbeiterinnen nach der Entbindung von den Müttern getrennt und dort eingeliefert wurden. Wo Johann Malinowski nach seiner Entbindung bis zu seinem Tod lebte, ist bisher nicht eindeutig geklärt, höchstwahrscheinlich in der Baracke auf dem Gelände der Kammgarnspinnerei Ottens & Co in der Besenbeker Straße 6. Begraben wurde er auf dem evangelisch-lutherischen Friedhof in Elmshorn.[10]
[1] Quellen: G Itzehoe 119/1945, S Elmshorn 187/1945, Recherchearbeit von Kai Dohnke, Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein
[2] https://horstia1.jimdo.com/home/%C3%BCber-uns/
[3] Recherchearbeit von Jens Gatzenmeier
[4] Hoch, Gerhard: Beiträge zur Elmshorner Geschichte Bd. 3, Verschleppt zur Sklavenarbeit
[5] Band 3 der Beiträge zur Elmshorner Geschichte, Beitrag von Ortwin O. Lubenow „Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungsstruktur in Elmshorn 1945-1957“ Seite 109
[6] Eine sogenannte Repatrierungsliste; Fundstelle Stadtachiv Elmshorn
[7] Recherchearbeit von Rudi Arendt
[8] https://www.spurensuche-kreis-pinneberg.de/spur/bleekerstift-ehem-krankenhaus-der-stadt-uetersen-zwangsarbeiterinnen-mussten-hier-entbinden/
[9] https://www.spurensuche-kreis-pinneberg.de/spur/henry-dyda-18-02-1945-11-03-1945-ein-saeugling-ohne-zukunft/
[10] Dokument 70723069 Arolsen Archives.