Eine Heirat unter Vorbehalt

21. November 1944
Kieler Straße 149, Quickborn
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Die Schutz-Staffel (SS) wurde 1925 mit dem Ziel gegründet, Adolf Hitler unter Einsatz des eigenen Lebens vor Angriffen von Feinden zu schützen. Später erweiterte sich die Aufgabenstellung zu einem Polizeidienst der NSDAP, der über Gegner in und außerhalb der Partei vorgehen sollte. Die SS war zunächst an die SA angegliedert und wurde unter Leitung des Reichsführers-SS Heinrich Himmler nach dem sogenannten „Röhm-Putsch“ 1934 eine eigenständige Organisation. Die Mitglieder zelebrierten einen Germanenkult und verstanden sich als eine exklusive militärische Gemeinschaft arischer Herrenmenschen, die sich von der eher undiszipliniert angesehenen SA abhob.1 Die Zugehörigkeit zu dieser nationalsozialistischen Elite stellte die Anhänger vor besondere Anforderungen. Das Organisationsbuch der NSDAP vermerkte: „Die ursprünglichste und vornehmste Aufgabe der SS. ist es, für den Schutz des Führers zu sorgen. Durch den Auftrag des Führers ist das Aufgabengebiet der SS. dahin erweitert worden, das Reich im Innern zu sichern. Zur Erfüllung dieser Aufgabe ist eine gleichartige, festgefügte und weltanschaulich zusammen verschworene Kampftruppe geschaffen, deren Kämpfer aus bestem arischen Menschentum ausgesucht werden. Die Erkenntnis vom Wert des Blutes und Bodens ist richtungsweisend für die Auslese in der Schutzstaffel. (…) Nur die blutsmäßig besten Deutschen sind für diesen Kampfeinsatz tauglich. Deshalb ist es notwendig, daß in den Reihen der Schutzstaffel unaufhörlich Auslese gehalten wird, erst grob, dann immer feiner. Dies beschränkt sich aber nicht nur auf die Männer, denn ihr Zweck ist die Einhaltung einer artreinen Sippe. Darum wird von jedem Schutzstaffelmann gefordert, daß er nur die ihm artreine Frau heiratet.2

Um diese „Artreinheit“ der SS zu gewährleisten, wurde dem SS-Mann die Pflicht auferlegt, den Lebenspartner nach rassischen und erbgesundheitlichen Gesichtspunkten auszuwählen und die Verlobung bzw. Heirat im Vorwege durch die SS-Dienststelle Rasse- und Siedlungs-Hauptamt-SS (RuSHA) prüfen und genehmigen zu lassen. Falls das RuSHA die Eheschließung ablehnte, die Heirat aber dennoch durchgeführt wurde, konnte dieses zum Ausschluss aus der SS führen. Eine mildere Form war die „Freigabe der Eheschließung auf eigene Verantwortung“, wodurch geheiratet werden konnte, die Familie jedoch der Zugang zur SS-Elite verschlossen blieb.3 Ein SS-Mann, für den die angestrebte Heirat nicht reibungslos verlief, war Walter Siems. Es war jedoch nicht seine Verlobte, die „rassisch unerwünschte“ Merkmale und Eigenschaften auszeichnete, sondern er selbst kam aus Familienverhältnissen, die nach der nationalsozialistsichen Sichtweise Hindernisse einer Ehe darstellten.

Walter Siems wurde 1909 in Quickborn geboren und besuchte nach der Mittelschule und dem Gymnasium die Landwirtschaftsschule in Elmshorn. Anschließend war er in verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben tätig.4 Er war der Sohn des Landwirts Brüne Siems, der ab 1919 in Quickborn als Mitglied der bürgerlichen Liste in der Gemeindevertretung saß5 und vor Ort in der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP)6 und in der Kirchenvertretung7 mitwirkte. Nachdem dieser 1927 früh an einer Erkrankung verstarb,8 erbte der Sohn den 37 ha großen väterlichen Hof an der Kieler Straße und bewirtschaftete diesen zusammen mit seiner Mutter Martha.9 1930 trat Walter Siems mit der Mitgliedsnummer 385841 in die NSDAP ein. 1931 wurde er Mitglied der SA und ein Jahr darauf Mitglied des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK).10 1933 wechselte Siems von der SA zur SS.11 Entsprechend der Feindseeligkeit der SS-Führung gegenüber den Konfessionen trat Walter Siems 1937 aus der evangelischen Kirche aus.12

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges meldete sich Siems freiwillig zum Kriegsdienst und erhielt als Mitglied der Waffen-SS ab April 1940 eine viermonatige militärische Ausbildung in Buchenwald bei Weimar. Ab Oktober 1940 durchlief er in der Grenzpolizeischule Pretzsch eine kurze Ausbildung zum Sicherheitspolizisten und arbeitete anschließend von Januar 1941 bis Dezember 1942 bei der Gestapo Kiel.13

