Stolpersteine für zwei Spanienkämpfer: Ludwig Otto und Emil Seemann

20. Juni 1936
Gerlingweg 81, Elmshorn
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Einleitung

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“ (Bertolt Brecht)

In den 1930er Jahren war Spanien ein Land das Helden nötig hatte. Nach dem Putsch General Francos machten sich Menschen aus ganz Europa auf den Weg nach Spanien, um an der Seite der spanischen Republikaner für Freiheit zu kämpfen.

In diesem Kampf wurden viele durch ihren Einsatz gegen den Faschismus zu Helden, doch Anerkennung wurde ihnen wenig entgegen gebracht und ihr Freiheitskampf vielerorts vergessen und verschwiegen.

In unserer Arbeit für den Geschichtswettbewerb geht es um zwei Männer aus Elmshorn in Schleswig-Holstein, die sich entschlossen, am spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) teilzunehmen.

Im Laufe des letzten halben Jahres haben wir versucht, die Biographien der beiden zu rekonstruieren und uns ein Bild über ihre Beweggründe, sich an einem „fremden“ Krieg zu beteiligen, zu machen.

Unser Ziel war es, den Heldenbegriff in Bezug auf Spanienkämpfer im Allgemeinen und den Elmshornern im Speziellen zu ergründen und zu erklären.

Wir hoffen, dass in dieser Ausarbeitung unser Interesse an diesem Thema deutlich wird und dass beim Lesen vielleicht auch Interesse für diesen vielerorts vergessenden Krieg in Spanien geweckt wird.

 

Geschichtliche Einordnung

Europa in den 1930er Jahren und der Spanische Bürgerkrieg

Zu Beginn der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts war der europäische Kontinent politisch und gesellschaftlich vielerorts unruhig. In Deutschland und Italien waren mit Hitler 1933 und Mussolini 1922 totalitäre Herrscher an die Macht gelangt, die durch Terror, Verfolgung und Unterdrückung alle demokratischen Strukturen in diesen Ländern ausgeschaltet hatten.

So gehörten die dreißiger Jahre auch „zu den konfliktreichsten Perioden der neueren spanischen Geschichte. (1) In Spanien gab es bereits seit einigen Jahren soziale Unruhen, und die 1931 demokratisch gewählte Regierung der Zweiten Republik war nicht in der Lage, die gesellschaftlichen Probleme zu bewältigen, und die anfängliche Begeisterung der Bevölkerung für die neue Republik legte sich rasch.

Die verschiedensten Gruppierungen verlangten Reformen für das Land: Die unter zumeist ärmlichsten Verhältnissen lebenden Land- und Industriearbeiter strebten zum Teil radikale gesellschaftliche Umbrüche an; so hatten die kommunistischen und anarchistischen Organisationen großen Zulauf.

Die katholische Kirche weigerte sich, ihre kulturelle Vormachtsstellung und damit ihre wirtschaftliche Machtposition aufzugeben, obgleich viele Bürger dieses forderten, um der Institution, welche hauptsächlich als „Verfechterin“ der Inquisition gesehen wurde, Einhalt zu gebieten.

Zudem hatten sich im Baskenland und in Katalonien massive Unabhängigkeitsbewegungen entwickelt, und die Spanische Armee war als „Staat im Staate“ nicht absolut von der Regierung kontrolliert (2).

Am 17. Juli 1936 begann nach einem Militäraufstand in Marokko der Putsch gegen die spanische Regierung. Da sich viele der Offiziere und Unteroffiziere für den Kampf auf Seiten der Putschisten entschieden, waren die Truppen der Regierung stark geschwächt, doch sie konnten die Einnahme der Provinzen Madrid, Valencia und Barcelona zunächst verhindern. (3) In diesen Regionen befand sich die Mehrheit der Industrieanlagen, und auch der größere Teil der spanischen Bevölkerung war dort beheimatet.

Doch statt den Putsch als gescheitert zu betrachten, begann ein bis 1939 dauernder Bürgerkrieg zwischen den von den Generälen Mola, Queipo de Llano und Franco geführten Truppen und den Republikanern.

