31.03.1934: Wilhelm Uhlenbruck – Berufsverbot für einen freien Gewerkschafter. Als Vorsitzender der Seeleutegewerkschaft zwangen ihn die Nazis, seine Stelle aufzugeben

31. März 1934
Rissener Chaussee 4, Wedel
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31.03.1934: Wilhelm Uhlenbruck – Berufsverbot für einen freien Gewerkschafter . Als Vorsitzender der Seeleutegewerkschaft in Hamburg wurde er von den Nazis gezwungen, seine Stelle aufzugeben.

Wedel, Rissener Chaussee 4: Hier wohnte Wilhelm Uhlenbruck, ehemaliger Rechtsbeistand als Helfer in Steuersachen und Geschäftsführer des „Verbandes Deutscher Kapitäne und Steuerleute der Handelsschifffahrt und Hochseefischerei“  in Hamburg. Bei der  Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933 wurde auch das Büro dieser freigewerkschaftlichen Organisation  am Altonaer Fischmarkt von der Nationalsozialistischen Betriebszellen Organisation (NSBO) mit Gewalt besetzt. Die Polizei verhaftet auf  Verlangen der Nazis Wilhelm Uhlenbruck und verhört ihn zunächst im Polizeigefängnis Altona. Am folgenden Tag wird er nach Hamburg-Fuhlsbüttel gebracht und dort nach einigen Tagen wieder aus der sogenannten „Schutzhaft“ entlassen. Es folgt zum 31.3.34 nach Beschluss des Arbeitsgerichtes Hamburg das Berufsverbot für Wilhelm Uhlenbruck, da er „nicht Mitglied der NSDAP“ ist. [1]    

Der „Nautiker“

Als Verantwortlicher für die Verbandszeitschrift „der Nautiker“ bekämpft Wilhelm Uhlenbruck schon früh die Versuche der Nazis Anfang der 1930er Jahre mit Pseudogewerkschaften ihre völkische und faschistische Ideologie in der Arbeiterschaft zu verbreiten: „Überall wo nur halbwegs aktionsfähiger Anhang der Nazis vorhanden ist, soll dieser sich an Betriebsrätewahlen beteiligen und zur Gründung von eigenen nationalsozialistischen Gewerkschaften übergehen… Um Gewerkschaften im eigentlichen Sinne handelt es sich hierbei nicht, es sind ausgesprochen nationalsozialistische Organisationen nach faschistischem Vorbild…  Der absolute Diktator ist der Vorsitzende des Hauptvorstandes. Dieser wird von der nationalsozialistischen Partei ernannt… Die Mitglieder sind absolut rechtlos, haben sich allen Anordnungen des Vorsitzenden zu unterwerfen, haben ein Einspruchsrecht das auf dem Papier steht, können sich der Vereinsorgane bedienen, die nichts zusagen haben. Die Mitglieder sind also so unfrei, wie man es sich nur denken kann. Nur eines dürfen sie: blindlings gehorchen. Ob es wirklich möglich sein wird, auf dieser Grundlage Gewerkschaften von irgendwie nennenswerter Schlagkraft aufzubauen? Man kann es sich einfach nicht vorstellen. Wie tief und wie niedrig muss die NSDAP ihre Anhänger einschätzen, wenn sie es wagt ihnen ein solche Monstrum von Gebilde als Gewerkschaft vorzusetzen.“[2]  Die Veröffentlichungen der Verbandszeitschrift wurden im Mai 1933 von der NSDAP beschlagnahmt und vernichtet.

   

Entnazifizierungsverfahren als Verfolgter

Als Mitglied der demokratischen Partei und später der SPD bis zu ihrem Verbot betätigt er sich vom 27.05.1924 – März 1933 als Verordneter der Stadtvertretung und kandidiert noch 1934 für die Wirtschaftliche Einheitsliste. Durch den korporativen Anschluss der Reichsberufsgruppe „Rechtsbeistände“ im sogenannten „NS Rechtswahrerbund“, auch als „Deutsche Rechtsfront“ bezeichnet, wird Wilhelm Uhlenbruck dort 1935 Zwangsmitglied. Er weigert sich eine Eintrittserklärung zu unterzeichnen und leistet keine Beiträge. Dennoch muss er sich als aktiver Gewerkschafter, der Berufsverbot erhielt, 1946 eben wegen dieses Karteieintrages dem Entnazifizierungsausschuss des Kreises Pinneberg stellen um wieder als Rechtsbeistand in Wedel tätig zu sein.[3]

