WETTBEWERBSBEITRAG: Franz Kristen – kommunistischer Widerstand in Uetersen

3. Februar 1936
Heisterkampstraße 36, Uetersen
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Franz Kristen (1900-1971) war eine zentrale Person des kommunistischen Widerstands in Uetersen ab 1933. Er wurde im sechsten Offenborn Prozess angeklagt und am 03. Februar 1936 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu sechs Jahren Zuchthaus und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf dieselbe Zeit verurteilt.[1]

Erinnerungsberichte von Kristen selbst wurden nicht überliefert. Daher ist vorab zu sagen, dass die meisten Informationen, die diesem Text zugrunde liegen, aus mehreren Verhören nach Kristens Verhaftung stammen. Über die Umstände dieser Verhöre ist jedoch nicht viel bekannt, den Akten ist einzig zu entnehmen, dass Kristen einige Aussagen erst auf Vorhalt traf.  Ob bei einem dieser Verhöre Gewalt angewendet wurde, konnte bisher nicht festgestellt werden.

Franz Kristen wurde am 15. April 1900 in Hannsdorf (Mähren) geboren. Bis zum April 1916 arbeitete er in einer Papierfabrik in Priebus, im Anschluss hieran zog er nach Uetersen und arbeitete auch dort in der Papierfabrik, bis diese im Oktober 1931 stillgelegt wurde. Hiernach wurde er arbeitslos.[2] Er war mit Margareta Kristen geb. Sommer verheiratet und hatte zum Zeitpunkt seiner Verhaftung sechs Kinder. [3]

Der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) trat Kristen 1921 bei. Von 1931 – 1932 war er in Uetersen Politischer Leiter, im Anschluss Agitprop-Leiter und bis zum Februar 1933 Org.-Leiter. Hiernach war er erneut Politischer-Leiter der KPD in Uetersen.[4]

Drei Wochen nach der Machtübernahme 1933 wurde er von Johannes Offenborn angesprochen und zu einem geheimen Treffen „in Uetersen in den Tannen hinter dem neuen Friedhof“ eingeladen.[5]

In den folgenden Wochen, Monaten und Jahren traf er sich regelmäßig mit Offenborn und anderen Mitgliedern, die die KPD illegal wieder aufbauen wollten. Kristen übernahm die Leitung der Untergruppe in Uetersen, er war Stadtteilleiter sowie Hauptkassierer.[6] Er leistete aktiven Widerstand, indem er Flugblätter wie den so genannten „Krusebrief“, kommunistische Zeitungen wie „Rote Fahne“, „Leninist“ oder „Roter Spiegel“ illegal erwarb und verbreitete.[7] Außerdem half er, eine dem „Reichsbanner“ gehörende Schreibmaschine zu verstecken und bewahrte in seiner Wohnung Abziehapparate der KPD auf.[8]

Des Weiteren erwarb Kristen bereits 1932 mehrere Waffen sowie passende Munition. In seiner Funktion als Stadtteilleiter und Hauptkassierer wollte er weitere Waffen erwerben. Da  Kristen jedoch dem Verkäufer dieser misstraute, sagte er den Kauf ab.[9] Dies lässt darauf schließen, dass Kristen in seiner Funktion sehr vorsichtig handelte. Durch dieses vorsichtige Handeln und den aktiven Widerstand, den er leistete, ist er, so das Urteil „dafür verantwortlich zu machen, dass in Uetersen die kommunistische Geheimorganisation in einem derartigen Umfang solange bestanden hat.“[10]

Zum ersten Mal wurde Franz Kristen am 24.April 1933 verhaftet. Seine Haft dauerte bis Ende Mai 1933. Grund hierfür war die Verbreitung illegaler Schriften.[11] Diese Haft saß er im Konzentrationslager Glückstadt ab.[12] In seiner Abwesenheit übernahm sein Bruder Josef seine Stelle als Stadtteilleiter und Hauptkassierer.[13] Nach dieser Schutzhaft, die, so das Gericht „keinerlei abschreckende Wirkung bei ihm ausübte“,[14] übernahm er wieder seinen vorherigen Posten.[15]

Am 19. Dezember 1934 um 04:45 Uhr wurde Kristen in seiner Wohnung erneut festgenommen.[16] Von dort an saß er bis zum 29. August 1935 in Schutzhaft in den Konzentrationslagern Fuhlsbüttel und Esterwegen[17] wegen Vorbereitung zum Hochverrat.

