Martin O. Wachtel – im Widerstand, verhaftet Helgoland 18.4.1945, hingerichtet 21.4.1945 Cuxhaven-Sahlenburg


Warning: Division by zero in /kunden/373934_28217/webseiten/spurensuche-pinneberg/wp-content/themes/spurensuche/functions.php on line 731
18. April 1945
Helgoland
Schlagwörter , , , ,

         Martin O. Wachtel, Helgoländer Widerständler, Grabplatte, Cuxhaven Brockeswalde (Foto A. Friederichs)

Grabplatte – Friedhof Cuxhaven-Brockeswalde

            Martin O. Wachtel auf Helgoland, April 1944  (Bes. A. Friederichs) 

              Martin O. Wachtel  auf Helgoland             

Die Insel Helgoland hatte während des Zweiten Weltkrieges trotz massiver Befestigungs- und Verteidigungsanlagen keine nennenswerte militärische Bedeutung.  Am Ende des Krieges war sie aber mit ihrem Flugmeldedienst so weit draußen im Meer wichtig, um in den großen Küstenstädten Hamburg und Bremen rechtzeitig den Fliegeralarm aus-lösen zu können.  Trotz mehrfacher Aufforderung der Alliierten an den Inselkommandanten, Helgoland kampflos zu übergeben, wurde die Insel weiterhin vehement verteidigt und durch Bombenangriffe stark beschädigt.   Viele junge Marinehelfer, Soldaten und Helgoländer kamen dabei ums Leben.  Dieses wollte eine Widerstandsgruppe aus Marineangehörigen und Helgoländern verhindern, indem sie die Festnahme des oberen Offizierskorps plante, um selbst die kampflose Übergabe in die Hand nehmen und Helgoland an die Engländer übergeben zu können.  „Wir wollten dem Morden ein Ende bereiten und Helgoland vor der völligen Zerstörung retten“, war ihre Parole.

Der Fähnrich MARTIN OTTO WACHTEL  war einer von ihnen, die dafür mit dem Leben bezahlten.

Dies ist seine Geschichte: 

Martin Wachtel wurde am 15.Dezember 1908 in Lückstedt, Sachsen-Anhalt, geboren.  Seine Eltern waren Johann Christoph OttoWachtel und H. Friederike Wachtel, geb. Benecke. Er wurde Kaufmann von Beruf.

 Am 27.September 1935 heiratete er Ernestine Hedwig Wachtel, geb. Enge, und genannt „Hetti“.  Die Hochzeit fand im Standesamt in Oberhausen statt, der Heimatstadt seiner Frau. Ihre Tochter wurde im August 1940 geboren.

Am 22.Juni 1940 wurde Martin Wachtel zur Marineflakabteilung 212 in Wilhelmshaven einberufen. Am 4.Oktober 1943 befand er sich bei der 6. Batterie derselben Abteilung1944 wurde er als Fähnrich (MA) an die Marine-Flak-Abteilung 242 auf  Helgoland kommandiert. Dort wurde er zeitweilig als Lehrer für die an der Batterie „Falm“ stationierten Marinehelfer eingeteilt.

Auch heute noch erinnern sich die ehemaligen Marinehelfer gern an ihren damaligen Lehrer. Wenn er seine Brille trug, sah er eher aus wie ein Intellektueller in Soldatenuniform.

Wachtel unterschied sich auf angenehme Weise von manchen seiner Vorgänger, die unleidliche Schleifer gewesen waren. „Der Wachtel ist in Ordnung“ sagten die Soldaten „mit dem kann man reden wie Mensch zu Mensch“.  Er war leutselig, hockte oft abends bei den Mannschaften in den Bunkern und schwatzte mit ihnen. Es war keine Anbiederei, die Männer mochten ihn. Bei den Marinehelfern schnorrte sich der Kettenraucher Zigaretten.  Wenn er Dienst hatte, verzichtete er regelmäßig auf die gefürchtete Spind- und Stubenmusterung.  Er ließ sie ins Bett gehen und wünschte ihnen eine gute Nacht.

Niemand bemerkte, dass sich dieser freundliche, gesprächige Mann Anfang 1945 regelmäßig mit anderen Soldaten und Offizieren im Haus von Dachdeckermeister Georg Braun an der Kartoffel Allee traf.  Brauns Haus lag in der Nähe der Batterien „Jacobsen“ und „Falm“, und so war ein kurzer Abstecher dort hin nicht schwer. Dass sich auf Helgoland eine Widerstandsbewegung gebildet hatte, bemerkte lange Zeit niemand.

Der Plan dieser Gruppe war es Anfang 1945 die Insel Helgoland vor der völligen Zerstörung durch die Alliierten zu bewahren und weitere Kriegsopfer zu vermeiden.   Die Pläne liefen auf Hochtouren, als am 17. April abends das letzte Treffen der Gruppe bei Georg Braun stattfand.

Zwei Mitglieder der Gruppe hatten 14 Tage zuvor die Übergabepläne an den Inselkommandanten weitergegeben, ab sofort wurde sie unter Beobachtung gestellt. Am 18. April morgens um sechs Uhr wurden ca. 40 Leute verhaftet, auch Martin Wachtel.

