„Etwa 200 Mann arbeits- und brotlos“ – Aufstieg und Niedergang der Pflanzenbutterwerke am Elsensee

Briefkopf der Pflanzenbutter-Werke Quickborn-Elsensee, 1913 (Sammlung: Jörg Penning)
Ausschnitt des Briefkopfes der Deutschen Pflanzenbutter-Werke Quickborn-Elsensee (Sammlung: Jörg Penning)
Margarinenfabrik, ca. Mitte der 1920er Jahre (Sammlung Bulmahn, in: Kielmann, Hans-Jürgen: Ein Jahrhundert Eisenbahn. Altona-Kaltenkirchen-Neumünster. Hamburg 1983, S. 175.)
Streik in den Ölwerken, Pinneberger Tageblatt 20.03.1924
Die restliche Auflösung der Fabrik, Pinneberger Tageblatt 01.04.1932
Überreste der Margarinenfabrik heute (Foto: Jörg Penning, 2007)
Überreste Margarinenfabrik (Foto: Jörg Penning, 2007)
2. Februar 1929
Fabrikweg, Quickborn

Im Jahr 1909 kaufte eine Berliner Aktiengesellschaft in der Nähe des Elsensees, nahe der Kieler Straße, Baugrund der Grundeigentümerin Becker auf, um hier eine Palmonafabrik zu erreichten. Im gleichen Jahr starteten die Baumaßnahmen, sodass im Dezember 1910 die Fabrikation von Margarine beginnen konnte.[1]

In Europa wurde die Margarineherstellung durch die wachsende Bevölkerung angeregt. Die Bevölkerungszunahme verursachte eine steigende Nachfrage nach Butter, woduch diese im Preis anstieg. 1870 gelang es dem französischen Chemiker Mége-Mouriés einen preisgünstigen und haltbareren Butterersatz herzustellen und diesen in Paris auf den Markt zu bringen. Die auch als „Kunstbutter“ oder wegen des geringen Preises auch als „Armeleutebutter“ bezeichnete Margarine, die in Deutschland bis zum Verbot 1897 auch zum Strecken der Kuhbutter verwendet wurde, erlangte bald eine wachsende Beliebtheit unter den Konsumenten.[2] Der jährliche Margarineverbrauch stieg in Deutschland von 0,5 kg pro Person im Jahr 1890 auf 3,0 kg im Jahr 1910 und 7 kg im Jahr 1930 an.[3] Existierten 1885 zunächst 45 Margarinenfabriken in Deutschland, so erhöhte sich die Zahl im Jahr 1895 auf 73 Fabriken.[4]

Begünstigend für die „Deutschen Pflanzenbutter-Werke Quickborn-Elsensee“ [5] wirkte sich die 1912 fertiggestellte Bahntrassenverlegung von der Kieler Chaussee auf die östlich versetzte, heutige Bahntrasse aus, wodurch die Fabrik direkt an die Bahnschienen angrenzte und einen unmittelbaren Bahnanschluss und eine Haltestation „Elsensee“ erhielt.[6] Die günstige Verkerhsinfrastruktur und der wachsende Bedarf an Margarine führte 1916 zum Ankauf eines weiteren Grundstückes für 200.000 Mark und einer Erweiterung der Pflanzenbutterwerke.[7] Wenig später wurde das Werk von Thörl’s Vereinigte Harburger Oelfabriken übernommen.

Thörl’s Ölfabrik wurde 1883 von Friedrich Thörl gegründet und 1906 in eine Aktiengesellschaft überführt.[8] Das Unternehmen, in dem seit 1922 der holländische van den Bergh-Konzern die Aktienmehrheit besaß, gehörte zu den größten Ölmühlen Deutschlands.[9]  Neben der Ölfabrikation entschloss sich das Unternehmen aufgrund des stetig steigenden Bedarfs an Margarine dazu, auch in die Herstellung von gehärteten Fetten einzusteigen. Hierfür errichtete es neben ihren Betriebswerken in Harburg aus wirtschaftlichen Gründen einen zweiten Standort in Quickborn.[10]

Die Margarineherstellung mithilfe gehärteter Fette war eine verhältnismäßig neue Produktionsweise, die erst in den Jahren 1911/1912 marktfähig wurde. Im Herstellungsprozess wurden hierbei flüssige Öle durch Hydrierung zu gehärteten Ölen umgewandelt.[11]

Auf dem 150.000 m2 großen Fabrikgelände in Quickborn errichteten die Thörlschen Werke in den Jahren 1919 bis 1921 nach modernsten technischen Standards eine Fetthärtungsanlage, die 1922 mit einer Fett- und Ölraffinerieanlage erweitert wurde. Eine Wasserstoffanlage, große Dampfkessel, Dampfmaschinen, ein Wasserstoff-Gasometer, Ölbehälter und Trantanks, Schwefelsäurebehälter und Generatoren ergänzten das Fabrikwerk mit einem Investitionsvolumen von insgesamt vier Millionen Reichsmark.[12] Darüber hinaus wurden sechs Wohnhäuser mit 12 Wohnungen für die Mitarbeiter des Werkes errichtet.[13]

Das Werk, das nach eigenen Angaben zu den damals leistungsfähigsten Fetthärtungsanlagen in Deutschland zählte,[14] wies eine Tagesproduktion von 100 Tonnen Hartfett auf.[15] Täglich gingen bis zu 30 Waggons mit Margarine von den betriebseigenen Anschlussgleisen ab, womit das Werk zum seinerzeit lukrativsten Kunden der AKN zählte.[16]

