„Sie denkt auch in Zeiten der Not an die Ärmsten der Armen“ – die Konsumgenossenschaft „Produktion“

Bahnhofstraße 4, Quickborn Schlagwörter , , , , , , , ,

In der Bahnhofstraße Nr. 4, dem heutigen Imbiss, befand sich eine „Verteilerstelle“ der Konsumgenossenschaft „Produktion“.1 Es ist unklar, seit wann die „Produktion“ hier ansässig war. Erstmals in der Lokalpresse erwähnt wurde diese in der Bahnhofstraße Ende 1927.2 Ein Vorläufer der „Produktion“, der „Konsumverein für Elmshorn und Umgegend eG mbH“ war in dem Wohnhaus von Carl Rummel in der Kieler Straße eingerichtet (siehe Fotografie), die vermutlich seit dem Jahr 1918 dort bestand.3

Die Konsumgenossenschaftsbewegung hatte ihre Wurzeln in Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wirtschaftlich schwache Verbaucher aus den sozialen Schichten der Arbeiter, Angestellten und Handwerker schlossen sich zu Konsumvereinen und Lebensmittelassoziationen zusammen, um den Lebensmittelbedarf ihrer Familien bedarfsgerecht und kostengünstig selbst zu organisieren. Vor allem war es das Ziel, sich unabhängiger von Einzelhändlern zu machen, die teilweise durch Lebensmittelzusätzen, Preisabsprachen und intransparenten Warenabmessungen in Verruf geraten waren. Mit der zunehmenden Industriealisierung wuchs auch die Konsumgenossenschaftsbewegung an. von 1890 bis 1910 nahm die Anzahl der Verteilerstellen in Deutschland von 262 auf 1.333 und die Anzahl der Genossenschaftsmitglieder von 215.000 auf 1.310.000 zu. Die Konsumgenossenschaftsbewegung bestand anfangs aus Großeinkaufsgesellschaften und stieg später auch in die zentrale Eigenproduktion von Gütern des täglichen Bedarfs ein. Im Unterschied zu dem mittelständischen Erzeugergenossenschaftswesen, wie z.B. den ländlichen Genossenschaftsmeiereien, wies die Konsumgenossenschaftsbewegung aufgrund ihres Mitgliederklientels eine Nähe zur sozialistischen Arbeiterbewegung auf. Als wirtschaftliche Großorganisationen standen sie ebenso wie Warenhäuser mittelständischen Interessen entgegen und wurden vom Kleingewerbe und Einzelhandel als Bedrohung wahrgenommen.4

Dieses war auch in der Landgemeinde Quickborn zu erkennen. Auf einer Veranstaltung des Deutschen Wirtschaftsbundes zum Thema „Die Notlage des Mittelstandes“, die im Februar 1928 in Schmidt’s Gasthof stattfand, wies, so das Pinneberger Tageblatt, „der Redner auf die Gefahren der sozialistischen Konsumvereine und der Warenhäuser hin„, wobei die Konsumvereine auf die Vernichtung der Privatbetriebe abziele. Der Artikel endete mit dem Apell: „Es sollte selbstverständlich sein, dass Angehörige des Mittelstandes, ob selbstständig oder Beamter, Staatsangestellter und auch der Arbeiter, der einmal Meister oder Kaufmann werden will, diese Einrichtungen meidet.5 In einem ähnlichen Tenor äußerte sich der Kreisverband Altona-Pinneberg des Norddeutschen Handwerkerbundes, der Mitte Juni 1929 in Quickborn tagte: „Konsumvereine und Warenhäuser haben sich zu Kampforganisationen entwickelt.6 Auf einer Versammlung des örtlichen Handwerker- und Gewerbevereins im Gasthaus Bad Sandfurt äußerte ein Redner nicht weniger bedrohlich Ende Juli 1930: „Wenn man bedenkt, dass noch heute 178000 Handwerksmeister den Konsumvereinen angehören, so ist der Weg zur Proletarisierung nicht mehr weit.7 Ende November 1928 hatte sich der Handwerker- und Gewerbeverein bereits darüber verständigt, ein Flugblatt für die Einwohner zu entwerfen, in dem darauf hingewiesen wurde, „dass jeder sich selbst und den gewerblichen Mittelstand schädigt, der nicht am Orte oder in Konsumgenossenschaften kauft.8 Um die örtliche Verteilerstelle der Konsumgenossenschaft wirtschaftlich nicht zu unterstützen, entschloss sich der Fürsorgezweckverband Quickborn im Sommer 1932 dazu, die Einlösung für an Wohlfahrtsempfänger verteilte Brotgutscheinen an einem ausgewählten Bäcker zu knüpfen. Das sozialdemokratische Hamburger Echo mutmaßte: „Vor allem sollte aber die Produktion getroffen werden, deren hiesige Verkaufsstelle am Auszahlungstag mit ihrem Brotvorrat sitzen blieb, weil auf den Gutscheinen der Name Iden aufgedruckt war.9

