Fliegermord in Appen – das kurze Leben von Zigfryd („Ziggy“) Valentino Czarnecki

Zigfryd („Ziggy“) Czarnecki mit Dora May Jenkins (unbek./Dora May Morgan)
Zigfryd („Ziggy“) Czarnecki (unbek./Dora May Morgan)
Zigfryd („Ziggy“) Czarnecki (unbek./Dora May Morgan)
Zigfryd („Ziggy“) Czarnecki (unbek./Dora May Morgan)
Ortsausgang Appen (Sartorti/Sartorti)
Ortsausgang Appen (Sartorti/Sartorti)
Grabstein Zigfryd (
Uetersener Nachrichten 01.03.2016
18. Juni 1944
Hauptstraße (L106), Ortsausgang Appen (Richtung Moorrege)
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Zigfryd („Ziggy“) Valentino Czarnecki wurde am 18. Oktober 1923 in Beaver Falls in Pennsylvania/USA als Sohn von Stella und Emil Czarnecki geboren und wuchs dort mit drei Schwestern und vier Brüdern in einem katholischen Haushalt auf. Er besuchte die Beaver Falls Highschool gemeinsam mit seiner zwei Jahre jüngeren Freundin Dora Jenkins (heute verwitwete Morgan) und beendete die Schule Juni 1941 und arbeitete bei der „Babcock & Wilcox Tube Company“. Februar 1943 wurde er zur US Airforce eingezogen und kehrte nur zu zwei kurzen Heimaturlauben zur Familie und seiner Freundin Dora May Jenkins zurück. Im Februar 1944 wurde seine Crew nach England verlegt. Bei seinem 24. Flug (nach dem 25. wäre er in die USA zurückgekehrt) wurde er nach einem Notabsprung des Bordpersonals aus einer angeschossenen B17G am 18. Juni 1944 zunächst gefangen genommen und dann kaltblütig ermordet, er starb an seinen Verletzungen am 19. Juni 1944 in Hamburg. [1]

 

Am 18.06.1944 startete in Kimbolton in den Midlands nördlich von London die „G.I. Jane“ (Maschine 42-102628), ein B17G-Bomber (auch genannt Flying Fortress), mit der 526-ten Schwadron in der 379-ten schweren Bombergruppe mit Ziel Hamburg [2], um die Docks und Raffinerien zu bombardieren. Nach erfolgtem ca 17-minütigem Bombardement der „Blohm & Voss Werft“ aus 25000 Fuß Höhe wurde seine an zweiter Stelle fliegende Maschine an Stelle der Führungsmaschine von deutschem Abwehrfeuer mit zwei Flakgeschossen am inneren rechten Motor getroffen, ein Feuer breitete sich auf den Flügel aus und der Pilot erteilte unmittelbar das Kommando zum Notabsprung der gesamten Crew. Diese bestand neben Czarnecki aus dem Piloten Stephen J. King, Copilot Milton S. Miller (am Fallschirm hängend erschossen), Navigator Donald E. Casey, Bomber Charles W. Henry, Funker Charles E. Rutishauser (starb bei Explosion der Maschine), Bordingenieur Raymond F. Wheeler, Kugelturmschütze James H. Hagen, Heckschütze Eugene V. Miller (überlebte zunächst die Explosion der Maschine).[3],[4] Das Heck der Maschine selbst stürzte in Pinneberg Eggerstedt in den Hollandweg.[5]

