Fritz Günther Roland Ebeling wurde am 9. Januar 1940 um 13.50 Uhr in der elterlichen Wohnung Lohe 47 in Uetersen geboren. Seine Eltern waren Lotte Friederike Regina Toni Ebeling geb. Johannesson und Carl Julius Wilhelm Leonhard Ebeling. Der Vater war Gartenbautechniker; die Eltern gehörten zur „nordischen Glaubensgemeinschaft“[1]. – Die Religionszugehörigkeit lässt auf Regimetreue der Eltern schließen; deshalb findet sich auch kein Taufeintrag in den Kirchenbüchern der Kirchengemeinde Uetersen.
Am 2. Juli 1943 verstarb Fritz um 7 Uhr im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort in Hamburg. Als Todesursache wurden „Cerebrale Anomalie“ und „Centrale Atemlähmung“ genannt[2]. – „Zerebral“ = das Großhirn betreffend. Zu einer „zentralen Atemlähmung“ kann es durch Intoxikation (z.B. durch Barbiturate) kommen[3] – Merkwürdig ist, dass der Vater den Sterberegistereintrag mit unterschrieben hat. Daraus könnte man schließen, dass der Tod des Jungen mit Wissen und Wollen der Eltern geschah.
Eine Beisetzung von Fritz auf einem der beiden Friedhöfe in Uetersen hat nicht stattgefunden[4].
Zur Familie Ebeling:
Carl Julius Wilhelm Leonhard Ebeling wurde am 11. Februar 1902 in Lübeck geboren[5] und am 12. März in St. Aegidien getauft[6]. Durch den Taufeintrag sind die Namen seiner Eltern bekannt: Julius Adolph Wilhelm E., Oberlehrer und Regierungsbaumeister, und Margarethe geb. Müller.
Lotte Friederike Regina Toni Johannesson wurde am 26. September 1902[7] in Berlin geboren. Sie ist bei „Gedbas“ verzeichnet[8]. Die Namen und Lebensdaten ihrer Eltern sind dort ebenfalls benannt: Prof. Dr. phil. Fritz Robert Karl Johann J. (1860-1949), Oberlehrer und Oberstudiendirektor, und Lydia Antonie Margarethe Gertrud geb. Stüber (1873-1923), Ärztin.
Karl Ebeling und Lotte Johannesson heirateten am 23. Juli 1927 in Siek, Kreis Stormarn[9]; offenbar ohne kirchliche Trauung[10].
1930 wurde in Hoisdorf Sohn Wilhelm Karl Friedrich geboren, der 1948 in Uetersen im Bleekerstift verstorben ist[11]. Insgesamt hatten die Eheleute Ebeling neun Kinder[12]. Nur die beiden toten Kinder sind namentlich bekannt.
Die Familie zog 1935 von Hollingstedt, Kreis Schleswig-Flensburg, nach Uetersen in die „Lohe 47“; 1952 verzog die Familie nach Hamburg, Vereinsstraße 23 (= Eimsbüttel)[13].
Karl Ebeling ist in der Liste „Einheimische ehem. Nazis“[14] aufgeführt; er war danach bereits seit 1929 Mitglied der NSDAP.
Zur Wohnanschrift „Lohe 47“:
Im Katasteramtsplan von 1906[15] befindet sich an dem Straßenverlauf der „Norderstraße“ (heute „Lohe“) eine Lücke zwischen den Hausnummern 45 (Lange) und 49 (Willms). Dazwischen biegt ein Weg ab. Daraus lässt sich schließen, dass die Hausnummer 47 zurückgesetzt gelegen sein muss.
Die alte Gemarkungskarte der Flur 4 gibt Aufschluss, so dass die Lage des Hauses „Lohe 47“ nun geklärt ist. Es muss ein Hof oder Haus gewesen sein, der / das soweit zurückgesetzt lag, wo sich heute der Wendehammer der Stichstraße „Langenhof“ befindet[16].