Die Überführung nach Cuxhaven musste verschoben werden. Um 12 Uhr flog ein Bomberkommando der Alliierten mit ca. tausend Flugzeugen die Insel an und zerstörte sie größtenteils.  In der folgenden der Nacht wurden die Gefangenen per Schnellboot nach Cuxhaven gebracht.  Am 19. April nachmittags verwandelte ein weiterer Bombenangriff die Insel Helgoland in eine Mondlandschaft, worauf die Bevölkerung evakuiert werden musste.

Am 21. April fand in Cuxhaven für die verhafteten Widerständler eine kurze Gerichtsverhandlung statt.  Das Urteil wurde gegen 14 Uhr verkündet: fünf Männer, darunter auch Martin Wachtel wurden zum Tode verurteilt.

Gegen 18:00 Uhr wurde er mit seinen 4 Kameraden zum Schießstand Cuxhaven-Sahlenburg gefahren, begleitet vom evangelischen Marinekriegspfarrer Hermann Hartung und dem katholischen Pfarrer Niederschäfer.

Um 18:30 starb Martin Otto Wachtel.

Im März 1947 schrieb Pastor Hermann Hartung einen Brief an Hedwig Wachtel, in dem er ihr vom Tod ihres Mannes berichtete. Kurz darauf kehrte sie mit ihrer Tochter in ihre Heimatstadt Oberhausen zurück.

An Pastor Hermann Hartung schrieb sie nach Cuxhaven:  „Wenn Ihre Nachricht mich auch zutiefst erschüttert hat, so danke ich Ihnen doch für den wohlgemeinten Trost und vor allem, dass Sie nun die qualvolle Ungewissheit von mir genommen haben. Es ist möglich, dass mein Mann durch seine Handlungsweise gegen irgendwelche militärischen Gesetze verstoßen hat, aber dann nur zum Nutzen der Allgemeinheit und für die Nation.  Ich lebe heute in dem Bewusstsein weiter, dass er ruhig und getrost in den Tod gegangen ist und in wohlbehaltener Heimaterde ruht“.

SONY DSC

Zum Gedenken an MARTIN O. WACHTEL  wurde am 17.April 2010  am Aussichtspunkt beim „Berliner Bären“ (in der Nähe der damaligen „Batterie Falm“) auf Helgoland ein STOLPERSTEIN verlegt. 

Autorin des Beitrags, copyright:  Astrid Friederichs  –  Das Buch „Wir wollten Helgoland retten – Auf den Spuren der Widerstandsgruppe von 1945“,  wurde im April 2010 vom Museum Helgoland herausgegeben (ISBN 987-3-00-030405-7), Kontakt: afrberlin  at  t-online.de

Quellen:  Brief H. Wachtel an Pastor H. Hartung, 25.9.1947 (Bes. A. Friederichs) – Sterbeurkunde M.O. Wachtel, 13.6.1949 (Bes. A. Friederichs)  –  Deutsche Dienststelle WASt, Berlin 2009

 

MARTIN WACHTEL UND DIE MARINEHELFER  

WIEDERKEHR NACH HELGOLAND,  Ein Bericht des ehemaligen Marinehelfers Joachim Nottke, bearbeitet von Astrid Friederichs.

Dieses Mal nähert er sich der Insel aus der Luft.  Die Flugzeit zwischen dem Flughafen Bremen und Helgoland beträgt ungefähr eine Stunde.   Sie folgen zunächst der Weser, erst als sie bei Bremerhaven die See erreichen, nimmt die Maschine Kurs Nord-Nordwest.  Er kann das auf dem Bordkompass ablesen. Unter ihnen markiert sich die Kette der Ostfriesischen Inseln.

Zum ersten Mal würde er den „Knust“, aus der Luft erblicken, wie ihn die Bomberpiloten vor 45 Jahren in ihren fliegenden Festungen ausgemacht hatten, den mächtigen, rostroten Felsen und die weiße Düne daneben.

Sie waren damals per Schiff auf das Eiland transportiert worden.  „Kehrwieder“ hatte das Versorgungsschiff geheißen, und sie hatten im Februar frierend in ihren Zivilklamotten an der Reling gehangen, während der Knust über der Kim aus dem Meer auftauchte und langsam immer mächtiger wurde, die Perle der Nordsee, die keiner von ihnen vorher gesehen hatte.  Denn sie kamen aus dem östlichsten Pommern, und sie waren erst fünfzehn Jahre alt, Oberschüler, die Marinehelfer werden sollten.

Dem Flugpassagier fallen plötzlich ihre Spitznamen wieder ein.  Sie hießen Jünne, Buschi, Erri, Gettex, Pindel, Banne, und der längste und kräftigste unter ihnen wurde respektlos Fiffi genannt.  Ihm selbst hatte man den Namen Josche verpasst.

Der, der seine Erlebnisse berichtet, möchte in der dritten Person bleiben.  Er möchte auf Distanz bleiben zu jenem älteren Mann, der auf der Düne von Helgoland aus dem Flugzeug kraucht, und jenem Knaben, der 1944 im Südhafen neben dem U-Bootbunker mit Mutters Koffer in der Hand an Land sprang. 

