„da ich lediglich bei der Hundestaffel beschäftigt wurde“ – Willy Blöcker und das KZ Neuengamme

11. Juni 1945
Dorfstraße, Quickborn-Renzel
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Am 11. Juni 1945 wurde in Quickborn-Renzel ein Mann festgenommen, der zuvor als Wachmann im KZ Neuengamme tätig war und sich nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes mit seiner Frau Johanna vermutlich bei deren Familienangehörigen aufhielt. Es handelte sich hierbei um den am 26. Februar 1905 in Wiemersdorf (Kreis Segeberg) geborenen Willy Blöcker.1

Blöcker wuchs in Schmalfeld auf und zog nach dem Besuch der Volksschule nach Quickborn in die Bahnhofstraße. Hier war er bei dem Landwirt Kühl als Landarbeiter tätig. In die NSDAP trat Blöcker im Oktober 1931 mit 26 Jahren. Zur gleichen Zeit wurde er Mitglied in der SA und nahm in dieser die Position eines Scharführers ein.2 1934 verzog Blöcker nach Elmshorn, später dann nach Bevern bei Barmstedt und arbeitete in den Elmshorner Lederwerken Knecht & Söhne als Arbeiter.

Nach dem Ausbruch des Krieges erhielt Blöcker als Zugehöriger der Waffen-SS von November 1939 bis Januar 1940 bei dem 5. SS-Infanterie-Regiment in Oranienburg eine militärische Ausbildung. Im Rang eines SS-Rottenführers kam er anschließend in den Wachdienst des KZ Neuengamme. 1942 absolvierte Blöcker einen sechswöchigen Lehrgang als „Hundeführer“ und will nach eigenen Angaben bis Ende April 1945 als „Fourier“ und „Futtermeister“ bei der Hundestaffel des KZ Neuengamme eingesetzt gewesen sein. Im Wachdienst sei er letztlich noch einmal in den letzten Wochen bis zum Kriegsende während der Räumung des KZ tätig gewesen.

Seine Verhaftung in Renzel wurde anfangs wegen des Verdachtes der Beteiligung an der am 5. März 1933 in Quickborn erfolgten Ermordung des Kommunisten Paul Warnecke vorgenommen.3 Auch nachdem sich herausstellte, dass er an der Tat nicht beteiligt war, wurde er nicht entlassen, sondern blieb, wie alle NS-Mitglieder, denen die britische Militärregierung nach den Nürnberger Prozessen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit nachsagte, im „automatic arrest“.4 Über Hamburg-Iserbrook kam Blöcker zunächst in das Internierungslage Eselheide, dann in das Lager Staumühle und musste sich schließlich einem Verfahren vor dem Spruchgericht Bielefeldt stellen. Hier gab er sich ahnungslos: „Im Januar 1940 wurde ich der Wachmannschaft bei dem Lager in Neuengamme zugeteilt. Dort hatten wir die übliche Aussenwache. Von 1942 an habe ich keine Wache mehr zu stehen gehabt, da ich lediglich bei der Hundestaffel beschäftigt wurde. An verbrecherischen Handlungen bin ich nie beteiligt gewesen, solche sind auch von den Wachmannschaften nie vorgekommen. Wir haben von den Zuständen im Lager fast nichts erfahren. Es wurde wohl gelegentlich erzählt, dass Häftlinge misshandelt worden sind. Ob diese Gerüchte zutrafen, weiss ich nicht.“ Vertiefende Nachfragen über seine genauen Tätigkeiten im KZ Neuengamme schienen der Spruchgerichtskammer nicht notwendig zu sein.

Nachdem Blöcker am 19. Dezember 1947 aus der Internierungshaft entlassen wurde, stellte die Kammer am 27. Januar 1948 das Verfahren gegen ihn ein. Auch das darauf folgende Entnazifizierungsverfahren im Oktober 1948 konnte Blöcker mit großer Gelassenheit entgegensehen, da inzwischen im öffentlichen Bewusstsein eine Schlussstrich-Mentalität vorherrschte und diese Verfahren auf breite Ablehnung stießen.5 Der Entnazifizierungs-Hauptausschuss für den Kreis Pinneberg interessierte sich ebenfalls nicht näher für seine Tätigkeit im KZ Neuengamme, stufte Blöcker in die Gruppe IV der „Mitläufer“ ein und verurteilte ihn zur Zahlung einer Verwaltungsgebühr in Höhe von 20 DM sowie eines Wiederaufbaubeitrags von 30 DM. In dem Urteil merkte der Entnazifizierungsausschuss über ihn an: „Dem Ausschuss ist nicht bekannt geworden, dass der Betroffene Andersdenkende geschädigt oder benachteiligt hat…

Willy Blöcker wohnte nach seiner Entlassung wieder in Renzel und arbeitete hier als landwirtschaftlicher Arbeiter. Später verzog er nach Bönningstedt, wo er bei der Rugenberger Mühle angestellt war und Futtermittel ausfuhr.6

Fußnoten

  1. Soweit nicht anders angegeben beziehen sich die Angaben auf die Akten des Spruchgerichtsverfahren (Bundesarchiv Koblenz, Z 42 IV / 3351) und des Entnazifizierungsverfahrens (Landesarchiv Schleswig-Holstein, Abt. 460.9 Nr. 38).
  2. Pinneberger Tageblatt, 03.05.1933. LASH, Abt. 352 Nr. 8238. Vermutlich beteiligte sich Blöcker nach der Machtübernahme der NSDAP an den Massendurchsuchungen in Quickborn-Heide, bei denen Oppositionelle, wie z.B. Max Kellermann, misshandelt wurden. Kellermann forderte noch 1937 wegen dieser Misshandlung die beteiligten SA-Schläger, darunter auch ein „Carl Blöcker“ zu einer Schadensersatzzahlung auf. Es ist möglich, dass sich Kellermann hier mit dem Vornamen irrte und nicht „Carl“ Blöcker, sondern „Willy“ Blöcker meinte (Stadtarchiv Quickborn, Akte „Konzentrationslager Kellermann“).
  3. LASH, Abt. 352 Nr. 681.
  4. Vgl. Bohn, Robert: „Schleswig-Holstein stellt fest, dass es in Deutschland nie einen Nationalsozialismus gegeben hat.“ Zum mustergültigen Scheitern der Entnazifizierung im ehemaligen Mustergau. In: Danker, Uwe u.a. (Hg.): Demokratische Geschichte. Jahrbuch für Schleswig-Holstein – Bd. 17. Malente 2006, S. 177.
  5. Vgl. Bohn, Robert: „Schleswig-Holstein stellt fest, dass es in Deutschland nie einen Nationalsozialismus gegeben hat.“ Zum mustergültigen Scheitern der Entnazifizierung im ehemaligen Mustergau, S. 173-181.
  6. Zeitzeugengespräch mit Werner J., Quickborn 05.06. u. 02.08.2007.

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