Der Spanische Bürgerkrieg war kein Bürgerkrieg im eigentlichen, „klassischen“ Sinne. Beide Parteien erhielten unmittelbar nach dem Ausbruch des Krieges Unterstützung aus dem Ausland, und somit wurde aus dem Spanischen Bürgerkrieg bald ein Schauplatz europäischer Auseinandersetzungen. „Zwischen 1936 und 1939 wurde Spanien zur Propagandaplattform der Ideologien und zum Truppenübungsplatz ausländischer, vor allem faschistischer Waffensysteme. (5)

Francos Armee wurde von Italien und Deutschland mit modernster Waffentechnologie ausgerüstet, und besonders deutsche Flugzeuge, die „Legion Condor“, machten 1936 das Übersetzen spanisch-marokkanischer Putschisten auf die Iberische Halbinsel möglich. (6) Hitler und Mussolini sahen ihre Beteiligung an diesem Bürgerkrieg als notwendig an, um das erneute Erstarken einer weiteren demokratischen Macht auf dem Kontinent zu verhindern. Besonders aber von Hitler ist auch bekannt, dass er auf den spanischen Schlachtfeldern deutsche Waffen zum Einsatz bringen wollte, um ihr Kriegstauglichkeit zu prüfen. Er verstand die Initiative in Spanien also auch als „Probe“ für den geplanten Großkrieg in Europa.

Die Unterstützer der demokratisch, republikanischen Regierung kämpften im Gegensatz dazu mit relativ veralteten Waffen. Sie wurden mit Munition und Gerät nur von der UdSSR unterstützt, da die anderen Mächte Europas sich nicht einmischen konnten oder wollten. Die Regierungstruppen erhielten aber wesentliche Unterstützung durch Freiwillige aus dem Ausland. Diese Internationalen Brigaden bestanden aus überzeugten Kommunisten, Anarchisten und Antifaschisten aus ganz Europa. Die größte Gruppe waren Franzosen, doch auch etwa 5000 Deutsche reihten sich in diese Bataillone ein.

Über die Hälfe der insgesamt etwa 60.000 Interbrigadisten (8) fielen im Laufe des Bürgerkrieges, und obwohl die Internationalen Brigaden bereits im Herbst 1936 in die Kämpfe eingriffen und die gegnerischen Truppen einige Male zurückschlagen konnten, zum Beispiel bei der Schlacht von Guadalajara im März 19379, konnte Francos Armee Madrid im Frühjahr 1939 einnehmen und den Krieg als gewonnen und beendet erklären. (l0)

Noch vor der Einnahme Madrids erkannten Großbritannien und Frankreich das Franco-Regime am 27. Februar 1939 als neue spanische Regierung an. Die Diktatur General Francos blieb bis 1977 bestehen.

 

Biographien

Zwei Mitglieder der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg waren die beiden Elmshorner Emil Seemann und Ludwig Otto. Sie machten sich bereits im Jahre 1936 auf den Weg nach Spanien, um gegen die Truppen General Francos zu kämpfen.

Emil Seemann

Als Quelle dienten uns bei der Erforschung der Biographie Seemanns Unterlagen aus dem Landesarchiv Schleswig. Bei diesen Unterlagen handelt es sich um Entschädigungsanträge der geschieden Ehefrau von Emil Seemann und deren Sohn, welche sie unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg 1946 an den Sonderhilfsausschuss des Landkreises Pinneberg stellten. (12,13) Die schriftlichen Ausführungen Martha Seemanns sind die einzigen in Schleswig-Holstein und Hamburg auffindbaren Dokumente, welche das Leben Emil Seemanns dokumentieren. Uns war während der Bearbeitung dieser Quelle die Subjektivität der Darstellung von Frau Seemann bewusst, aber wir sind der Meinung, dass für sie kein Grund bestand, bei den Erläuterungen für den Sonderhilfsausschuss die Unwahrheit niederzuschreiben.

Emil Seemann wurde am 8. Oktober 1900 in Süderau im Landkreis Steinburg, Schleswig-Holstein, geboren. Nachdem er die Volksschule in Süderau besucht hatte, wurde er Werftarbeiter in Elmshorn.

Am 25. September 1926 heiratete Emil Seemann seine Frau Martha, geborene Sek, in Elmshorn. Die Ehe blieb kinderlos. Emil Seemann adoptierte mit der Heirat den 1921 unehelich geborenen Sohn seiner Frau.

Emil Seemann war schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ein aktives Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Bis 1936 übte er vermutlich die Tätigkeit des Schatzmeisters der Ortsgruppe Elmshorn aus.