Im Februar 1944 war es diesig und kalt gewesen.  Dieses Mal, im Juni, ist es ungewöhnlich warm, und die ganze Woche lang zeigt sich keine Wolke am Himmel. Er hat mit Wind und bewegter See gerechnet, mit jagenden Wolken,  einen ständig blauen Himmel findet er langweilig, charakterlos.  In seiner Erinnerung wehten selbst an sonnigen Tagen frische Winde über das baumlose Oberland, und zum Sonnenbaden hatten sie Mulden und alte Geschützbettungen aufgesucht.  Jetzt stammt das einzige Weiß am Himmel von Kondensstreifen friedlicher Passagiermaschinen, Streifen, die in der Luft stehenbleiben, sich allmählich ausbreiten, an den Rändern zerfasern und sich auflösen.

Kondensstreifen.  In Kriegszeiten so etwas wie ein magisches Wort, das Angst, Entsetzen, Panik auslösen konnte.  „Kondensstreifen in dreihundertzwanzig Grad!“.  Alle starrten wie gebannt in Richtung Nordwesten.  Bei guter Sicht konnte man sie mit dem bloßen Auge ausmachen.  Und die Frage war: zogen sie im Norden vorbei, oder gingen sie plötzlich bei 360 Grad auf Südkurs?  Zwei Kondensstreifen in großer Höhe, das konnten Aufklärungsflugzeuge sein, die keine Bomben mit sich führten.  Es konnten aber ebenso gut jene Mosquitos sein, die Rauchsignale setzten, um den nachfolgenden Bomberverbänden das Ziel zu markieren.

Der Tourist hat sein Hotel am südlichen Ende des Falmweges gewählt.  Nicht weit davon stand einst seine Flakbatterie, dort wo sich jetzt ein riesiger Krater dehnt.   Unterhalb der Batteriestellung hatte die Marine den Felsen vom Unterland her aushöhlen lassen, ein umfangreiches Bunkersystem war entstanden, dem keine Bombe etwas anhaben konnte.   Dort, wo jetzt eine riesige spärlich bewachsene Mulde sich dehnt, hatten die vier Geschütze mit den dazugehörigen Mannschaftsbunkern gestanden, der Leitstand mit den optischen Messgeräten in der Mitte, auf den Klippen im Süden das Funkmessgerät und im Norden des Batteriegeländes ein Barackenkomplex, in dem auch sie als Marinehelfer untergebracht wurden. 

Im Tagesraum ließ der Marine Maat, der sie in drei Tagesreisen aus ihrer pommerschen Heimat abgeholt hatte, antreten.  Noch hatten sie ihre Zivilklamotten an.  Manche sahen recht dürftig aus, in zu kurzen Hosen, zu engen Jacken, aus denen sie eigentlich schon herausgewachsen waren.  Als der Batteriechef den Raum betrat, fuhr der massive Maat, ein Ruhrkumpel, zusammen, schlug die Hacken gegeneinander, dass es nur so dröhnte .

 „Maat Dannenberg meldet die Marinehelfer aus Schneidemühl angetreten!“

Über eine Treppe steigt der Reisende in den Krater hinab.  Hier scheint jede Spurensuche vergeblich.  Ihre Baracke hatte übrigens damals nach dem großen Bombenangriff noch gestanden, als sie aus den Bunker- gewölben durch den engen Schott eines alten Geschützturms ans Tageslicht gekrochen waren.  Angesichts der Zerstörungen ringsumher war es ihnen wie ein Wunder erschienen, aber das Wunder währte nicht lange:  Ein Spätzünder jagte die Baracke vor ihren entsetzten Augen in die Luft, ohne dass einer von ihnen zu Schaden kam.

Im Krater entdeckte der überraschte Reisende eine Tunnelöffnung.  Eine schmale Straße windet sich zu ihr hinauf, er folgt ihr und gelangt durch das kurze Tunnelstück wieder auf das Oberland.   Der Tunnel war seinerzeit schräg durch den ganzen Felsen getrieben worden und endete im Unterland neben dem Eingang zur Raum- anlage, dem Bunkersystem.  Mittels einer Seilwinde wurden damals Loren darin hinaufgezogen, in denen man die Munition für die Batterien auf dem Oberland transportierte.  Die Tage des Munitionstransports gehörten zu den härtesten ihrer Marinehelferzeit.  In langer Schlange bewegten sie sich auf den Tunneleingang zu, wo jeder eine Granate schulterte, um sie zu den Geschützen zu schleppen.  Besonders Kräftige und mancher übermütige Angeber nahmen sogar zwei Granaten, auf jede Schulter eine.  So eine Granate samt Kartusche wog an die fünfzig Kilogramm.  Der Munitionsunteroffizier, ein Feldwebel, verstand sich darauf, sie besonders zu drangsa-lieren und anzutreiben.  Sie hassten diesen Mann.  Nach dem Bombenangriff war Josche einem Arbeits- kommando zugeteilt, dass den verschütteten Eingang wieder freischaufeln sollte.  Als Werkzeug hatten sie große Kohlengabeln, für solche Arbeit völlig untaugliche Geräte.  Man pflegt auch Kartoffeln damit zu schaufeln.  Mutlos kämpften sie mit diesen Gabeln gegen die Betonbrocken an.  Stieß das Gerät auf Widerstand, dann prickelte es unangenehm in den Armen, und die Hände summten einem.  Bei dieser Arbeit waren sie auf die Leiche des Munitionsfeldwebels getroffen, den die Gesteinsmassen unter sich begraben hatten.  Der Mann, der sie stets gehänselt und Schlappschwänze und Feiglinge genannt hatte, war, wie Augenzeugen später berichteten, während des Angriffs schreiend davongelaufen.   Josche ekelte sich vor diesen grausigen Resten eines Menschen, aber er verspürte kein Mitleid.