Nachdem er am 3. Februar 1936 zu sechs Jahren Zuchthaus, zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte für sechs Jahre und Zulässigkeit der Polizeiaufsicht verurteilt wurde, saß er diese Strafe bis zum 13. Dezember 1940 im Zuchthaus Esterwegen ab.[18]

Bereits am 14. Dezember 1940 kehrte Kristen zu seiner Familie nach Uetersen zurück[19], wo er bis zu seinem Tod am 28. September 1971 lebte.[20]

Obwohl den Quellen deutlich zu entnehmen ist, dass Franz Kristen im kommunistischen Widerstand in Uetersen eine entscheidende Rolle gespielt hat, findet er in der Narration des Widerstands im Kreis Pinneberg kaum Erwähnung. Sein Bruder Josef spielt dafür in dieser eine große Rolle.[21] Sein Engagement in Form von Flugblättern, der Unterstützung seiner Parteimitglieder und der Verbreitung kommunistischer Zeitschriften und sein Verdienst als Widerstandskämpfer in Uetersen ist dennoch nicht abzustreiten, sondern sogar hervorzuheben.

 


[1] Abschrift des Urteils NJ 15345, ergänzt am 16. Juli 1936; Kammergericht Berlin. Geschäftsnummer: 10.0.Js.143.35.F.

[2] Protokoll der Vernehmung NJ 3826, Bd. 1 mit Franz Kristen am  22.12.1934. Blatt 6.

[3] Thomas Kristen, Enkel von Franz Kristen. Gespräch vom 25.11.15.

[4] Abschrift des Urteils NJ 15345, 16. Juli 1936; Kammergericht Berlin. Geschäftsnummer: 10.0.Js.143.35.F.

[5] Protokoll der Vernehmung NJ 3826, Bd. 1 mit Franz Kristen am  22.12.1934. Blatt 7.

[6] Ebda. Blatt 8.

[7] Abschrift des Urteils NJ 15345, 16. Juli 1936; Kammergericht Berlin. Geschäftsnummer: 10.0.Js.143.35.F. und Protokoll der Vernehmung NJ 3826, Bd. 1  mit Franz Kristen am  22.12.1934. Blätter 18 und 20.

[8] Abschrift des Urteils NJ 15345, 16. Juli 1936; Kammergericht Berlin. Geschäftsnummer: 10.0.Js.143.35.F.

[9] Protokoll der Vernehmung NJ 3826, Bd. 1 mit Franz Kristen am  22.12.1934. Blatt 13.

[10] Abschrift des Urteils NJ 15345, 16. Juli 1936; Kammergericht Berlin. Geschäftsnummer: 10.0.Js.143.35.F.

[11] Abschrift des Urteils NJ 15345, 16. Juli 1936; Kammergericht Berlin. Geschäftsnummer: 10.0.Js.143.35.F.

[12] Ausweis für ehemalige politische Gefangene.

[13] Abschrift des Urteils NJ 15345, 16. Juli 1936; Kammergericht Berlin. Geschäftsnummer: 10.0.Js.143.35.F.

[14] Ebda.

[15] Protokoll der Vernehmung NJ 3826, Bd. 1  mit Franz Kristen am 22.12.1934. Blatt 18.

[16] Ebda. Blatt 5.

[17] Ausweis für ehemalige politische Gefangene.

[18] Ausweis für ehemalige politische Gefangene.

[19] Anmeldung bei der polizeilichen Meldebehörde.

[20] Thomas Kristen, Enkel von Franz Kristen. Gespräch vom 25.11.15.

[21] Bringmann, Fritz und Diercks, Herbert (1983): „Die Freiheit lebt!“; Will, Frank (1993): „RECHTS – zwo – drei Nationalsozialismus im Kreis Pinneberg“ und Diercks, Herbert (Dezember 1995): „Zum Tod von Victor Andersen“, in: „Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte Heft 28“, S. 71-74.

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