In der SPD-Parteipresse wurde hingegen wiederholt für die örtliche Verteilerstelle der „Produktion“ geworben, die trotz Genossenschaftsgedankens aufgrund der schrumpfenden Kaufkraft ebenfalls von den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise betroffen war (siehe Quelle unten).10 So merkte das Hamburger Echo in einem Artikel vom 25. Februar 1932 an: „Eine Liste der Geschäftsleute, bei denen die Jünger des Dritten Reiches ihre Einkäufe machen sollen, wurde am Sonnabend in einer Naziversammlung im Bahnhofshotel bekanntgegeben. Die Arbeiterschaft ist dankbar für diese Bekanntgabe, weil sie daraus endlich einmal erfährt, welche Geschäftsleute sich zu den Nazis bekennen. Und sie wird mehr als bisher bemüht sein, ihre Waren aus der Verteilungsstelle der Produktion zu beziehen.“ Der Verwalter der örtlichen Konsumgenossenschaft11 und zugleich Ortsvorsitzender der SPD12 Otto Breddin nutzte zudem Parteiversammlungen der Sozialdemokraten, um für die „Produktion“ zu werben.13 Noch wenige Tage vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten merkte das Hamburger Echo anlässlich eines Berichtes über die Winterbeihilfe und der fehlenden Möglichkeit, die von der Gemeinde an Wohlfahrtserwerbslose verteilten Warengutscheine eintauschen zu können, an: „Wo es gilt, ohne besonderen Tamtam eine kostenlose praktische Hilfe zu leisten, da versagt das wohltätige Herz der Geschäftsleute, die sich sonst rege an den vielen Wohlfahrtsveranstaltungen der sogenannten vaterländischen Verbände beteiligen. Wiederum ist es die ‚Produktion‘, die hier eingriff. Sie hatte sich bereit erklärt, die Gutscheine gegen Waren in Zahlung zu nehmen. Das sollte ein Ansporn sein, die Konsumgenossenschaftsbewegung zu fördern; denn nur sie denkt auch in Zeiten der Not an die Aermsten der Armen.14

Die Nationalsozialisten hatten sich als Fürsprecher des Kleingewerbes und des Mittelstandes präsentiert. Nach der Machtübernahme beantragte die NSDAP-Ortsgruppe in der Gemeindevertretung Quickborn „darauf hinzuwirken, dass Beamte, Angestellte und Arbeiter der Gemeinde, die von ihr aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden, sämtliche Einkäufe im Orte zu tätigen haben und ihre Mitgliedschaft bei der Produktion kündigen.15

Reichsweit gerieten die Konsumgenossenschaften ab 1933 durch Austritte und Kaufzurückhaltungen wirtschaftlich in Bedrängnis. Zwar wurden sie nicht wie die Arbeiterparteien und die Gewerkschaften verboten, ihre Verbandsstrukturen wurden jedoch personell gleichgeschaltet und die Dachverbände zu dem Einheitsverband „Reichsbund der deutschen Verbrauchergenossenschaften“ zusammengeführt.16 1941 wurden endgültig die genossenschaftlichen Wurzeln beseitigt und die ehemaligen Konsumgenossenschaften als „Gemeinschaftswerk Versorgungsringe GmbH“ in die Deutsche Arbeitsfront eingegliedert, wodurch ein zentral gelenkter Lebensmittelhandelskonzern entstand.17 Auch in der Quickborner Bahnhofstraße blieb die einstige Verteilerstelle der „Produktion“ als Verkaufsstelle des „Gemeinschaftswerkes Versorgungsring“ bestehen.18 Verwaltet wurde dieser jedoch nicht mehr von Otto Breddin. Er musste sich im Oktober 1933 arbeitslos melden.19

Nach dem Ende des Nationalsozialismus wurden die Konsumgenossenschaften wieder aufgebaut und nahmen ihren alten Namen an. In Quickborn existierte nun neben der Bahnhofstraße eine weitere Verteilerstelle in der Dorfstraße in Quickborn-Renzel.20

Fußnoten

  1. Amtliches Fernsprechbuch 1960/61.
  2. Pinneberger Tageblatt (PT), 05.11.1927.
  3. Kahle, Wilhelm: Parteigeschichte der S.P.D. Quickborn. ca. 1969 verfast, in: Stadtarchiv Quickborn.
  4. Vgl. Korf, Jan-Frederik: Von der Konsumgenossenschaftsbewegung zum Gemeinschaftswerk der Deutschen Arbeitsfront. Zwischen Gleichschaltung, Widerstand und Anpassung an die Diktatur. Norderstedt o.D., S. 11-15.
  5. PT, 14.02.1928.
  6. PT, 14.06.1929.
  7. PT, 01.08.1930.
  8. PT, 30.11.1928.
  9. Hamburger Echo (HE), 23.06.1932.
  10. PT, 04.11.1930.
  11. Johs. Krögers Buchdruckerei (Hg.): Adressbuch 1930. Blankenese 1930.
  12. Hamburger Volkszeitung, 08.04.1932.
  13. HE, 22.10.1932.
  14. HE, 23.01.1933.
  15. Stadtarchiv Quickborn, Protokoll der Gemeindevertreter (ab 13.05.1927).
  16. Vgl. Korf: Von der Konsumgenossenschaftsbewegung zum Gemeinschaftswerk der Deutschen Arbeitsfront, S. 88 – 107.
  17. Vgl. Korf: Von der Konsumgenossenschaftsbewegung zum Gemeinschaftswerk der Deutschen Arbeitsfront, S. 182-191.
  18. PT, 27.07.1942.
  19. Stadtarchiv Quickborn, Karton unsortierte Unterlagen, Auflistung von Beziehern sozialer Transferleistungen aus Quickborn.
  20. Amtliches Adressbuch 1966/67.

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