Spurensuche.

Der Mann setzt seinen Rundgang fort.  Von allen Gebäuden auf dem Oberland ist nach dem Bombardement nur der lange rotbraune Flak Turm, Gefechtsstand des Flak Kommandeurs, übriggeblieben.  Heute dient er als Leuchtturm.   An die Tausend Bomber hatten die Insel um- und umgepflügt, Bombentrichter reihte sich an Bombentrichter, und der Weg, den er heute in 10 Minuten zurücklegt, war Josche damals schier endlos erschienen, als er mit zwei anderen, Trichter ab, Trichter auf, Verpflegung von der einzigen noch existierenden Küche geholt hatte.  Manchmal blieben ihre Schuhe in dem Schlamm, der sich am Boden gebildet hatte, stecken.  Ihr Takelpäckchen, das weiße Drillichzeug, hatte die rötliche Farbe des Inselgesteins angenommen.

Vor dem heutigen Besucher tut sich eine Hügellandschaft auf, manch einer ahnt vielleicht nicht einmal, dass alle so natürlich erscheinenden Mulden ehemalige Bombentrichter sind.  Eine reichhaltige Vegetation ist auf das zerschundene Oberland zurückgekehrt.

Auf dem Wanderpfad zur Nordspitze stößt sein Fuß gegen einen metallischen Gegenstand, und er weiß sofort, was es ist;  Das Bruchstück eines Zahnsegments aus der Höheneinstellvorrichtung einer 10,5 cm Flakkanone…

„Das Geschütz, an dem wir ausgebildet werden, ist eine 10,5cam Sk 32, in 8,8 cm MPL C 30…“ Das Bruchstück wirkt wie absichtlich hier eingelassen, Tausende von Füßen haben es blankgewetzt.  „10,5 cm ist das Kaliber des Geschützrohres, Sk heißt Schnelladekanone, C 32 ist das Baujahr des Geschützes.  In 8,8 cm MPL bedeutet, dass das Geschütz auf einer 8,8 cm Mittel-Pivot-Lafette ruht.  C 30 ist das Baujahr der Lafette… „

Das hatte Josche damals auswendig lernen müssen, bis er es im Schlaf herbeten konnte, wie der Ausbilder es ihm eingebleut hatte.   Für jedes Teil des Geschützes gab es einen entsprechenden Rais, wie das bei der Marine, die auf Tradition hielt, hieß.  Nie hatte er gelernt, wie dieses Wort geschrieben wurde, aber alle hatten sie Rais für Rais wacker gelernt.  Sie waren Oberschüler, fünfzehn Jahre jung, und sie kapierten schnell.

Ja, Tradition wurde bei der Marine großgeschrieben, auch bei den Einheiten an Land. „Ich habe ein reaktionäres Heer, eine nationalsozialistische Luftwaffe und eine kaiserliche Kriegsmarine“, soll der Führer im Groll gesagt haben.  Die Mariner waren insgeheim stolz auf sein Verdammungsurteil.

Unterwegs fragt ihn eine junge Frau nach dem Lummen Felsen.  Er führt sie die schmale Treppe zur Nordspitze hinauf.  Es ist die Stunde des Sonnenunterganges.  Die junge Frau entdeckt die Betonbrocken, die hier mit dem Buntsandstein des Felsens verwachsen scheinen.  Er nickt nur und verschweigt ihr, dass es sich um Reste einer Geschützbettung der Batterie Nordspitze handelt.  Beim 2. Angriff am 19. April 1945 hatte eine schwere Bombe, „Tallboy“  genannt, ein ganzes Geschütz samt Bettung und Mannschaft über die Klippen gefegt.           

Zufällig ist der Reisende an einer Konditorei vorbeigekommen, deren Inhaber in seiner Freizeit die Geschichte der Insel aufarbeitet.  Die vier dicken bebilderten Broschüren des Konditors stapeln sich jetzt auf seinem Nachttisch.  Beim Stöbern stößt er auf den Bericht eines ehemaligen Kumpels, der dessen Marinehelferzeit und das große Bombardement beschreibt. Ein Name taucht darin auf.  Dieser Name lässt ihn nicht einschlafen.  „Fähnrich Martin Wachtel – 15.12.1908 – 21.4.1945“.  Auch die anderen 3 Namen weisen dasselbe Todesdatum auf: 21.4.1945  Drei Tage nach dem großen Bombardement.  Diese Toten waren keine „Gefallenen“, trotz der militärischen Dienstgrade.  Auch der fünfte nicht, der ohne militärischen Titel:  Georg Braun.  Ein Zivilist.  Der zweite Name, der ihn nicht schlafen lässt.                                          

Spurensuche.

