Verfolgung von Homosexuellen auf Helgoland

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Im Oktober 1938 kam ein Kommando der Staatlichen Kriminalpolizei Hamburg zu einer „Aktion gegen Homosexuelle“ auf die Insel. Einer der ersten Inselbewohner, die verhört wurden, war Prof. Alfred Wulff von der Biologischen Anstalt. Wer genau 1938 die Kriminalpolizei nach Helgoland rief, geht aus den Akten nicht hervor. Die konfliktreichen Zustände in der Biologischen Anstalt und das prominente Opfer Wulff lassen aber vermuten, dass Hinweise auch aus der Anstalt kamen.
Die Kriminalpolizei blieb lange. Die Aufsicht über die Untersuchung führte nach seinem eigenen Bericht Ortsgruppenleiter Meunier  in seiner kommunalen Funktion als Amtsleiter und oberste Polizeibehörde. ( Meunier war wissenschaftlicher Mitarbeiter der Biologischen Anstalt)
Früh wurden Verhöre in der Schule durchgeführt. Eine sehr große Gruppe von Jungen, wahrscheinlich ein ganzer Klassenjahrgang und die Freunde wurden noch in der Schule vernommen. Später hieß es, es seien 47 Jugendliche ermittelt worden. Nur wenige Tage nach dem Verhör wurden viele von ihnen in ein Jugendheim nach Bad Segeberg gebracht. Dort sollten sie umerzogen werden. Alles war schrecklich geheim. Die Mädchen an der Schule erinnerten sich später, dass sie vermuteten, die Jungen hätten geraucht.
Schlimmer waren aber die Wochen danach auf der Insel: Täglich (bis auf die Wochenenden) wurde jeweils ein Helgoländer verhört und sehr oft auch verhaftet und nach Cuxhaven gebracht. Es war die größte Verhaftungswelle in der Helgoländer Geschichte.

Anfang November erhängte sich ein Verhafteter: „Ich tu dir keine Schande an“, habe er als Abschied seiner Frau gesagt, bevor er zum Verhör ging. Aus Angst vor der drohenden Strafe soll damals ein Beschuldigter noch ein Kind mit seiner Frau gezeugt haben.
Schnell wird unter den Erwachsenen bekannt gewesen sein, worum es ging. Es wird dank der Verwandtschaft untereinander kaum eine Familie gegeben haben, die nicht mindestens indirekt durch die Verhöre betroffen war. Die absoluten Zahlen der Angeklagten und Verhörten schwankten. In einem streng vertraulichen Bericht über die Kriminalität und Gefährdung der Jugend von 1941 wurde der Komplex Helgoland als zweitgrößtes Ereignis dieser Art im Reich dargestellt. Die Männer waren in der Regel Helgoländer, von den auf die Insel verschlagenen Festländern oder Soldaten wird in den Prozessen kaum berichtet.
Letztlich kam es zu zwei Prozessen. Im ersten, der im Januar 1939 in Cuxhaven stattfand, wurden in drei Tagen 38 Männer angeklagt. Einige wurden freigesprochen, viele zu Haftstrafen von einigen Monaten verurteilt. Hauptgutachter in diesen Prozessen war der später berühmte Psychiater Hans Bürger-Prinz (1897–1976). Er war damals führend in die Diskussion um die Beurteilung der Homosexualität verstrickt. Besonders günstig wurde Prof. Wulff von ihm beurteilt, er bekam eine geringe Strafe – Akademikern gegenüber urteilte Bürger-Prinz immer großzügig. Vom 28. März bis zum 3. April tagte das Gericht dann auf Helgoland selbst und verurteilte die drei sogenannten Haupttäter und Verführer. Sie bekamen mehrjährige Haftstrafen. Einer von ihnen wurde später im KZ Sachsenhausen umgebracht. Alle anderen überlebten das Dritte Reich.

Autor des Beitrages:   Eckhard Wallmann, Eine Kolonie wird deutsch, Bredstedt 2012, Kapitel XIII. Die Konflikte in der Biologischen Anstalt und die – Homosexuellen Prozesse, Seite 132 – 139, hier Seite 134f:

 

Erstellt von Astrid Friederichs

 

 

 

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