Ende der 1920er Jahre entschloss sich die Konzernleitung dazu, aus Rationalisierungsgründen alle Fabrikationszweige, die nicht unmittelbar mit der Ölerzeugung zusammenhingen, abzustoßen. Hiervon betroffen war trotz hoher Produktivität auch das Werk in Quickborn.[17] Anfang 1929 wurde der Betrieb stillgelegt und die Fetthärtungsfabrikation an die Fettraffinerie Aktiengesellschaft in Brake (Oldenburg) abgegeben.[18] Entscheidend für die Standortaufgabe waren ebenfalls die Frachtkosten, wie sie aus den Gütertransporttarifen der AKN und der Reichsbahn[19] und dem Fehlen eines direkten Gleisanschlusses an die Reichsbahn in Altona resultierten.[20]

Arbeiteten in dem Quickborner Werk in der Hochphase der Margarineherstellung 200 Personen,[21] so waren es im Januar 1929 nur noch 100.[22] Mit der endgültigen Werkschließung am 2. Februar 1929 wurden weitere 70 Personen entlassen und die verbliebenen Arbeiter mit der Abmontage und Aufräumarbeiten beschäftigt.[23]

Mit der Stilllegung der Margarinenfabrik war in Quickborn keine Industrie mehr vorhanden. Der Gemeindevorsteher Hermann Dölling schrieb über die damalige wirtschaftliche Situation: „Die Zahl von rund 1000 in ansässigen Großbetrieben beschäftigten Arbeitnehmern ist mit der Schließung des letzten Betriebes im Februar 1929 auf 0 gesunken. In 18 Jahren hat Quickborn die Industrie kommen, wachsen und vergehen sehen.“ [24] Fast alle in Quickborn wohnhaften Arbeiter waren zu diesem Zeitpunkt erwerbslos. Das örtliche Arbeitsamt registrierte über 300 Arbeitslose.[25] Zu den ehemals in den Margarinewerken Beschätigten zählte der Heizer und KPD-Ortsvorsitzende Julius Stubbe[26] und sein Bruder Karl.[27] Heizer[28] war ebenfalls der damalige SPD-Vorsitzende[29] Heinrich Burmeister, der ebenfalls bei Thörl arbeitete.[30] Auch der Mitbegründer der NSDAP-Ortsgruppe Quickborn, Albrecht Schmidt,[31] zählte zu den Angestellten des Margarinenwerkes.[32]

Bemühungen, das Werksgelände der ehemaligen Fabrik an ein anderes Unternehmen zu verkaufen, blieben erfolglos, sodass die endgültige Demontage eingeleitet wurde. Die Lokalpresse berichtete hierüber: „Drei Jahre sind es nun her, dass die Oelwerke in Elsensee stillgelegt und etwa 200 Mann arbeits- und brotlos wurden. (…) Seit einigen Tagen aber hört man wieder die Klänge der Arbeit auf den Oelwerken. Aber leider dient die Arbeit nicht dem Aufbau, sondern dem Abbau. (…) In sechs Monaten muß laut Vertrag der letzte Motor verschwunden, der letzte Schalter abgerissen sein. Kahle Mauern mit Riesenlöchern werden von einer einst blühenden Industrie erzählen. Quickborn aber wird um eine Hoffnung ärmer sein.[33] Das sozialdemokratische Hamburger Echo urteilte über die Abmontage: „Der Kapitalismus kennt eben keine Rücksicht auf das Wohl der Arbeiterschaft, wenn der Profit in Frage kommt.[34]

Der vollständige Abbau der technischen Anlagen dauerte ein ganzes Jahr. Das Areal wurde von einer Firma erworben, die den Bau einer Stadtrandsiedlung mit 100 Häusern für Kleinsiedler beabsichtigte.[35] Es sollten vorwiegend Arbeitslose aus der Großstadt sein, die hier eine neue Bleibe finden sollten. Die Gemeindevertretung stand diesem Vorhaben ablehnend gegenüber. Angeführt wurde, dass im Ort nicht ausreichend Arbeitsmöglichkeiten vorhanden seien und die Ansieldung als eine Bedrohung für die angrenzenden landwirtschaftlichen Grundstücke angesehen wurde: „In Ermangelung eigener Erzeugnisse besteht die Gefahr, dass bei einer Ansiedlung in dem geplanten Umfange ständig mit Felddiebstählen aller Art zu rechnen ist.[36] Weitaus wohlwollender standen die Kommunalvertreter der Absicht gegenüber, auf dem Areal am Elsensee eine Kaserne der SS-Verfügungstruppe, der späteren Waffen-SS, zu errichten. Das Protokoll vermerkte: „Einstimmig wird die Ansicht vertreten, daß die Gemeinde alles daran setzen soll, daß das Unternehmen zustande kommt.[37] Aus unbekannten Gründen hatte der SS-Abschnitt Nord dann aber davon abgesehen, hier eine Kaserne zu bauen. Bis heute ist das Grundstück eine Brachfläche. Lediglich die Straßenbezeichnungen „Fabrikweg“ und „Thörlsweg“ erinnert an den ehemaligen Industriestandort am Elsensee.

Veröffentlicht von Jörg Penning am

Ein Hinweis zu “„Etwa 200 Mann arbeits- und brotlos“ – Aufstieg und Niedergang der Pflanzenbutterwerke am Elsensee”

  1. Andreas sagt:

    Hallo, ich bin über den Artikel gestolpert auf der Suche nach Informationen über einen Vorfahren, Adolf van Doornick der in Bendorf geboren wurde und zur Schule ging. Falls Sie noch mehr Informationen haben, würde ich mich freuen wenn wir in Kontakt treten könnten. Gruß

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