„Heute Nacht kommt kein Alarm.  Vater hat mit dem Ofen gesprochen“.   Es war Bobby gewesen, der ihm die Geschichte damals erzählt hatte.  Bobby war der „Stenz“ unter ihnen.  Keiner trug die Bordmütze so schief auf dem Ohr, so dicht über der rechten Augenbraue wie er.  Keiner hatte einen so weiten Schlag in der Hose wie dieser Bobby, keiner war so scharf auf Mädchen wie er.   Er flirtete mit der Dachdeckers Tochter, einem hübschen dunkelhaarigen Mädchen, das offenbar nicht vom Stamme der Friesen war. Abends an Tagen der Freiwache schlenderte er mit ihr am Fischereihafen herum, und im Tunnel hatte er sie dann geküsst.  Banne und Jünne waren zufällig vorbeigekommen und hatten gedrängelt:  „Komm, Junge, wir müssen in die Koje.  Wenn’s heute Nacht Alarm gibt, bist du nicht ausgepennt.“  Und dann hatte das Mädchen dem Bobby etwas zugeflüstert, und beide hatten gelacht.

„Heute Nacht kommt kein Alarm.  Vater hat mit dem Ofen gesprochen.“  Der Dachdecker, der Vater des Mädchens, hieß Georg Braun.

 Anderntags sitzt der Reisende auf der Landungsbrücke und schaut aufs Meer.  Seine Gedanken wandern wieder  zurück in die Vergangenheit:  Fähnrich Wachtel.  Was für ein merkwürdiges militärisches Zwitterwesen dieses Helgoland doch ist, dachte der damals sechzehnjährige Josche, als Wachtel damals in ihrer Batterie aufkreuzte.  Laut Haager Landkriegsordnung, mit der ihr Kriegsdienst als Marinehelfer gerechtfertigt wurde, durften sie nicht im Frontgebiet eingesetzt werden – die Fähnriche, die in regelmäßigem Wechsel in die Batterie kamen, waren zur „Frontbewährung“ hierher kommandiert.  Dabei unterschied sich Wachtel auf angenehme Weise von manchen Vorgängern, die unleidliche Schleifer gewesen waren.  Da man in der Batterie nichts Vernünftiges mit den Fähnrichen anzufangen wusste, wurde ihnen die Disziplinierung der Marinehelfer übertragen. Die befanden sich schließlich im Halbstarken Alter und schlugen nicht selten über die Stränge.  Einer, dem die Helfer den Spitznamen „der Sputz“ verpasst hatten, ein pfiffiger Berliner, hatte sie tagelang im Laufschritt durch die Batterie gejagt.  Selbst in der Mittagspause hatte er darauf geachtet, dass sie nicht allzu gemächlich aufs Klo gingen.  Aber weichgekriegt hatte er sie nicht.  Sie waren intelligent, sie wussten, wie man Härten umging, wie man die Schleifer täuschte.  Auf sein Kommando „Ein Lied!“  hatten sie gesungen: „Wir haben den Kanal, wir haben den Kanal noch lange nicht voll!“

Grund für die tagelange Schleiferei war gewesen, dass sie die sogenannten „Reichsjugendwettkämpfe“ sabotiert und lächerlich gemacht hatten.  Sie fühlten sich als Marineangehörige, sie wollten keine „Hitlerjungs“ mehr sein.  Sie hatten sich auch widersetzt, die HJ-Armbinden zu tragen, die eigentlich zu ihrer Ausgehuniform gehörten. 

Und dieser Fähnrich Wachtel war nun ganz anders.

„Der Wachtel, der ist in Ordnung“, sagte der Hauptgefreite Vaehrke, und der war mal Sozialdemokrat gewesen und war selten gut auf Vorgesetzte zu sprechen.  „Mit dem kann man reden wie von Mensch zu Mensch.“  Es war Nacht und Vaerke und Josche standen gemeinsam auf Wache – Vaerke unter Gewehr am Eingang zu den Bunkern, und Josche ohne Gewehr als Posten Ausguck neben dem Leitstand.  Wenn es ihnen zu langweilig wurde auf ihren Posten, dann trafen sie sich auf der Mitte und unterhielten sich miteinander.

„Aus meinem Onkel haben sie auch Seife gemacht.“ So sagte Vaerke.  Josche begriff nicht, was dies mit Fähnrich Wachtel zu tun haben sollte.  Und „Seife“ hörte sich bei Vaerke an wie „Saafe“ und bekam dadurch eine unfreiwillige Komik, obwohl Josche durchaus ahnte, was es bedeutete wenn man aus einem Menschen Seife machte.  Vaerke sprach vom Konzentrationslager, vom KZ. 

Wir haben es gewusst, denkt der Reisende auf der Landungsbrücke, wir haben es gewusst und doch nicht wahrhaben wollen.  Dass es eine Todesmaschinerie geben sollte, die Menschen in Seife verwandelte, das überstieg unsere Fantasie.  Wir hielten es für eine Redensart – so wie Unteroffiziere uns ja auch zu sagen pflegten:  Euch werde ich zur Sau machen…. Nein, denkt er, der Vergleich verharmlost die Empfindungen:  Es war schon klar, dass dort Unvorstellbares geschah, wir haben es verdrängt.

