Katharina Kröger, geb. Jürgs (1878-1941) – Opfer der sog. „Euthanasie“

9. Juli 1941
Katharinenstraße 8, Uetersen
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Einleitung

Bei Durchsicht der beiden Beerdigungsregister der Kirchengemeinde Uetersen nach dem Standesamt Bernburg bzw. Bernburg II hat d. Verf. im Januar 2015 insgesamt sechs Sterbeeinträge im Jahr 1941 gefunden[1]. Dieses Standesamt ist ein Hinweis auf ein sog. „Euthanasie“-Opfer. Eines der Opfer ist Katharina Kröger, geb. Jürgs.

Durch die Zustimmung der Familie war es möglich, eine Kopie der Patientenakte im Bundesarchiv zu erhalten. Besonderer Dank gebührt deshalb Herrn Dietmar Jürgs in Niddatal und Frau Britta Jürgs in Berlin.

Die frühen Jahre

Catharina Jürgs wird am 09.10.1878 in Holm als eheliche Tochter von Diederich Jürgs und Jacobine, geb. Hauschildt, geboren. In ihrem Geburtseintrag wird der Vater als „Ziegeleibesitzer“ in Holm bezeichnet[2]. Sie hat insgesamt neun Geschwister. Zwischen 1878 und 1882 hat die Familie auf jeden Fall in Holm gewohnt[3]. 1885 lebt die Familie wieder in Neuendeich; der Vater wird im Taufeintrag des Sohnes Jacob als „Landmann“, ein Jahr später beim Taufeintrag des Sohnes Diederich als „Hofbesitzer“ bezeichnet[4].

Catharina hat vermutlich die Volksschule in Neuendeich oder Klevendeich besucht. Palmarum 1893 wurde sie in Uetersen konfirmiert. Über ihren weiteren Werdegang ist nichts bekannt.

Die kurzen Ehejahre und die Jahre danach

Catharina Jürgs hat am 26.03.1904 in Uetersen den Aufseher Johann Hinrich Kröger geheiratet. Er wurde am 24.01.1869 in Elmshorn als Sohn des Zimmermanns Claus Kröger und der Catharina geb. Mohrdiek geboren. Zum Zeitpunkt der Heirat wohnte er in Altona, Große Gärtnerstraße 47[5]. Ob diese Adresse auch die Meldeadresse der Eheleute war, ist nicht bekannt. Sie haben auch kirchlich geheiratet, und zwar wurden sie in der Klosterkirche mit Orgelbegleitung getraut[6]. Ihr Vater wird im Heiratseintrag als „Kohlenhändler“ in Uetersen bezeichnet. Bei ihr wurde vom Standesbeamten „ohne Gewerbe“ notiert; das heißt, sie war zum Zeitpunkt der Eheschließung nicht berufstätig.

Die Ehe wurde bereits am 23.07.1908 durch rechtskräftiges Urteil des Landgerichts Hamburg geschieden.[7]

Am 19.11.1910 stirbt ihre Mutter Jacobine Jürgs, geb. Hauschildt, im Alter von 59 Jahren und wird am 23.11. auf dem Neuen Friedhof in Uetersen beigesetzt (Familiengrab „Nische 9“)[8].

Am 06.04.1913 ist ihre ledige Schwester Jacobine im Alter von 30 Jahren „in der Provinzial-Irrenanstalt zu Schleswig gestorben“[9]; sie wird am 10.04. im Familiengrab beigesetzt.

Wann die Meldekarte von Katharina Kröger, geb. Jürgs, im Rathaus angelegt wurde, ist nicht erkennbar. Sie wohnt bis 1921 ebenfalls in der „Katharinenstr. 8“ beim Vater. Laut Meldekarte wird sie als „Haushälterin“ bezeichnet. Von 1921 bis 1931 hat sie offiziell in der Parallelstraße = (spätere) Meßtorfstr. 29 bei Stoffer gewohnt. Ab 1931 wohnt sie wieder in der Katharinenstraße 8[10].

Die langen Jahre der Krankheit

Es ist nicht bekannt, ab wann Katharina Kröger, geb. Jürgs, erkrankt ist bzw. welche Ereignisse die Krankheit ausgelöst und/oder verstärkt haben. Bekannt ist, dass sie bereits vom 14.03.1923 bis 09.06.1923 in der Universitäts-Nervenklinik in Kiel und anschließend in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt in Neustadt untergebracht war, wo sie am 21. Juli 1924 jedoch entwich.[11] Ihr Aufenthalt war dann zunächst nicht ausfindig zu machen. Der Vormund[12] hatte sie bei einer verwandten Bauernfamilie untergebracht und verweigerte nähere Auskunft. – Vormund als Beschützer!