Die Verbitterung Wilhelm Uhlenbrucks durch jahrelange Verfolgung kann man auch einem Schreiben, das Entschädigungsansprüche für die Beschlagnahme seines Grundstückes und entstandene Schäden durch die militärische Besetzung an die Stadt Wedel richtet, entnehmen: „Niemals war ich in meinem Leben Nationalsozialist. Ich hasste vielmehr diese braune Pest von Anbeginn an. Durch diese habe ich meine gute Stellung verloren in der ich mich wohlfühlte, durch die bin ich am 2. Mai 1933 inhaftiert und eingesperrt worden und, obwohl nicht das geringste gegen mich vorlag, ohne Formalitäten in Fuhlsbüttel ins Gefängnis geschleift und nach einigen Tagen wieder entlassen worden. Bereits damals habe ich den mir die Freiheit raubenden Personen gegenüber erklärt, dass ich ihnen dieses niemals vergessen werde. Ich weiß, daß aufgrund meiner politischen Einstellung mein einziger Sohn… mit Gewalt nach Ostpreußen in eine Landschule als Lehrer verbannt wurde… Wiederholt bin ich persönlich in der Zwischenzeit mit dem KZ und der Gestapo bedroht worden, letzteres sogar noch kurze Zeit vor dem schmählichen Kriegsende!“ Und, so schreibt er weiter: „Es scheint auch direkt herausfordernd zu sein, dass hier an der Rissener Straße fast nur Häuser dem englischen Militär zur Verwüstung überliefert sind, deren Besitzer nicht Nazis waren, vielmehr ausgesprochene Gegner dieser Totengräber des schönen Deutschlands. Während die von den Nazis bewohnten Häuser bei der ersten Besetzung fast sämtlich verschont blieben, mussten die anderen kurzfristig daran glauben! – Es hat den Anschein, als wenn hier ein bestimmtes System zu erblicken ist!“[4]

 Wilhelm Uhlenbruck lebte bis zu seinem Tod in den frühen 50er Jahren in Wedel und verstarb am 17.08.1951. Seine Witwe verstarb am 09.05.1953.

Eine Entschädigungsakte von Wilhelm Uhlenbruck wegen Berufsverbotes und damit eine angemessene Rehabilitation konnte im Bestand des Landesarchivs Schleswig-Holstein nicht ermittelt werden.

 

17.04.2014 R. Arendt



[1] Military Government of  Germany, Fragebogen 355/5/78, Landesarchiv SH

[2] „Das nennt sich Gewerkschaft“ in: Der Nautiker, Organ des Verbandes Deutscher Kapitäne und Steuerleute der Handelsschifffahrt und Hochseefischerei, Nr. 10, 8.Jhg. , 15.10. 1931, Staatsbibliothek Hamburg

[3] Bestätigung des Entnazifizierungs-Hauptausschuss für den Kreis Pinneberg, vom 28.6.1949, Landesarchiv SH

[4] Schreiben von W.U. an den Bürgermeister der Stadt Wedel vom 14. Dezember 1945, Stadtarchiv Wedel

Ein Hinweis zu “31.03.1934: Wilhelm Uhlenbruck – Berufsverbot für einen freien Gewerkschafter. Als Vorsitzender der Seeleutegewerkschaft zwangen ihn die Nazis, seine Stelle aufzugeben”

  1. Carsten Dietrich Brink sagt:

    Sehr geehrter Herr Arendt!
    Vielen Dank für den Hinweis auf die Dokumente. Ich wünschte mir, dass die überlebenden Angehörigen von Wilhelm Uhlenbruck auch diese Informationen erhielten. Leider habe ich keinen Kontakt, ich weiss nicht einmal, ob es noch Lebende gibt. Es gab auch eine Tochter mit dem Vornamen ihrer Mutter: Leni Uhlenbruck…
    Mit beste Grüßen
    Carsten Dietrich Brink

  2. Carsten Dietrich Brink sagt:

    Sehr geehrter Herr Arendt!
    Ich hatte vor Jahren angeregt, sich mit der Geschichte des Ehemannes meiner Großtante zu beschäftigen. Ich danke Ihnen herzlich für die Recherchen, die das Bild des Großonkels, den ich als alten, gramen Herrn in Erinnerung habe, abrundet. Im Brief erwähnt er seinen einzigen Sohn, der nach Ostpreussen geschickt wurde. Dieser Sohn blieb dort bei Kriegsende verschollen. Da der Sohn auf eine starke Brille angewiesen war, nahm die Familie an, dass er sie verloren hat und dann hilflos zu Tode kam. Die ganz alte Dame auf dem Foto rechts ist meine Urgroßmutter Aschmotat, die bei meinem Großvater in der Riststraße 11 wohnte. Mein Großvater war bei der Wedeler Sparkasse angestellt. Die Urgroßmutter hatte drei Kinder alleinerziehend großgezogen, zwei Söhne und eben die Ehefrau von Wilhelm Uhlenbruck.

    1. Rudi Arendt sagt:

      Sehr geehrter Herr Brink,
      vielen Dank für die Kommentierung der Spur und insbesondere die Hinweise zum Bild. Sie hatten ja seinerzeit die Recherchen unterstützt. Hierbei stieß ich auch auf die Zeitschrift „Der Nautiker“, die ja von Wilhelm Uhlenbruck herausgegeben wurde. Ich habe diese in der Staatsbibliothek eingesehen und sie erhält noch weitere interessante Artikel zum Zeitgeschehen. Meiner Kenntnis nach ist dieses noch nicht erforscht und auch für Sie über Fernleihe einsehbar.

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