 Wachtel hatte sich leutselig gegeben.  Er hockte oft abends bei den Mannschaften in den Bunkern und schwatzte mit ihnen.  Diese waren überwiegend ältere Männer, nicht mehr frontverwendungsfähig, Ruhrkumpel darunter wie auch der alte Jupp, der nur noch eine halbe Lunge hatte. Es war keine Anbiederei, die Männer mochten ihn.  Worüber er mit ihnen redete, wusste Josche nicht.  Jedenfalls schien keiner zu ahnen, dass Fähnrich Wachtel ein … ja, was?  – ein Verschwörer, ein Widerständler war?  Auch zu ihnen kam er in die Baracke, der Kettenraucher, und schnorrte sich Zigaretten.  Wenn er Dienst als U.v.D. hatte, verzichtete er regelmäßig auf die gefürchtete Spind- und Stuben-Musterung.  Er ließ sie ins Bett gehen, und er wünschte ihnen eine gute Nacht.

Anschließend sitzt der Reisende noch in einer der unzähligen Bars, wo das Bier frisch und gut temperiert aus dem Hahn fließt. Alle Gäste ringsum im reiferen Alter, die meisten kommen schon seit Jahren hierher.  Er hängt am Tresen und macht Notizen.  Man muss sich das mal vorstellen, schreibt er.  Sie kamen aus dem Norden auf die Insel zugeflogen.  „Reinkommendes Ziel“ hieß das, für die Flugabwehr eine ideale Situation, man brauchte nur den Höhenverhalt zu verändern.  Fast tausend Bomber, in mehreren Wellen.

„Klar zum Zielfeuer!“  erscholl es in Josches Kopfhörern.  „Klar zum Zielfeuer!“ echote er zur Mannschaft hinüber.  Sie flogen in verhältnismäßig geringer Höhe.  Keine Zeit zum Nachdenken.  Jetzt waren sie so nah, dass Josche Einzelheiten an den Maschinen ausmachen konnte.  Er sah die offenen Bombenschächte, die After des Satans.  Die Maschinen kamen direkt auf sie zu.  Nur noch Sekunden, dann…

„Volle Deckung!“

Josche schrie den Befehl weiter. Er ging im Getöse der näherkommenden Detonationen unter.  Aber sie verstanden ihn auch so und stürzten in Panik die Treppe zum Mannschaftsbunker hinab.  Der Betonklotz, in den sie eingeschlossen waren, erzitterte.  Schreckensbleiche Gesichter, einigen rannen Tränen über die Wangen, der dicke Mann kniete vor seiner Koje und betete.

Sechzehn Jahre….  Sechzehn Jahre alt waren sie an jenem 18. April 1945, jenen Tag, der mit der Festnahme der Verschwörer begonnen hatte und mit dem Bombardement endete, das die Insel in eine Mondlandschaft verwandelte.   In den sechziger Jahren hatte er versucht, seine Erlebnisse aufzuschreiben, sie sind Fragment geblieben. Er wusste einfach zu wenig über die Zusammenhänge. 

Was war am 18. April 1945 geschehen?

Ein Flugzeug hatte im Morgengrauen im Hafengelände gewassert. 

 An Bord befanden sich Gestapo Beamte, die den Auftrag hatten, eine Gruppe von Verschwörern festzunehmen, zu der sowohl Zivilisten als auch Soldaten gehörten.  Die Verschwörer sollen in Funkkontakt mit den Briten gestanden haben.  Der Sender wurde angeblich in einem Ofen gefunden, der dem Dachdecker Georg Braun gehörte.    „Vater hat mit dem Ofen gesprochen, heute Nacht kommt kein Alarm“, hatte seine Tochter gesagt.

Die Gestapo-Beamten hatten sich Unterstützung beim sogenannten K-Verband geholt, einer aus Freiwilligen zusammengestellten Einheit, die, auf der Insel stationiert, unten im U-Bootbunker an Einmann-Torpedos, Zweimann-U-Booten und Sprengbooten ausgebildet wurden.  Ein Himmelfahrtskommando für besonders Tapfere, die der Gestapo als äußerst zuverlässig erscheinen mussten.

Ein Trupp dieses Verbandes begab sich zur Batterie Falm.  Die Batterie hatte einen Zugang zum alten Festungs- und Bunkergelände, das zum Teil noch aus kaiserlichen Zeiten stammte.  Der Eingang wurde von einem Posten unter Gewehr bewacht.  Kein Unbefugter durfte passieren, nur Batterieangehörige und Fremde mit Sonderausweisen.  Offizierspatrouillen hatten immer wieder die Posten kontrolliert und sie mit gefälschten Ausweisen zu düpieren versucht, das wusste man.  Die Offiziere des K-Verbandes, die am Morgen beim Posten erschienen, waren im Besitz gültiger Ausweise.  Sie begaben sich in die Bunkere Anlage und öffneten die Tür des Unteroffizierbunkers, in dem Fähnrich Wachtel mit anderen Unteroffizieren schlief.