Wegen seiner Mitgliedschaft in einer von den Nationalsozialisten verbotenen Partei wurde Emil Seemann am 19. Dezember 1934 von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) Hamburg mit 300 weiteren antifaschistischen Aktivisten aus Elmshorn und Umgebung verhaftet. Als Grund der Verhaftung wurde die Teilnahme an der Widerstandsarbeit angeben. Wegen des Versuches, im Gestapo- Gefängnis eine Widerstandsgruppe zu organisieren, wurde er ins Konzentrationslager Esterwegen, westlich von Bremen, überführt.

Wegen Überfüllung der KZs Esterwegen und Fuhlsbüttel wurde Emil Seemann am 29. August 1935 aus der Haft entlassen. Unter der Auflage regelmäßig bei der Polizeidienststelle Elmshorn vorstellig zu werden, lebte er bei seiner Familie bis zum Sommer 1936. Sein Verhandlungstermin wegen Hochverrats war für dem 25. Juni 1936 anberaumt worden. Den Angaben Martha Seemanns zufolge beschloss Emil Seemann direkt nach der Haftentlassung, seinen Gerichtstermin nicht wahrzunehmen.

Mit einem Freund, Ludwig Otto aus der Ortsgruppe der KPD in Elmshorn plante er, noch vor dem anberaumten Verhandlungstermin aus Elmshorn beziehungsweise Deutschland zu fliehen. Beide wollten sich den Internationalen Brigaden in Holland anschließen, um aktiv am Spanischen Bürgerkrieg teilzunehmen.

Am Abend des 20. Juni 1936 verließ Emil Seemann zusammen mit Ludwig Otto auf Fahrrädern Elmshorn in Richtung Nordsee. Vermutlich aus Brunsbüttel setzten sie ihre Flucht mit dem Schiff fort.

Vor seiner Flucht richtete Emil Seemann für Benachrichtigungen an seine Frau eine Deckadresse in Elmshorn ein. Über diese Deckadresse erhielt Martha Seemann die Nachricht über die erfolgreiche Ankunft in den Niederlanden. Um den Verdacht der Mithilfe von seiner Frau abzulenken, schickte Emil Seemann außerdem eine Postkarte an die Wohnadresse seiner Frau. Martha Seemann sollte mit dieser beweisen können, dass sie von seiner Flucht nichts gewusst hatte. Im Text entschuldigte er sich für seine Flucht und schreibt, er hätte ihr von seinen Plänen erzählen sollen. Die Gestapo stellte daraufhin die Ermittlungen gegen Martha Seemann ein. Diese „offene“ Postkarte war das letzte Lebenszeichen von Emil Seemann persönlich.

Im Dezember 1936 erhielt Martha Seemann einen Brief von Ludwig Otto. Dieser berichtete, dass Emil Seemann am 20. November 1936 im Park Casa del Campo in Madrid gefallen war.

 

Ludwig Otto

Als Quellen dienten uns bei der Erforschung der Biographie von Ludwig Otto Unterlagen und Bildmaterial von der Gestapo Hamburg. Außerdem gibt eine mit dem 29. Dezember 1936 datierte Kader-Akte 14 Auskunft über die Einschätzung Ludwig Ottos von Seiten der KPD. Diese Unterlagen sind im Staatsarchiv Berlin einzusehen. Des Weiteren ergeben sich Einzelheiten aus dem Antragsprozess Martha Seemanns.

 

Ludwig Heinrich Otto wurde am 26. September 1909 in Marburg an der Lahn geboren. Sein Vater arbeitete bei der Reichsbahn und war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).

Von 1915 bis 1923 besuchte Ludwig Otto die Volksschule in Marburg. Bis 1926 machte er eine kaufmännische Lehre in einer Speditionsfirma. Wegen Mangels an Arbeit wurde er 1928 entlassen und machte sich im Mai 1930 auf Wanderschaft. Er fand in Hamburg keine Arbeit und zog daher im Frühjahr 1931 weiter nach Elmshorn.

Hier heiratete Ludwig Otto am 18. Juli 1932 und wurde wenig später Vater einer Tochter.

 

Auch in Elmshorn war er weiterhin erwerbslos. Als er kurzzeitig Hilfsarbeiter in einer Weberei wurde, kam er bei Streiks in Kontakt mit der Arbeiterbewegung.

