Verbreitung verbotener Druckschriften – Elenore und Alfred Hertle

2. Oktober 1933
Kieler Straße, Bönningstedt
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Bönningstedt gehörte im Kreis Pinneberg zu den frühen Hochburgen der Nationalsozialisten.1 Doch auch hier gab es Menschen, die trotz der braunen Übermacht Widerstand gegen das NS-Regime leisteten. Zu diesen Personen gehörten Elenore Hertle und ihr Sohn Alfred.

Elenore Hertle wurde 1889 in Oftinghausen (Kreis Diepholz in Niedersachsen) geboren und war vermutlich Anfang der 1920er Jahre mit ihrem Sohn und ihrem Mann von Hamburg nach Bönningstedt in die Kieler Straße gezogen.2 Seit 1923 betrieb sie ein Wandergewerbe und trug durch den Verkauf von Eiern, Geflügel und Wurstwaren zum Familieneinkommen bei. Der 1909 in Hamburg geborene Sohn Alfred besuchte in Bönningstedt die Volksschule und anschließend ein Jahr lang eine Privatschule. Als er mit 16 Jahren die Schule verließ, standen ihm wegen einer Körperbehinderung nur eingeschränkte Erwerbsmöglichkeiten offen. Er half der Mutter beim Handel und übte verschiedene Gelegenheitsarbeiten aus. 1929 begann er als „Kolporteur“ [Zeitungsausträger, d. Verf.] zu arbeiten. In Niendorf und Schnelsen verteilte er die kommunistische Hamburger Volkszeitung (HVZ) und verkaufte die „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ sowie andere politische Literatur. Als Mitglied der KPD hatte Alfred Hertle bereits vor der Machtübernahme der NSDAP unter dem nationalsozialistischen Terror zu leiden. Die Mutter erinnerte sich in der Nachkriegszeit: „Mein Sohn war Filialleiter u Kolporteur der H.V.Z. und wurde schon deswegen im Jahre 1931 und 1932 von S.S Leuten geschlagen u. verfolgt, so zum Beispiel bei der Reichspräsidenten-Wahl im April 1932…3 Auch in einem Artikel in der HVZ vom 08.08.1932 wurde unter der Überschrift „Nazis liegen nachts im Hinterhalt“ über Versuche der Nationalsozialisten berichtet, Härtle auf dem Nachhauseweg mit einem Auto abzufangen. Bis auf ein zerstörtes Fahrrad verlief die hier beschriebene Attacke jedoch glimpflich.4

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wurden sehr bald die Tätigkeit der KPD und der Vertrieb kommunistischer Schriften verboten. Für Alfred und Elenore Hertle bedeutete dieses jedoch nicht, sich politisch zurückzuziehen. Vielmehr versuchten sie, mit anderen Genossen aus Lokstedt und Schnelsen in Verbindung zu bleiben und illegale Druckschriften auszutauschen und zu verbreiten. Hierbei hilfreich war vermutlich auch die Berufstätigkeit Elenore Hertles. Als mobile Händlerin pendelte sie zwischen Hamburg und den ländlichen Randgebieten und konnte hierbei sicherlich politische Kontakte halten und illegale Materialien unauffällig übermitteln.

Durch Spitzel der Gestapo flog dieser Widerstandskreis jedoch auf. Am 2. Oktober 1933 wurden im Kreis Pinneberg sechs Personen verhaftet, darunter Elenore und Alfred Hertle. Die Gestapo Altona berichtete über die Festnahme an die Berliner Gestapo-Zentrale: „Durch Vertrauenspersonen war festgestellt worden, dass von den Genannten die „Hamburger Volkszeitung“, eine kommunistische Flugschrift übelster Sorte, gelesen und verbreitet wurde. Die Hersteller der Druckschrift liessen sich nicht feststellen. Durch die Vernehmung der Beschuldigten wurde jedoch bekannt, dass die Flugschriften durch einen Kurier mittels Fahrrades von Hamburg nach Bönningstedt und Lokstedt-Niendorf gebracht wurden.5

In einem Sammelprozess vor der Großen Strafkammer Altona wurden am 24. November 1933 insgesamt sieben Personen angeklagt, fortgesetzt und gemeinschaftlich den organisatorischen Zusammenhalt der KPD aufrechterhalten und verbotene Druckschriften verbreitet und vorrätig gehalten zu haben. Der 24-jährige Alfred Hertle wurde in dem Prozess zu 15 Monaten Zuchthaus und seine Mutter zu einer Haftstrafe von einem Jahr verurteilt. Während der Gefängniszeit konnte der Ehemann die Wohnung in Bönningstedt nicht mehr halten und war gezwungen, nach Hamburg-Niendorf umzuziehen. Elenore Hertle entzog man den Gewerbeschein. Nach der Haftentlassung konnte sie in ihrem Beruf als Händlerin nicht mehr tätig sein. Der Sohn Alfred war nach der Haft einige Monate erwerbslos und fand schließlich eine Stelle als Hilfsarbeiter und Bote. Er verstarb früh im Jahr 1940 an einem Herzleiden.

Fußnoten

  1. Bei den Reichstagswahlen vom 20.05.1928 erzielte die NSDAP in Bönningstedt bereits 29,3%. In Schleswig-Holstein waren dieses erst 4,1% (Pinneberger Tageblatt, 21.05.1928. Wulf, Peter: Revolution, schwache Demokratie und Sieg in der „Nordmark“. Schleswig-Holstein in der Zeit der Weimarer Republik, in: Lange, Ulrich (Hg.): Geschichte Schleswig-Holsteins. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Neumünster 1996, S. 526.
  2. Die Angaben beziehen sich, soweit nicht anders angegeben, auf das Wiedergutmachungsverfahren bei der Hamburger Sozialbehörde. Die genaue Wohnanschrift der Familie Hertle in der Kieler Straße ließ sich nicht ermitteln; Staatsarchiv Hamburg (SAHH), 351-11 Amt für Wiedergutmachung / 11488. .
  3. Schreiben an das Amt für Wiedergutmachung Hamburg; SAHH, 351-11 Amt für Wiedergutmachung / 11488.
  4. In dem Artikel wurde der Name „Härtle“ angeführt. Es ist jedoch zu vermuten, dass hiermit Alfred Hertle gemeint war.
  5. Landesarchiv Schleswig-Holstein, Abtl. 309 Nr. 22670.

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