Kurt A. Pester – im Widerstand, verhaftet Helgoland 18.4.1945, hingerichtet 21.4.1945 Cuxhaven-Sahlenburg

18. April 1945
Helgoland
Schlagwörter , ,

Kurt A. Pester, Helgoländer Widerständler, verhaftet auf Helgoland am 18.4.1945 - hingerichtet in Cuxhaven-Sahlenburg am 21.4.1945            Kurt A. Pester, Helgoländer Widerständler, Grabplatte in Cuxhaven-Brockeswalde.  Verhaftet auf Helgoland am 18.4.1945 - hingerichtet in Cuxhaven-Sahlenburg am 21.4.1945

Kurt A. Pester                             Grabplatte Cuxhaven-Brockeswalde

Die Insel Helgoland hatte während des Zweiten Weltkrieges trotz massiver Befestigungs- und Verteidigungsanlagen keine nennenswerte militärische Bedeutung.  Am Ende des Krieges war sie aber mit ihrem Flugmeldedienst so weit draußen im Meer wichtig, um in den großen Küstenstädten Hamburg und Bremen rechtzeitig den Fliegeralarm auslösen zu können.  Trotz mehrfacher Aufforderung der Alliierten an den Inselkommandanten, Helgoland kampflos zu übergeben, wurde die Insel weiterhin vehement verteidigt und durch Bombenangriffe stark beschädigt.   Viele junge Marinehelfer, Soldaten und Helgoländer kamen dabei ums Leben.  Dieses wollte eine Widerstandsgruppe aus Marineangehörigen und Helgoländern verhindern, indem sie die Fest-nahme des oberen Offizierskorps plante, um selbst die kampflose Übergabe in die Hand nehmen und Helgoland an die Engländer übergeben zu können.  „Wir wollten dem Morden ein Ende bereiten und Helgoland vor der völligen Zerstörung retten“, war ihre Parole.

Der Obergefreite KURT ARTHUR PESTER war einer von ihnen.

Dies ist seine Geschichte:

Kurt Pester wurde am 18. August 1908 als Ältester von sechs Geschwistern in Ehrenhain geboren.  Das Dorf gehörte damals zum Herzogtum Sachsen-Altenburg, und die meisten Einwohner waren Bauern, Handwerker und Fabrikarbeiter.

Kurts Vater Bruno war Maurer und politisch immer stark engagiert.  Schon 1903 war er in die SPD eingetreten und blieb auch in der Gewerkschaft sehr aktiv.  Die Verteidigung demokratischer Rechte war für Bruno Pester Ehrensache.  Bereits 1911, vor dem ersten Weltkrieg, stand sein Name auf einer „schwarzen Liste“ der herzoglichen Regierung.

Für Bruno Pester war es nicht immer leicht, seine achtköpfige Familie zu ernähren. Seine Frau verdingte sich, wann immer möglich, als Saisonkraft, und auch ihr Sohn Kurt musste noch während seiner Schulzeit oft auf den Feldern der Bauern arbeiten, um seine Familie zu unterstützen.

Gleich nach seiner Schulzeit 1924 wurde Kurt Mitglied der SPD-nahen Sozialistischen Arbeiterjugend.Zuerst arbeitete er am Rittergut des Ortes. 1926 konnte ihm sein Vater eine Lehrstelle als Maurer in der „Ostthüringer Bauhütte“ beschaffen. Er wurde Mitglied der Gewerkschaft und trat so weiterhin nicht nur politisch, sondern auch beruflich in die Fußstapfen seines Vaters.  1929 wurde er Mitglied der SPD.

Er war ein kräftiger, sportlicher junger Mann, ein begeisterter Skilangläufer und engagiertes Mitglied des Ehrenhainer Sportvereins. Mit 21 Jahren gründete er eine Ehrenhainer Gruppe der Kinderorganisation „Rote Falken“, mit der er viele Wanderungen unternahm. Seine Freunde schätzten ihn als geistig rege, lebensfroh, bescheiden und jederzeit hilfsbereit.  Fotos vermitteln den Eindruck eines in sich ruhenden, ausgeglichenen und freundlichen Mannes.

Als die NSDAP Anfang der dreißiger Jahre im benachbarten Wieratal immer mehr an Einfluss gewann, trat Kurt dem „Reichsbanner“ und dem „Parteischutz“ der SPD bei, damals starke Organisationen im Alten-burger Land. Er war mehrmals anwesend, als SPD Wahlkampfveranstaltungen durch NS-Schlägertrupps mit sog. „Saalschlachten“ gestört wurden. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde er für drei Tage inhaftiert und verlor sofort seinen Arbeitsplatz.

1934 heiratete er Rosa Reimschüssel, genannt Rosi. Sie hatten eine Tochter und zwei Söhne. Kurts Frau war immer in die Aktivitäten ihres Mannes eingeweiht, unterstütze sie und war oft selbst mit dabei. Opposition und Widerstand waren keine Fremdworte für die beiden. Bereits im Jahr ihrer Eheschließung schloss Kurt Pester sich einer Widerstandsgruppe an, die mit der Exilregierung der SPD in der CSR in Verbindung stand.  Mit ehemaligen Klassenkameraden unternahmen Kurt und Rosa gemeinsame Rad- und Skitouren ins Erzgebirge.  So getarnt in der Wandergruppe war es Kurt möglich, sich heimlich mit Kurieren aus der CSR zu treffen und aus Deutschland mitgebrachtes Material gegen illegale Schriften der Exilregierung auszutauschen. Das deutsche Material hatte Kurt wiederum von anderen Kurieren während kurzer Treffen in einem Gasthof in Ehrenhain erhalten.