Im Jahre 1931 war er Mitglied im Textilarbeiterverband, konnte jedoch die Mitgliedsbeiträge nicht zahlen und musste wieder austreten.

1932 trat Ludwig Otto der Roten Hilfe bei. Kurz vor der Machtergreifung Hitlers wurde er außerdem Mitglied der KPD. Ludwig Otto hatte vor 1933 keine Funktion in diesen Organisationen.

Zum ersten Mal wurde Ludwig Otto am 2. Juni 1933 verhaftet, da er sich „unvorsichtig geäußert“ (16) hatte. Nach einem Aufenthalt auf einem Gut, welches zur „Besserung“ von Antifaschisten gedacht war, wurde Ludwig Otto im Spätsommer wieder entlassen.

Im Januar 1934 wurde Ludwig Otto Kassierer der Roten Hilfe in Elmshorn. Außerdem soll Ludwig Otto Flugblätter für diese Organisation verteilt haben.

In der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember 1934 wurde Ludwig Otto zum Verhör nach Hamburg gebracht. Bei einer Gegenüberstellung identifizierte ihn ein Bekannter.

Am vierten Abend seiner Verhörung wurde Ludwig Otto nach Fuhlsbüttel überführt. Hier blieb er 5 Wochen in Einzelhaft und wurde mehrfach misshandelt. Erst nachdem Ludwig Otto seine Mitgliedschaft gestand, wurde er am 20. Oktober 1935 aus der Haft entlassen. Seine Gerichtsverhandlung sollte am 25. Juli 1936 stattfinden. Ludwig Otto floh am Abend des 20. Juli 1936 zusammen mit Emil Seemann nach Amsterdam.

Hier schloss er sich den Internationalen Brigaden an.

Über seinen Verleib im Spanischen Bürgerkrieg gibt es keine exakten Informationen. Ludwig Otto wurde anscheinend im März 1937 nochmals in den Niederlanden verhaftet. (17) Von wem und warum bleibt ungeklärt.

Bekannt ist, dass Ludwig Otto am 12. Mai 1940 in Louviere (Belgien) von französischen Soldaten wegen Verdachts auf Spionage erschossen wurde.

Internationale Meinungen zum Heldentum der Spanienkämpfer

Die Geschichte der Internationalen Brigaden wird von Land zu Land und vorm Hintergrund der jeweiligen Nachkriegsgeschichte unterschiedlich interpretiert und bewertet. Ideologische Standpunkte beeinflussten die Analyse seit dem 2. Weltkrieg in erheblichem Maße.

In der UdSSR waren Spanienkämpfer nach dem Spanischen Bürgerkrieg Idole und Helden. Es besteht allerdings ein Kontrast zwischen dem Bild, welches die Regime / Führungen von den Kämpfen in Spanien verbreitete und dem, was mit einigen russischen Spanienkämpfern im stalinistischen Russland passierte: Von den eigentlich als Helden gefeierten Spanienkämpfern fielen einige Veteranen des Bürgerkriegs „stalinistischen Säuberungen“ zum Opfer. Bei diesen Opfern des Stalin-Regimes handelte es sich um Kommunisten, die sich nicht den Vorgaben der Regierung uneingeschränkt fügen wollten.

Dieses dunkle Kapitel der so genannten „Genossenmorde“ wird bis heute nicht ausführlich in der russischen Geschichtsschreibung behandelt. (18)

Ähnlich widersprüchlich war der Umgang mit dem Gedenken an den Spanischen Bürgerkrieg auch in der DDR. „Da unter den Interbrigadisten die KPD-Mitglieder eine beträchtliche Mehrheit stellten, zogen […] viele von ihnen nach Kriegsende in die sowjetische Besatzungszone und wählten die spätere DDR als ihre Heimat“. (19) Die Spanienkämpfer spielten in der DDR eine wichtige Rolle. Viele von ihnen waren bedeutend in Partei und Staat sowie in Kultur und Öffentlichkeit. Als Inhaber staatlicher Positionen sind hierbei die Namen Franz Dahlem, Wilhelm Zaisser, Erich Mielke, Richard Staimer und Heinz Hoffmann zu nennen. In Literatur, Presse, Musik und Öffentlichkeit waren besonders Ludwig Renn, Bodo Uhse, Willi Bredel, Erich Weinert und der Sänger Ernst Busch bedeutend.

