Franz Leo Lissner (1900-1945), Maurer – Opfer der Aktion „Arbeitsscheu Reich“

20. April 1938
Kleiner Sand 47, Uetersen
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Franz Leo Lissner wurde am 2. August 1900 in Eickfier, Kreis Schlochau, in Westpreußen geboren. Seine Eltern waren Pauline, geb. Wollschläger, und Karl Lissner, ein Schneidermeister. Die Familie war katholisch. Franz Lissner besuchte die Volksschule in Eickfier und machte anschließend in den Jahren 1917 bis 1920 eine Lehre zum Maurer. Ab 1920 war er mehrere Jahre in der „Fremde auf Wanderschaft“, wie er es selbst in seinem Lebenslauf beschreibt. 1925 oder 1926 ist er nach Uetersen gekommen. 1926 heirate Lissner die in Uetersen geborene Else Katharina, geb. von Döhren. Gemeinsam hatten sie drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne. Die Ehe der beiden dauerte nur vier Jahre und wurde 1930 geschieden. In späteren Jahren war Franz Lissner allerdings wieder verlobt, es handelte sich dabei um die in Hamburg-Altona wohnhafte Marta Leuke. Die letzte bekannte Adresse Lissners in Uetersen war der Kleine Sand 47.

Über den beruflichen Werdegang Franz Lissners in Uetersen ist bisher nur wenig bekannt. In seinem Lebenslauf schreibt er zu Uetersen nur sehr allgemein, er habe „bis 1938 dort gearbeitet.“ 1941 und 1942 war er zeitweise zur Aushilfe auf dem Fliegerhorst beschäftigt. Außerdem besaß er einen Invalidenpass. In der Gefängnispersonalakte war vermerkt, dass Lissner „wegen seines körperl. Zustandes offensichtlich wehrunfähig ist (invalide)“ und dementsprechend ausgemustert worden war.

Das Leben Franz Lissners war durch eine Reihe von Vorstrafen geprägt, zumeist verschiedene Formen des Diebstahls, aber auch fahrlässige Körperverletzung und Verletzung der Unterhaltspflicht, weshalb ihn das Amtsgericht Uetersen ab 1928 mehrfach verurteilt hatte. Zumeist blieb es bei Geldstrafen oder sehr kurzen Gefängnisaufenthalten. Dies änderte sich im April 1938, Lissner wurde „als arbeitsscheu“ verhaftet und kam in das KZ Buchenwald. Er war damit Teil der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ bei der es zu Massenverhaftungen kam, mehr als 10 000 Männer im Deutschen Reich waren 1938 davon betroffen. Die Betroffenen wurden als sogenannte Asoziale betitelt und hatten mehrfach einen Arbeitsplatz abgelehnt oder waren vorbestraft. Ohne Rechtsgrundlage wurden sie in Vorbeugehaft genommen.

Parallel zu dieser Aktion war Lissner im November 1938 vom Amtsgericht in Uetersen aufgrund von „Rückfalldiebstahl“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden. Im Januar 1939 wurde er direkt aus Buchenwald in Strafanstalt in Lübeck überführt, wo er die Strafe verbüßte.

Anschließend kam Lissner wieder auf freien Fuß und kehrte nach Uetersen zurück. Im Oktober 1942 wurde er erneut vom Amtsgericht in Uetersen verurteilt. Er war angeklagt wegen Diebstahls „unter den Voraussetzungen des strafschärfenden Rückfalls sowie vorsätzlicher körperlicher Mißhandlung.“ Diesmal lautete das Urteil auf ein Jahr und sieben Monate Haft, die Lissner in der Strafanstalt in Rendsburg verbüßte. Regulär wäre seine Haftzeit im Mai 1944 beendet gewesen, zu einer Entlassung kam es jedoch nicht. „Unter Würdigung der Gesamtpersönlichkeit des Verurteilten bietet er keinerlei Gewähr für ein künftiges Wohlverhalten. Ich schlage daher vor, ihn in Vorbeugehaft zu nehmen“, wie es vom Vorstand der Strafanstalt schriftlich überliefert ist. Somit wurde Lissner erneut von der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ eingeholt.

Mit Zwischenstation in Fuhlsbüttel wurde Lissner in das KZ Neuengamme überführt. Hier starb er am 4. Februar 1945 im Alter von 44 Jahren. Die offizielle Todesursache lautete „Enterokolitis“, also eine Entzündung des Darms, jedoch ist die Todesursache „aus quellenkritischer Perspektive nicht gesichert.“

 

Fabian Boehlke, Febr. 2019

 

Am 15.02.2019 wurde für Franz Lissner ein Stolperstein im Kleinen Sand 47 verlegt. Die Inschrift laut:

 

HIER WOHNTE

FRANZ LISSNER

JG. 1900

VERHAFTET 20.4.1938

AKTION

„ARBEITSSCHEU REICH“

BUCHENWALD

MEHRERE GEFÄNGNISSE

1944 NEUENGAMME

ERMORDET 4.2.1945

 

Die Patenschaft für diesen Stolperstein hat Jan Baumann, Uetersen, übernommen.

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