Weitere aktenkundige Auffälligkeiten gab es lt. der Akte der Polizeiverwaltung Uetersen ab Sommer 1927. In der Öffentlichkeit fiel sie u.a. durch Verschrobenheit auf[13].

Am 16.12.1930 wurde sie vom Kreisarzt untersucht mit dem Schluss, dass sie 1) an Hysterie leidet, 2) Gemeingefährlichkeit nicht vorliegt und 3) die Unterbringung in eine Anstalt für Geisteskranke auch aus anderen Gründen nicht vorliegt.[14]

Am 30.10.1932 stirbt ihr Vater, der Rentner Diedrich Jürgs im Alter von 84 Jahren; er wird am 02.11. im Familiengrab auf dem Neuen Friedhof beigesetzt[15]. – Vater als Beschützer!

Am 22.08.1934 wurde Katharina Kröger erneut in Neustadt aufgenommen; die Krankheitsform wird mit Schizophrenie und einem „?“ angegeben. Grundlage der Einweisung war eine Verfügung des Bürgermeisters der Stadt Uetersen als Ortspolizeibehörde vom 20.08.1934, in der sie jetzt für gemeingefährlich erklärt wird. Als Beruf wird „Rentnerin“ angegeben. – Mit dem Regimewechsel ändert sich die Beurteilung der Gemeingefährlichkeit! – Sie hat keine Beschützer mehr!

Am 21.05.1935 wurde sie aus der Anstalt „gebessert“ entlassen.[16]

Seit dem 08.03.1937 befindet sich Katharina Kröger wieder in Neustadt. Mit Datum vom 20.10.1937 wird sie vom Amtsgericht Uetersen entmündigt. Als letzter Vormund wird Ingenieur Kurt Pentzien aus der Sophienstr. 4 in der Patientenakte genannt[17].

Am 13.06.1941 wird Katharina Kröger aus Neustadt „in eine andere Anstalt verlegt“, am Tag darauf wieder aufgenommen und am 09.07.1941 erneut „in eine andere Anstalt verlegt“[18]. Das ist der Ankunftstag in Bernburg/Saale. Dort befand sich eine der Tötungsanstalten des NS-Regimes für psychisch kranke, geistig und körperlich behinderte Menschen[19].

Katharina Kröger wurde noch am Ankunftstag getötet[20]. „Offiziell“ ist sie am 21.07.1941 gestorben[21]. Die Beisetzung der Urne fand lt. Beerdigungsregister der Kirchengemeinde am 12.09.1941 auf dem Neuen Friedhof in Uetersen mit einer „Rede am Grabe“ statt, lt. Chronologie der Friedhofsverwaltung jedoch eine Woche früher[22]. Das Familiengrab existiert noch auf dem Friedhof.

Schlussbetrachtung

Katharina Kröger, geb. Jürgs, hat über viele Jahre Beschützer gehabt. 1924 war es der Vormund, der sie versteckte. Sie hat ihrem Vater den Haushalt geführt. Mit seinem Tod 1932 entfiel auch dieser Schutz. Die Machtübernahme der Nazis hat Auswirkungen auch auf der lokalen Ebene. Die Beurteilung der Gemeingefährlichkeit ändert sich mit der Folge, dass Katharina Kröger 1934 in eine geschlossene Anstalt muss. Aus der Anstalt wird sie 1935 noch einmal als „gebessert“ entlassen, jedoch ab 1937 bis zu ihrem gewaltsamen Tod 1941 ist sie Patientin einer geschlossenen Anstalt.

Der Stolperstein

Am 15.02.2019 wurde für Katharina Kröger in der Katharinenstraße 8 ein Stolperstein verlegt. Er trägt die Inschrift:

HIER WOHNTE

KATHARINA KRÖGER

GEB. JÜRGS

JG. 1878

EINGEWIESEN 1937

HEILANSTALT NEUSTADT

„VERLEGT“ 9.7.1941

BERNBURG

ERMORDET 9.7.1941

„AKTION T4“

 

Die Patenschaft für diesen Stein hat Dr. Sönke Zankel, Hamburg, übernommen.