Beginn und Ende des spanischen Bürgerkrieges waren in der DDR Anlass zu regelmäßigen Gedenkveranstaltungen.

Außerdem wurden Straßen, Plätze, Betriebe und sogar Kriegsschiffe nach Spanienkämpfern benannt. Die Auswahl für solche Ehrungen war genauso wie bei der Vergabe der 1956 eingeführten „Hans – Beimler – Medaille` willkürlich.

So wurden bevorzugt ehemalige Spanienkämpfer geehrt, die der Linie der SED-Führung entsprachen.

Kapitel des Spanischen Bürgerkrieges, die nicht in die Ideologie der DDR passten, wurden komplett in der Geschichtsschreibung der DDR ausgelassen. Ein Beispiel hierfür ist, dass die Auseinandersetzungen zwischen den verschieden kommunistischen und anarchistischen Gruppen in Spanien keine Erwähnung finden. (21)

 

In der Bundesrepublik fanden Spanienkämpfer deutlich weniger, beziehungsweise keine Anerkennung.

So zeigten schon die Behörden der „jungen“ Bundesrepublik Anfang der fünfziger Jahre kein besonderes Interesse für das Schicksal der Spanienkämpfer und deren Familien, wie auch anhand des Entschädigungsprozesses der Witwe Emil Seemanns deutlich wird. Nach jahrelangem Rechtstreit wurde ihr das Recht auf Entschädigung für „Schaden am Leben der Familie eines politischen Verfolgten“ der Nationalsozialisten nicht anerkannt. Emil Seemann wurde trotz Gefängnisaufenthalts in Nazi-Gefängnissen und Flucht ins Ausland nicht als Opfer des Nationalsozialismus eingestuft. (22)

Im Gegensatz dazu steht, dass Familienangehörige von Mitgliedern der Legion Condor Entschädigungszahlungen durch die Bundesrepublik erhielten und Veteranen oftmals staatliche Unterstützung zukam. (23)

Die Geschichte der Interbrigadisten und des Bürgerkrieges an sich ist in den Schulbüchern der BRD von den sechziger Jahren bis heute kaum erwähnt. Lehrerhandbücher (24) zeigen zwar, dass die Möglichkeit besteht, das Thema zu unterrichten, dennoch ist es in keinem Lehrplan vorgesehen.

Uns stellt sich die Frage, warum dieses Thema im Gegensatz zum Beispiel zur Französischen Revolution nicht ausführlicher besprochen werden kann. Da der Spanische Bürgerkrieg eine bedeutende Rolle für den weiteren Verlauf der europäischen Geschichte spielte und sich in Spanien deutlich mehr ereignete als die Vernichtung der Stadt Guernica, sollte es Schülern in Deutschland leichter gemacht werden, mehr über dieses Thema zu erfahren.

Aufarbeitung und Gedenken findet in der Bundesrepublik bis heute hauptsächlich durch politisch linke Organisationen, wie zum Beispiel die „Gemeinschaft ehemaliger Republikanischer Spanienkämpfer in Deutschland“ und die „Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik“, statt.

Die Aufarbeitung im wiedervereinigten Deutschland nimmt aber in den letzten Jahren stetig zu. Die Auswahl an Literatur zum Spanischen Bürgerkrieg in deutscher Sprache hat enorm zugenommen und durch wachsende Zusammenarbeit mit spanischen Organisationen und Historikern wächst die Zahl an Büchern, so dass immer mehr Informationen zugänglich gemacht werden.

In dem Land des eigentlichen Kriegsschauplatzes, Spanien, war die Aufarbeitung der Geschehnisse erst nach dem Ende des Franco-Regimes möglich. Vom Spanischen Bürgerkrieg „existierte bis heute in der spanischen Öffentlichkeit nur das Zerrbild, das die Propaganda der Sieger entworfen hatte“, schrieb der «Spiegel» am l0. November 1980 zur Eröffnung der ersten großen Ausstellung über den Bürgerkrieg nach dem Zerfall der Franco – Diktatur. In der Zeit zwischen den Jahren 1939 bis 1975 konnte keine vollständige Aufklärung stattfinden, da alles, „was nicht in dieses Bild (25) passte, […] verboten, verfolgt, verdrängt, in den Untergrund verbannt“ wurde.