Ziggy Czarnecki zögerte mit dem Absprung und half zunächst dem Kugelturmschützen aus seinem zerstörten Schützenplatz. Nach dann geglücktem Notabsprung aus dem kurz darauf explodierenden B17G-Bomber landete Czarnecki zwischen Appen und Etz mit seinem Fallschirm und wurde dort von dem Appener Reservewachtmeister Johnny Wohlers um ca. 11°° verhaftet (der Wehrmachtsgefreite Pein aus Etz hatte ihn bereits festgehalten) und in der Appener Polizeistation von Wohlers und Landwachtmann Hans Runge bewacht. Es erfolgte ein Anruf der NSDAP-Kreisleitung, dass der Gefangene an die NSDAP zu übergeben sei. Wohlers widersprach dem und bestand auf einer Übergabe als Kriegsgefangenen an die Wehrmacht. SA-Leutnant und Kreisorganisationsleiter der NSDAP Wilhelm Langeloh erschien kurze Zeit später in der Polizeiwache und bestand auf einer Übergabe des Gefangenen an ihn mit der Aussage, dass er ihn zum Luftwaffenflugplatz Uetersen bringen werde, mit der Einschränkung, dass er nicht wüsste, ob dort heil ankäme. Wohlers wurde somit misstrauisch und sandte Runge hinterher. Ca. 150m hinter dem Ortsausgang schoss SA-Sturmführer Langeloh dem vor ihm schweigend gehenden, nichtflüchtenden sowie unbewaffneten Zigfryd Czarnecki in den Nacken. Czarnecki fiel vornüber und Langeloh stieß ihn mit den Stiefeln in den Graben. Runge stellte fest, dass Czarnecki noch lebte und dieser begann nach fünf Minuten sogar zu sprechen. Langeloh kehrte zurück und kommentierte die Situation mit „soll er doch im Graben verrecken“. Runge versuchte eine Erstversorgung und instruierte herbeigeeilte Wehrmachtssoldaten Wohlers zu informieren, der bereits mit dem Rad unterwegs war. Dieser organisierte ein Gespann und Czarnecki wurde zum Fliegerhorst transportiert. Auf dem Weg dorthin kam ihnen Langeloh mit dem Motorrad entgegen, fuchtelte mit der Pistole und rief „Das ist nicht der Erste. Es handelt sich hier NICHT um einen Menschen“. Von Stabsarzt Edwin Wright vom Fliegerhorst Uetersen wegen der Verletzung von Nacken und Halsweichteilen bzw. -wirbelsäule veranlasst wurde er um 15°° weiterverlegt in das Reservehospital Nr. 5 Hamburg-Wandsbek. Dort starb er am Morgen des Folgetages 19. Juni 1944 und wurde in Hamburg Ohlsdorf bestattet.[5], [6]

1946 wurden alle verstorbenen amerikanischen Soldaten entweder in ihren Heimatort überführt oder auf einen Friedhof außerhalb Deutschlands umgebettet.[7] Czarnecki wurde erst 1954 in Beaver Fall/PA beerdigt. Das Grab wird noch heute von Czarneckis damaliger Freundin Dora May Jenkins (heute Morgan) aus Beaver Fall und deren Familie gepflegt.

 

Wilhelm Langeloh war SA-Sturmführer, wurde im Mai 1942 Mitglied der NSDAP und auch 1942 Kreisorganisationsleiter, der Kreisleiter Sievers verfügte im Mai 1944, dass alle in Gefangenschaft geratenen Flieger ermordet werden sollten. Langeloh lebte seit dem 20. Juni 1945 unter dem falschen Namen Felix Bauer. Er wurde in den sogenannten Dachauprozessen am 11. April 1947 zum Tode verurteilt und am 10. Oktober 1947 in Landsberg gehängt. Petitionen seiner Ehefrau und Schwägerin wurden verworfen.

 

[1] Persönliche Korrespondenz Dora May (Jenkins) Morgan mit Volker Sartorti 2014 bis 2015

[2] http://www.379thbga.org/Looking4%201350-1341%20p35.htm abgerufen 25.05.2015

[3] Casey, Donald E. : To fight for my country, Sir !, Chicago/Illinois 2009

[4] http://www.8thairforce.com/379th/search/crew_member_listing_for_mission.asp?misMissionNo=145&acAircraftNo=%2742-102628%27 abgerufen 25.05.2015

[5] Seifert, Johannes: „Der Absturz eines amerikanischen Bombers am 18.6.1944 in Pinneberg und ein Kriegsverbrechen“ in: Heimatverband für den Kreis Pinneberg von 1961 e.V.: Heimatkundliches Jahrbuch für den Kreis Pinneberg 2014, S.7-12, Pinneberg 2013, ISSN 0448-150X

[6] Gerichtsurteil 11. April 1947 im Verfahren USA gegen Langeloh Fall Nr. 12-3121, Niederschrift vom 05. August 1947, http://www.online.uni-marburg.de/icwc/dachau/000-012-3121.pdf   abgerufen 25.05.2015

[7] Ebnet, Rolf: Absprung ins Ungewisse, Binswangen 2005, ISBN 3-00-015654-2

 

Weitere Quellen:

http://en.wikipedia.org/wiki/RAF_Kimbolton  abgerufen 25.05.2015

Hampel, Thomas : „Misshandlungen von alliierten Fliegern in S.-H.“ auf http://www.luftfahrtspuren.de/ueber.htm abgerufen 25.05.2015

 

 

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