Treffpunkt war die „Dreckschenke“, eine Schenke auf der tschechischen Seite in  der Nähe der Kleinstadt Johann-Georgenstadt im Erzgebirge.  Manche Teilnehmer der Wandergruppe wunderten sich manchmal, dass Kurt an der Grenze immer für kurze Zeit „verschwand“, aber seine Tarnung war sehr gut.

Am 3. Juni 1941 wurde Kurt als Rekrut in die 6. Ersatzmarineartillerieabteilung, Emden einberufen. Der Standort war Cuxhaven.  In dieser Zeit wurde er am Maschinengewehr 34 ausgebildet, und so begann seine militärische LaufbahnIm März 1944 wurde er  in die Marineartillerieabteilung 122 nach Helgoland versetzt und war dort Geschützführer 17cm SK L/40.

Weihnachten 1944 sah Kurt Pester seine Familie zum letzten Mal, als er sie in Thüringen besuchte.  Auf Helgoland freute er sich über den Familienanschluss zur Familie Braun, wo er sich sehr wohl fühlte.  Mit den Kindern spielte er „Mensch Ärger’ Dich Nicht“ und „Sechsundsechzig“, und mit Georg Braun teilte er seine Liebe zur Musik. Außerdem konnte Georg Braun ihn für die Widerstandsgruppe gewinnen, die seit Anfang 1945 Pläne schmiedete, die Insel den Alliierten kampflos zu übergeben, um Menschenleben zu retten und die Insel vor der Zerstörung zu bewahren.

Monatelang wurden von Offizieren und Soldaten im Haus der Brauns Pläne geschmiedet, um die völlig vom Militär kontrollierte Insel  an die Alliierten zu übergeben, mit denen die Gruppe per Funk Kontakt hatte.  Zwei Mitglieder der Gruppe verrieten die Pläne und so wurden ca. 40 Männer und einige Frauen am frühen Morgen verhaftet und nach Cuxhaven überführt.   Fünf von ihnen, darunter Kurt Pester, wurden nach einer kurzen Gerichtsverhandlung zum Tode verurteilt.

Noch am selben Abend wurden sie auf dem Schießplatz Cuxhaven-Sahlenburg hingerichtet.

Kurt Pesters Frau Rosa Pester überlebte ihren Mann um 38 Jahre. Um ihre kleine Rente aufzubessern und ihre drei Kinder zu ernähren, arbeitete sie erst in einer Wollfabrik, dann als Köchin in einem Kindergarten und in der Verwaltung der Stadt Altenburg.  Zuletzt war sie jahrelang Bürgermeisterin der Gemeinde Ehrenberg.  Sie starb 1983, ohne jemals das Grab ihres Mannes gesehen zu haben.

Die erste Reise ihres Sohnes nach der Wiedervereinigung Deutschlands führte ihn nach Cuxhaven, wo das Grab seines Vaters Kurt Pester noch heute besteht.

In seiner Heimat, dem  Altenburger Land der ehemaligen DDR, wurde Kurt Pester als Held geehrt. Nach ihm wurden mehrere Gebäude und Plätze benannt.  Es gab die Kurt-Pester-Schule, die Kurt-Pester-Straße, die Kurt-Pester-Hütte eines Sportvereins und den Kurt-Pester-Platz.  Gleich nach der Wende wurden die meisten dieser Namensschilder entfernt.

Gegen Ende der neunziger Jahre wurde sein Sohn Zeuge, wie auf einem Trödelmarkt das Straßenschild mit dem Namen seines Vaters verkauft wurde.  Nur der KURT-PESTER-PLATZ in Ehrenhain erinnert noch heute an seinen ehemaligen mutigen Bürger.

Stolperstein Kurt A. Pester: Kreuzung Siemensterrasse - Lung Wai, Helgoland, verlegt am 17.4.2010 (Foto M. Richters)

Zum Gedenken an KURT A. PESTER wurde am 17. April 2010 an der Kreuzung der beiden Hauptstraßen Lung Wai und Siemensterrasse auf Helgoland ein STOLPERSTEIN verlegt. 

 

Autorin des Beitrags, copyright: Astrid Friederichs  –  Das Buch „Wir wollten Helgoland retten – Auf den Spuren der Widerstandsgruppe von 1945“,  wurde im April 2010 vom Museum Helgoland herausgegeben (ISBN 987-3-00-030405-7), Kontakt: afrberlin@t-online.de

 

Quellen:   Interviews mit H. Pester, Altenburg, Feb. 2009  –   Brief Dr. H.W. Rothe an R. Pester, 28.7.1945 (Bes. H. Pester)   –   Brief G. Kühne an R. Pester, 11.11.1945 (Bes. H. Pester)   –   Brief Pastor H. Hartung an R. Pester, 12.3.1946, (Bes. H.Pester)   –   Deutsche Dienststelle WASt, Berlin 2009

 

 

 

 

Kommentieren Sie den Beitrag

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.