Die Aufarbeitung in Spanien fand zunächst nur in historisch, wissenschaftlichen Kreisen statt.

In der Bevölkerung wurden die Greueltaten und die Ungerechtigkeiten des Bürgerkrieges vergessen und ignoriert. „Im Sommer 1983 sahen drei Viertel aller Befragten im Bürgerkrieg eine beschämende Epoche, die am besten verdrängt werden sollte“. (26) Erst seit Ende der neunziger Jahre findet das Schlagwort „Wiedergewinnung der historischen Erinnerung“ (27) immer mehr Zustimmung.

Durch die Aufarbeitung kommt es in den letzten Jahren wieder zu einer Polarisierung der spanischen Öffentlichkeit. Republikaner und Demokraten finden genauso wie Anhänger nationalistischer Parteien ihre Helden und Idole wieder in Akteuren des Bürgerkrieges.

Festzuhalten ist, dass jedes Land, das in irgendeiner Form am Spanischen Bürgerkrieg beteiligt war – sei es auf Seiten der Republikaner oder der Faschisten – unterschiedlich an die Aufarbeitung und somit auch an das Heldentum der Interbrigadisten herangeht. Im heutigen zum Glück grundsätzlich demokratischen Europa hat sich die Betrachtung der einstmals „gottlosen Kommunisten im Spanischen Bürgerkrieg“ zum Positiven verändert. Es wird salonfähig, die Interbrigadisten auch als Helden des Kampfes für Freiheit und Demokratie zu sehen.

So wurden zum Beispiel in der Schweiz im Dezember 2008 einige nach dem Bürgerkrieg als Kriegsverbrecher verurteilte Interbrigadisten rehabilitiert, da die Mehrheit des Nationalrates der Begründung zustimmte, wonach die Spanienkämpfer ihre Ehre für Demokratie und Freiheit eingelegt hätten. (28)

 

Persönliche Gedanken zum „Heldentum“ Emils Seemanns und Ludwig Ottos sowie der

Interbrigadisten im Allgemeinen

Durch unsere Arbeit an dem Thema der Interbrigadisten im Spanischen Bürgerkrieg, und hierbei insbesondere durch die Beschäftigung mit dem Schicksal von Emil Seemann und Ludwig Otto, hat sich für uns als grundsätzlich herauskristallisiert, dass wir Bewunderung für ihren Kampf aus Überzeugung empfinden. Es ist in der bisherigen Geschichte eine Besonderheit, dass viele Menschen in einen Krieg zogen, der eigentlich nichts direkt mit ihrem persönlichen Leben zu tun hatte.

In unserem Verständnis sind alle Unterstützer der Zweiten Spanischen Republik als Helden anzusehen, da sie in einer Zeit, in der Freiheit und Demokratie in Europa bedroht waren, für diese Werte kämpften und auch ihren eigenen Tod in diesem Kampf in Kauf nahmen. Zwar haben diese Menschen auch Waffen benutzt und andere getötet, dennoch hatten sie nicht wie Hitler und Franco nur die Macht im Sinne, sondern sie wollten für Gleichheit und Gerechtigkeit kämpfen. Dies entschuldigt keinesfalls alle Greueltaten, lässt sie aber auf Grund ihrer Intention zu Helden werden.

Zu Beginn unsere Arbeit wussten wir so gut wie nichts über den Spanischen Bürgerkrieg und seine Bedeutung in der europäischen Geschichte, deshalb glauben wir sagen zu können, dass unsere Herangehensweise an die Thematik relativ neutral war.

Uns ist aufgefallen und wir finden es schade, dass die Spanienkämpfer während der vergangenen siebzig Jahre zu einem „Spielball“ der Ideologien gemacht wurden.

Auch heute findet man Informationen meist nur bei linken Organisationen, was sich einerseits aus der Natur der Sache erklärt, aber wiederum möglicherweise einen anderen Teil der Bevölkerung abschreckt, sich mit diesem Thema näher zu befassen.

Wir hoffen, dass durch die gerade in Spanien einsetzende Aufklärungswelle der Spanische Bürgerkrieg wieder in das Bewusstsein der heutigen Gesellschaft in Europa rückt. Durch die Beschäftigung mit dieser Thematik kann jeder viel erfahren über Schuld und Unmenschlichkeit, Überzeugung und Heldentum.

