Zum 8. Mai 2021, dem ersten offiziellen Gedenktag zu Kriegsende und Befreiung in Schleswig-Holstein:

Veröffentlicht von Rudi Arendt am

– Förderverein schaltet neue Spuren zur NS-Zeit frei und möchte Diskussion zu Straßennamen anregen 

– Online-Projekt Spurensuche mit neuem Portal und interaktivem Stadtplan auch vor Ort abrufbar

„…Die Kampfhandlungen sind um 23.01 Uhr mitteleuropäischer Zeit einzustellen“: Mit diesen Worten der bedingungslosen Kapitulation des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg.

Zu diesem historischen Datum am kommenden 8. Mai und der historischen Uhrzeit – allerdings zwölf Stunden früher, um 11.01 Uhr wird das Projekt Spurensuche auf seinem neugestalteten Online Portal neue Spuren frei schalten:

Die Selbstbefreiung Elmshorns und das Wirken des sozialdemokratischen Akteurs Erich Arp“,

 sowie „die Verbrechen des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 und deren Beteiligung durch den Wedeler Kurt Dreyer

Neue Spuren auch zu „Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in der Brennerei Tornesch“ und

zur „Gedenktafel des  sowjetischen Kriegsgefangenenlagers“ am Ort.

In Uetersen berichten neue Spuren über „Nikita Nasimko (1904 bis 1942) – russischer Kriegsgefangener“

sowie über “Ehemalige Kriegsgräber französischer Staatsbürger”.

Ein bisher unveröffentlichtes Bild deckt eine Spur zu „Kriegsvorbereitungen und Luftkrieg in Quickborn“ auf.

Die Spur zu Fritz Höger – Architekt, aktiver Nationalsozialist, Antisemit“ aus Bekenreihe/Kiebitzreihe  bei Elmshorn findet  „Anhaltspunkte für eine Straßenumbenennung“.

Gerade mit den  Bildern und Schildern von öffentlichen Straßen und Plätzen, die die Namen von einstmals aktiven Nazis tragen, aber auch die koloniale Vergangenheit unkritisch reflektieren: Damit setzen sich in jüngster Vergangenheit wieder zunehmend intensiv engagierte Bürger auseinander. Mit der Frage der Umbenennung oder angemessenen Kommentierung sind Wissenschaftler und Historiker beschäftigt und haben ihre jeweiligen Erkenntnisse in Kernsätzen formuliert:

– Straßennahmen dienen der Ehrung einer Person. Es wird die Gesamtpersönlichkeit geehrt und die muss eine Vorbildfunktion haben. Allerdings wandelt sich im Laufe der Zeit das, was jeweils als ehrenwert gilt.

– Eingruppierungen wie Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer lassen außer Acht, dass die Wegsehenden, stumm Zusehenden, nicht Widersprechenden einen ebenso großen Anteil am Unrecht des NS-Staates haben.

– NSDAP-Mitglieder, die ein Amt innehatten, sich öffentlich zum Regime bekannten und die Personen auf Basis nationalsozialistischer Gesetzgebung schädigten, verdienen auf keinen Fall eine Straßenbenennung.

Und schließlich, so der Förderverein, sollte auch der historische Zeitpunkt, wann eine Straße gewidmet wurde, beachtet werden.

Die Straßenbenennung nach dem Amtsvorsteher Heinrich Lohse in Quickborn durch die Nazis 1936 ist dafür ein gutes Beispiel, wie sich jemand aus seiner Grundüberzeugung heraus nahtlos in das NS-System einbinden ließ. Aber auch für den Missbrauch durch die Machthaber, die mit solchen systemtreuen Personen idealer Weise demonstrieren konnten, dass ihre Methoden und Ideen sich auf viel ältere Traditionen beziehen lassen und somit bereits in der Gesellschaft verankert waren.

Die Spur Eine Ehrung für alle Zeiten“ – über eine fragwürdige Straßenbenennung https://www.spurensuche-kreis-pinneberg.de/spur/heinrich-lohse-strase/

gibt umfassend Einblick über die Biografie des damaligen Amtsvorstehers. Dank der Neugestaltung des interaktiven Stadtplans ist die Spur jetzt vor Ort auf dem Smartphone über GPS abrufbar.

Seit der Eröffnung des Portals vor knapp acht Jahren verzeichnet die Website gut 400 Spuren zu regionalgeschichtlichen Ereignissen.

Was erzählen die Spuren? Die Spurensuche legt den Schwerpunkt auf die Zeit von 1933 bis 1945. Widerstand, Engagement, Zivilcourage und Gegenwehr, aber auch Gewalt im Faschismus, Antisemitismus und Rassismus stehen im Zentrum. Entdeckte Spuren verdeutlichen die persönliche Verantwortung, klären Täterschaft und Mitläufertum, dokumentieren, wo und wie Menschen in NS-Organisationen ihre Macht brutal gegenüber demokratischen Kräften eingesetzt, aber auch wie Menschen sich dagegen zur Wehr gesetzt haben

All diese Informationen werden auf dieser Internetseite auf die Straßen der jeweiligen Orte im Kreis Pinneberg projiziert, Texte und Bilder machen die damaligen Geschehnisse für den Benutzer erlebbar.

„Wir wollen Jugendliche motivieren eigene Recherchen vorzunehmen“ so die Projektgruppe. Zwei Schülerwettbewerbe sowie Stadtrundgänge wurden von den Ehrenamtlichen des Vereins durchgeführt und viele Kommentare und Anfragen beantwortet.

Die Neugestaltung und Unterhaltung dieses Online-Projektes wäre ohne finanzielle Unterstützung durch Spenden nicht möglich.

Der Förderverein versteht die neuen Spuren und seine Anregung zur Diskussion über Straßennamen als einen Beitrag zum diesjährigen erstmaligen offiziellen Gedenktag zu Kriegsende und Befreiung in Schleswig-Holstein.

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