Weiterführende Beiträge

  • J. Penning: Spur „Magda Janzen – Opfer der ‚Euthanasie‘“, auf: https://www.spurensuche-kreis-pinneberg.de/
  • W. Hayatie: Von der NS-„Euthanasie“ zum Facharzt in Uetersen: der Mediziner Dr. Kurt Borm, in: S. Zankel (Hg.), Uetersen und die Nationalsozialisten – Von Weimar bis in die Bundesrepublik …, Kiel 2010, S. 97 ff.

 

Erhard Vogt, Febr. 2019

 

[1] Diesen Hinweis hat d. Verf. dankenswerterweise von Jörg Penning beim Workshop des Fördervereins Spurensuche am 17.01.2015 erhalten. Ohne diesen Hinweis hätte es diese Recherche nicht geben können.

[2] Holm wurde damals „Hollm“ geschrieben. Vgl. Geburtseintrag des Standesamtes Schulau/Spitzerdorf Nr. 51/1878. Lt. OFB Wedel ist ihr Geburtsort „Holmer Berg“; dieser Ort könnte auf dem Taufeintrag der Kirchengemeinde Wedel basieren.

[3] 1878, 1880 und 1882 sind drei Geburten beim Standesamt Schulau/Spitzerdorf verzeichnet. Vgl. Ortsfamilienbuch Wedel bei >http://www.online-ofb.de/<, Aufruf am 12.05.2015.

[4] Vgl. Taufeinträge Nr. 125/1885 und Nr. 222/1886 im Geburts- und Taufregister der Kirchengemeinde Uetersen.

[5] Vgl. Heiratseintrag Nr. 10/1904 des Standesamtes Uetersen.

[6] Vgl. Traueintrag Nr. 5/1904 der Kirchengemeinde Uetersen.

[7] Vgl. Randnotiz des Heiratseintrags Nr. 10/1904 des Standesamtes Uetersen.

[8] Vgl. Sterbeeintrag im Beerdigungsregister der Kirchengemeinde Uetersen (Stadtbezirk) Nr. 128/1910.

[9] Vgl. Sterbeeintrag im Beerdigungsregister der Kirchengemeinde Uetersen (Stadtbezirk) Nr. 30/1913.

[10] Vgl. Meldekarte Katharina Kröger, geb. Jürgs, im Rathaus Uetersen.

[11] Vgl. Patientenakte im Bundesarchiv Berlin R179-5578.

[12] Ob sie damals schon einen Vormund hatte, ist zweifelhaft. So steht es jedoch in der Patientenakte, die Bezug auf die Akte der Polizeiverwaltung in Uetersen nimmt. Entmündigt wurde sie nach Wissen d. Verf. erst 1937.

[13] Vgl. Patientenakte im Bundesarchiv Berlin R179-5578.

[14] Vgl. ebda.

[15] Vgl. Sterbeeintrag im Beerdigungsregister der Kirchengemeinde Uetersen (Stadtbezirk) Nr. 45/1932. Als Amtshandlung ist „Par. Haus“ vermerkt. „Par.“ steht für „Parentation“ und bedeutet – lt. Duden – Totenfeier oder Trauerrede; die Totenfeier für ihn fand also zu Hause statt.

[16] Vgl. ebda.

[17] Als Vormund bzw. Pfleger fungierten davor Steuerberater Carl Voß, Kampstraße; Rentner Jacob Jürgs, Deichstr. 26; Bankangestellter Hermann Vietze, Katharinenstraße. – Vgl. ebda.

[18] Vgl. ebda.

[19] Zwischen Mai und August 1941 wurden fünf Transporte mit ca. 700 Patienten aus den Heilanstalten Neustadt und Schleswig nach Bernburg zur Tötung „überführt“ (vgl. Fußnote 15 der Spur „Magda Janzen“). Details der Aktion „T 4“ werden von J. Penning in der Spur „Magda Janzen“ auf der Webseite „Spurensuche-Kreis-Pinneberg“ beschrieben. Der Autor benennt auch Quellen in den Fußnoten.

[20] Vgl. Mitteilung der Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie“ Bernburg vom 08.04.2015.

[21] StA Bernburg II Nr. 659 vom 21.07.1941, genannt im Beerdigungsregister der Kirchengemeinde Uetersen (Landbezirk) Nr. 59/1941.

[22] Vgl. Beerdigungsregister der Kirchengemeinde Uetersen (Landbezirk) Nr. 59/1941 – Die Beisetzung fand lt. Chronologie der Friedhofsverwaltung bereits am 05.09. statt (bekannt seit März 2015)

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