1 siehe Walther L. Bemecker, Spanische Geschichte: vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München (Beck) 1999, Seite 84

2 Jens Hülsen/ Björn Mamau/ Dr. Thomas Pusch/ Christoph Schaumann, Artikelserie: Schleswig-Holsteiner im Spanischen Bürgerkrieg, „Gegenwind“, Nr. 94, Juli 1996, Teil 1

3 Walther L. Bernecker/ Horst Pietschmann, Geschichte Spaniens: von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Stuttgart (Kohlhammer) 1993, Seite 312

4 Walther L. Bernecker, Spanische Geschichte: vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München (Beck) 1999, Seite 92

5 Walther L. Bernecker/ Horst Pietschmann, Geschichte Spaniens: von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Stuttgart (Kohlhammer) 1993, Seite 311

6 Dietrich Schwanitz, Bildung: Alles, was man wissen muss, Augsburg (Weltbild) 2004, Seite 282f.

7 Website des Deutschen Historischen Museums: http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/aussenpolitik/condor/index.html, 21. Februar 2009

8 Jens Hülsen/ Björn Marnau/ Dr. Thomas Pusch/ Christoph Schaumann, Artikelserie: Schleswig-Holsteiner im Spanischen Bürgerkrieg, „Gegenwind“, Nr. 97, Oktober 1996

9 Walther L. Bernecker/ Horst Pietschmann, Geschichte Spaniens: von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Stuttgart (Kohlhammer) 1993, Seite 314

10 Walther L. Bernecker/ Horst Pietschmann, Geschichte Spaniens: von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Stuttgart (Kohlhammer) 1993, Seite 315

11 Walther L. Bernecker, Spaniens Geschichte seit dem Bürgerkrieg, München (Beck) 1997, Seite 225

12 siehe Anhang 1

13 Gerichtsakte Sonderhilfsausschuss Kreis Pinneberg/Martha Seemann, geb. Sek, damaliges AZ. HR

14 Pol. 22716146)

15 siehe Anhang 4 und 5

16 Fahndungsfoto der Gestapo Hamburg, 1934 entstanden

17 Kaderakte der KPD-Ortsgruppe Elmshorn, Beurteilung Ludwig Otto „siehe Anhang 6

18 Während des Spanischen Bürgkrieges und in der UdSSR kam es zu Übergriffen seitens Moskautreuer Stalinisten auf Andersdenkende, z. B. Trotzkisten und Anarchisten.

19 Patrik von zur Mühlen, Spanien war ihre Hoffnung: Die deutsche Linke im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939. Bonn(Dietz) 1985, Seite 307

20 Hans Beimler (2. Juli 1895-1. Dez. 1936) war Reichstagabgeordneter der KPD und Mitglied des .Thälmann-Bataillons“ der XI. Internationalen Brigade im Spanischen Bürgerkrieg. Die H.-B.-Medaille wurde ab 1956 in der DDR an Mitglieder der Internationalen Brigaden verliehen:

21 Patrik von zur Mühlen, Spanien war ihre Hoffnung: Die deutsche Linke im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939. Bonn(Dietz) 1985

22 Gerichtsakte Sonderhilfsausschuss Kreis Pinneberg/Martha Seemann, geb. Sek, damaliges AZ. HR 14 Pol. 227/6/46, siehe außerdem Anhang 1 bis 3

23 Georg Gruber, http://www.dradio.deldirlsendungen/kalender/2833101, B. Juli 2004, gelesen am 20. Februar 2009

24 Spiegel der Zeiten Band 4, Frankfurt am Main (Diesterweg) 1971, Seite 142 ff.

25 Die „nationale Bewegung“ des Generals Franco wurde in der Propaganda als Kreuzzug gegen die Gottlosen verherrlicht.

26 Walther L. Bernecker, Krieg in Spanien 1936-1939, Darmstadt (Primus Verlag) 1997

27 Carlos Collado Seidel, Der Spanische Bürgerkrieg: Geschichte eines europäischen Konflikts, München (6eck) 2006, Seite 201

28 www.nachrichten.ch — Zeitung im Internet, St. Gallen, 2. Dezember 2008, gelesen am 20. Februar 2009

 

Finja Huckfeldt und Ann-Kathrin Mohr

 

 

 

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