„Fähnrich Wachtel?“ rief einer der Offiziere fragend in den Raum.  Der Fähnrich fuhr aus dem Schlaf.  Ebenso der über ihm liegende Obermaat Richter.  Er hörte, wie die Offiziere den Fähnrich aufforderten, sich anzuziehen.  Der Obermaat überlegte.  Was wollten diese Offiziere‘?  Wer waren sie überhaupt?  Irgendetwas war faul an dieser Sache, aber der Obermaat wusste nicht, was.  Er reagierte spontan.  Ohne lange zu überlegen, sprang er aus seinem Bett, stieß die verdutzten Offiziere beiseite und rannte den Gang hinunter zur sogenannten Batteriezentrale.  Dort riegelte er sich ein und betätigte die Alarmanlage der Batterie.  – Die Tür zur Zentrale war ein Stahlschott, das mit zwei Hebeln von innen verriegelt, von außen aber ebenso gut wieder geöffnet werden konnte.  Deshalb drückte er so rasch auf den Alarmknopf, bevor die Verfolger das Schott aufhebeln konnten, um ihn zu überwältigen und ebenfalls abzuführen.

Er sieht diesen Obermaat wieder vor sich.  Ein stämmiger Typ, ein richtiger „Landser“ im Vergleich zu vielen anderen, die wie verkleidete Zivilisten aussahen.  Einer, der zupackte und nicht lange zögerte.  Was damals in seinem Kopf vorging – schwer zu sagen.  Jedenfalls war die Tatsache, dass unbekannte Offiziere einen Fähnrich festnahmen, kein hinreichender Anlass, die ganze Batterie zu alarmieren.  Es hätte wahrscheinlich genügt, die Offiziere, wenn sie auch ihrem Rang nach Vorgesetzte waren, nach ihrer Legitimation zu fragen.  Aber das übertriebene militärische Sicherheitsdenken hatte zur Folge, dass jeder jeden verdächtigte, Hinterhältiges im Schilde zu führen. 

Einen Alarm, wie ihn der Ober Maat spontan ausgelöst hatte, rückgängig zu machen – diese Möglichkeit gab es nicht.  Die Folge war ein Lehrstück militärischen Aberwitzes. In allen Unterkünften schrillten die Alarmglocken und rissen die Mannschaften aus dem Schlaf.  Soldaten und Marinehelfer eilten an ihre Geschütze und Geräte.  Nervös betätigte Josche, die Kopfhörer auf den Ohren, den Schalthebel seines Sprechgerätes.  Es dauerte unendlich lange, bis ein Knacken in der Leitung signalisierte, dass die Verbindung zum Leitstand hergestellt war. Aber dort herrschte Ratlosigkeit.  Keiner schien zu wissen, was los war.  Die Alarmsirenen der Insel schwiegen, die üblichen Meldungen über anfliegende feindliche Kampfverbände blieben aus.  Funkstille.

Auf einem Hügel oberhalb der Batterie sahen sie das Kommando des K-Verbandes, das man abgeordnet hatte, die mit der Verhaftung des Fähnrich Wachtel beauftragten Offiziere sichernd zu begleiten. Sie hielten ihre Maschinenpistolen im Anschlag und beobachteten argwöhnisch das Treiben in der Batterie.  – Da die einzelnen Geschützführer keine Anweisungen vom Leitstand erhielten, reagierten sie nun eigenmächtig, was durchaus dem Reglement entsprach.  In den letzten Wochen hatte man viel über eine mögliche Invasion der Alliierten in der Deutschen Bucht gesprochen. Man hatte dementsprechende Übungen veranstaltet und die Mannschaften auf den Erdkampf mit dem gelandeten Gegner gedrillt.  Bei diesen Manövern hatten immer die Männer des K-Verbandes die Rolle der Landungstruppen übernommen.  Feinddarstellung nannte man so etwas.  Wen wunderte es also, das die Geschützführer ihren Mannschaften befahlen, ihre Infanteriewaffen, Gewehre und Maschinengewehre aus den Bunkern zu holen und auf jenen Hügel zu richten, auf dem sich die K-Verband Männer postiert hatten!

Diese mussten nun die Situation ihrerseits missverstehen.  Sie waren ausgerückt im Auftrag der Gestapo, eine Gruppe von Verschwörern festzunehmen.  Die Verschwörer, so hatte man ihnen offenbar beigebracht, würden versuchen, die Mannschaften der Batterien, die zum großen Teil aus unsicheren Kantonisten bestanden – man denke nur an den ehemaligen Sozialdemokrat Vaerke – auf ihre Seite zu bringen.  Wie anders hätten sie das Verhalten der Geschützbedienungen deuten können, als dass diese gegen das Verhaftungskommando Front machten!

Der Kriegswachleiter der Batterie, ein leicht auf die Palme zu bringender Oberfeldwebel, hatte fluchend herumtelefoniert und endlich den Batteriechef erreicht, der außerhalb der Batterie in einem Privatquartier untergebracht war. Der blutjunge Oberleutnant, Sprössling einer rheinischen Schokoladendynastie, erschien schließlich und nahm mit dem Leiter des Kommandos auf dem Hügel Kontakt auf.  Das Ergebnis ihrer Unterredung:  Die Mannschaften und Marinehelfer wurden in ihre Unterkünfte geschickt, alle Türen wurden verschlossen, die Marinehelfer mussten sogar die Blenden vor ihre Barackenfenster schieben, und Bewaffnete des K-Verbandes patrouillierten auf dem Gelände und ließen die Jungen nicht mal aufs Klo. – Erst im Laufe des späten Vormittags schien sich das Missverständnis aufzuklären, und die Bewacher wurden abgezogen.  Offenbar war es dem Batteriechef gelungen, Gestapo und Begleitkommando davon zu überzeugen, dass die Batterie nicht auf Seiten der Verschwörer stand, ja nicht einmal eine Ahnung von deren Vorhaben hatte.