Im Adressbuch von 1914 ist unter „Norderstr. 47“ ein Heinrich Witt verzeichnet, der Landmann war[17]. Im Adressbuch von 1929 ist er nicht mehr aufgeführt ist. Im Adressbuch von 1950 ist Karl Ebeling als Gartenbautechniker in der „Lohe 47“ verzeichnet[18].
Zum Strafprozess gegen die Ärzte des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort:
Unter der Signatur 213-12,0017 sind im Staatsarchiv Hamburg Akten überliefert, die den Titel „Bayer, Dr. Wilhelm Gerhard Adolf[19], u.a., wegen Tötung im Euthanasie-Programm von mindestens 56 Kindern im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort bei Hamburg (Staatsanwaltschaft Hamburg 14 Js 265/48)“ tragen.
Aus dem Straftatbestand: „Der Angeklagte Dr. … Bayer wurde von dem … Gesundheitssenator … gefragt, ob er bereit sei, Tötungen an idiotischen und missgebildeten Kindern teilzunehmen. Der Angeklagte Dr. … Bayer nahm in Berlin an einer Sitzung von Juristen und Ärzten teil, wo mitgeteilt wurde, dass Hitler ein Euthanasiegesetz unterzeichnet hätte. Der Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden überwache die Durchführung des Gesetzes. Im Dezember 1940 nahm der Angeklagte Dr. … Bayer an einer Sitzung des Reichsausschusses teil, an der auch die angeklagten Dr. Ernst Wentzler[20] und Prof. Dr. Werner Catel[21] – diese als ärztliche Gutachter im Reichsausschuss – teilnahmen. Auf dieser Sitzung wurde zugesichert, dass die Tötung von aussichtslosen Fällen legal sei. … Anfang 1941 wurden viele geistig kranke und körperlich behinderte Kinder in das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort und die Krankenanstalt Langenhorn eingewiesen, eine Großzahl getötet bis zum 30.05.1943. Danach wurde die Abteilung der „Reichsausschuss“-Kinder in Langenhorn vom Reichsausschuss geschlossen. Im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort dauerte die Tötung bis Kriegsende fort. … Getötet wurde durch Luminalinjektion, die eine hochgradige Lungenentzündung mit Bewusstlosigkeit und Tod innerhalb von 1-2 Tagen zur Folge hatten. 56 Tötungen in Rothenburgsort sowie 12 in Langenhorn sind urkundlich belegt, … Mehrere Angehörige des Gesundheitsamtes (…) machten Meldungen über die Kinder an den Reichsausschuss und wiesen die Kinder in Langenhorn oder Rothenburgsort ein. Alle Angeklagten wurden außer Verfolgung gesetzt, da die Ermächtigung Hitlers vom 01.09.1939 an Dr. Brandt und Bouhler keine normsetzende Kraft hatte, die Angeklagten aber aufgrund dieser Verordnung an die Rechtmäßigkeit ihrer Handlungen geglaubt haben. ‚Ein weiteres Merkmal für die absolute Gutgläubigkeit aller Angeschuldigten dürfte der Umstand sein, dass in allen bekanntgewordenen 56 Fällen wirklich nur solche Kinder getötet worden sind, die als Vollidioten, also geistig völlig tot anzusprechen waren …‘“.[22]
Erhard Vogt, April 2026
Am 5. Juni 2026 wird für Fritz Ebeling in der ehem. Lohe 47 (= dem jetzigen Langenhof 5) ein Stolperstein verlegt. Er trägt die Inschrift:
HIER WOHNTE
FRITZ EBELING
GEB. 9.1.1940
EINGEWIESEN
KINDERKRANKENHAUS
HAMBURG-ROTHENBURGSORT
ERMORDET 2.7.1943
Die Patenschaft für diesen Stein hat Anna-Ilse Wehner aus Uetersen übernommen.