Fähnrich Wachtel mochte nach Sympathisanten gesucht haben, aber eingeweiht in die Pläne der Verschwörer hatte er niemand.   

Die regelmäßige Hauptmusterung war auf zwölf Uhr angesetzt.  Als die Batterie auf dem Batteriehof antrat, schrillten plötzlich die Alarmglocken, gleichzeitig begannen die Sirenen zu jammern.  Josche spurtete zum Geschütz, wo er sofort am Sprechhebel zu fingern begann, um seine Klarmeldung loszuwerden, die eigentlich immer eine Lüge war:  Er war zwar auf seinem Platz, aber das Geschütz war noch längst nicht klar.

Der Großangriff begann, und danach fand Josche, dass sein ganzer kläglicher Besitz – zwei Reihen Bücher, drei Poster von Marika Rökk und die Flasche mit Gummi arabicum, seinem Wunderheilmittel – den Bomben zum Opfer gefallen war.

Die Batterie Westklippe hatte es am schwersten getroffen, fast alle Marinehelfer waren gefallen.

Sie in der Falm hatten nur Axels Tod zu beklagen.  In einer Pause zwischen zwei Angriffswellen hatten sie nämlich die Geschützbunker verlassen und waren in den besser geschützten Festungsbereich geflüchtet.  Axel war nicht zu bewegen gewesen mitzukommen.  In einer weiteren Angriffspause war Josche mit seinem Geschützführer noch mal nach oben gerannt, aber sie schafften es nicht bis zum Geschützbunker, da war die nächste Welle schon heran, und die erste Bombe schüttete ihnen Felsbrocken und Geröll aufs Haupt, als sie die Treppe zum Tiefbunker hinunterstolperten.

Am Abend ist der Reisende zum Landungssteg hinuntergegangen.  Hier auf einer kleinen Bühne vor der Kurverwaltung, singt ein Helgoländer Männerchor.

„Blow, boys, blow for Californio…“ 

Das war das Lieblingslied ihres Flak Kommandeurs gewesen, und kein anderer als jener Fähnrich Wachtel hatte es mit ihnen als Geburtstagsständchen einstudiert.  Ob sich der Kommandeur wohl daran erinnert hatte, als er von der Verhaftung des Fähnrichs erfuhr?

Warum lag den Briten so viel daran, dieses Eiland zu verwüsten?  War es nur die Tatsache, dass es, zur Festung ausgebaut, den Eingang in die Elbmündung versperrte?  Man plant solche Aktionen wie jenen Großangriff nicht von heute auf morgen, aber man kann sie abbrechen, wenn sie überflüssig geworden sind, vierzehn Tage vor dem absehbaren Ende.  War jener militärische Aberwitz am Werk, die Bomben, die man extra für Fels und Festungswerk konstruiert hatte, nun auch auf ihre Wirkung zu testen?

Die Männer mit den Schiffermützen, in den blaugestreiften Hemden, ein rotes Tuch um den Hals geknotet, singen all die alten Songs vom schönen Helgoland.  Auch der Reisende kennt ihre Songs.  Fähnrich Wachtel hatte sie damals mit einer Gruppe Helgoländer Mädchen zusammengebracht, und er konnte sich noch an das Lied erinnern, das die Mädchen damals gesungen und gespielt hatten:

Wide, wide, witt, mein Mann ist ‚kommen, wide, wide, witt, was hat er ‚bracht….“

Auch am Tage des Abschieds bleibt der Himmel blau. Vom Dünenflughafen sieht er die kleine zweimotorige Maschine näherkommen, und er muss plötzlich an das erste friedliche Flugzeug denken, das einen Tag nach der Kapitulation im Süden unter einem blauen Frühlingshimmel vorbeigezogen war.  Silbrig glänzte der fremde Vogel in der Sonne, und sie machten ihn als eine Dakota aus.  Keine Alarmglocke hatte mehr geschrillt, die Sirenen hatten geschwiegen, und der alte Jupp aus dem Kohlenpott war auf den Rand der Geschützbettung geklettert, die die Bomben auf einer Seite angehoben hatten und pinkelte im Freudentaumel die verdreckte Kanone an.  Josche und Jünne und Banne und Buschi und Gettex und wie sie alle hießen, standen da in ihren verschmutzten Klamotten, aus denen sie seit Tagen nicht herausgekommen waren, und blinzelten ungläubig dieser ersten Friedenstaube nach, konnten es noch gar nicht fassen, dass der Krieg, der fast ein Drittel ihres bisherigen Lebens gedauert hatte, vorbei war.   Einfach vorbei.

 Copyright Astrid Friederichs

Kommentieren Sie den Beitrag

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.