Von den Gestapo-Stellen wurden mit den Wehrmachtsüberfällen auf Polen und auf die Sowjetunion zunehmend Personal für den „sicherheitspolizeilichen Einsatz“ in den besetzten Gebieten abgezogen. Es waren hierbei zunächst vor allem jüngere radikalisierte Gestapo-Angehörige, die sich hierdurch neue Karrierechancen erhofften.14 Zu ihnen gehörte auch der zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alte Walter Siems. Er war ab Januar bis Oktober 1943 bei der Einsatzgruppe D, Sonderkommando Xa in Rußland eingesetzt.15 Hauptaufgabe der aus dem Personalbestand des SD, der Gestapo, der Kripo, der Ordnungspolizei und der Waffen-SS zusammengestellten Einsatzgruppen war es, bei Feldzügen in Osteuropa den vorrückenden deutschen Truppen zu folgen und politische Gegner, Kommissare der Roten Armee unter den Kriegsgefangenen, Roma und Sinti, Juden, und „Geisteskranke“ ausfindig zu machen und zu ermorden. Ab Frühjahr 1942 wurde die Einsatzgruppe D zunehmend im „Bandenkampf“ gegen vermeintliche Partisanen eingesetzt (siehe Hintergrundwissen).16 Ab Oktober 1943 war Siems bei dem Befehlhaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) in Krakau tätig.17

Siems verlobte sich Weihnachten 1942 mit der Tochter des Bauern Rabing vom Nachbarhof. Das heiratswillige Paar hatte nun noch Unterlagen einzureichen und sich auf ihre „Erbgesundheit“ hin untersuchen zulassen, um die Heirat vom Heiratsamt des RuSHA genehmigen zu lassen. Das Genehmigungsverfahren war mit einem gewissen Aufwand verbunden. Walter Siems hatte zunächst von seinem SS-Vorgetzten die Zustimmung zur Heirat einzuholen. Zwei Bürgen hatten einen Fragebogen auszufüllen und Angaben über die Heiratskandidatin zu machen. Die Landwirte Bielfeldt und Michelsen beantworteten die Fragen, ob die zukünftige Braut kinderlieb, wirtschaftlich, zuverlässig, „kameradschaftlich“ oder „herrschsüchtig“, sparsam oder verschwenderisch und häuslich oder „flatterhaft“ sei. Abgefragt wurden des Weiteren, ob in der Familie Geisteskrankheiten, Nervenleiden, Tuberkulose oder andere schwere Erkrankungen vorkamen und ob es innerfamiliäre Suizidfälle gab. Abschließend war zu beantworten, ob die Aspirantin und ihre Familie sich „für die nationalsozialistische Erhebung eingesetzt [haben]“ oder „heute [als] zuverlässige Verteidiger der nationalsozialistischen Weltanschauung [galten].“18

Beide Heiratswilligen hatten einen „Erbgesundheitsbogen“ auszufüllen, in dem sie über ihre Familienangehörigen befragt wurden. Angaben sollten u.a. gemacht werden über Schulausbildung, Freiheitsstrafen, Selbstmorden, Alkoholabhängigkeiten, Geisteskrankheiten, Aufenthalten in Heil- und Pflegeanstalten, Schwerhörigkeit und „Missbildungen“, wie z.B. dem Vorhandensein eines Klumpfußes. Einzureichen waren dem  RuSHA auch Portraitaufnahmen in verschiedenen Positionen, um auch optisch das Heiratsgesuch bewerten zu können.

Für die Heiratsgenehmigung erforderlich war eine umfassende ärztliche Untersuchung durch einen SS-Arzt, der hinsichtlich der „SS-Eheeignung“ eine Bewertung abgab und einzuschätzen hatte, ob eine Fortpflanzung der Untersuchten im „bevölkerungspolitischen Sinne wünschenswert“ sei. In einer vertraulichen Anfrage an das Gesundheitsamt Pinneberg informierte sich das RuSHA zusätzlich, ob über Walter Siems „und seiner Sippe in gesundheitlicher und erbbiologischer Hinsicht Belastendes bekannt ist.19

Nach den ersten „erbgesundheitlichen“ Begutachtungen waren aus Sicht des SS-Amtes vertiefendere Ermittlungen erforderlich, da sich herausstellte, dass in der Familie des Walter Siems zwei Personen an psychischen Erkrankungen litten. Weitere Anfragen des RuSHA an verschiedene Landesheilanstalten ergaben, dass der aus Quickborn stammende und fast gleichaltrige Vetter von Walter Siems, Paul  Thomsen, zeitweilig in der Heilanstalt Neustadt in Holstein behandelt und von hier aus über die Heilanstalt Neuruppin in die Gauheilanstalt Tiegenhof verlegt wurde, wo er am 14. Mai 1944 starb.  Weiterhin stellte sich heraus, dass seine an Schizophrenie erkrankte Tante am 28. Mai 1941 in der „Euthanasie“-Anstalt Hadamar starb. Hier wurden von Januar bis August 1941 ungefähr 10.000 als „lebensunwert“ bezeichnete Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen mit Kohlenmonoxidgas getötet.20

Durch diese Ermittlungen geriet der einstige Gestapo- und SD-Mann Walter Siems in die prekäre Situation, dass seine Zugehörigkeit zum Korps der „arischen Elite“ und der angestrebte Ehebund infrage gestellt wurde. Trotz der Fälle vorgeblicher „Erberkrankungen“ in der Familie Siems erteilte das  RuSHA am 9. September 1944 schließlich die Verheiratungsgenehmigung, allerdings unter Vorbehalt. Entgegen kam dem Paar der fortgeschrittene Kriegsverlauf, wodurch die SS mit drängenderen Themen beschäftigt war, als einer intensiven „erbbiologischen“ Untersuchung. In einem Schreiben teilte das SS-Amt Siems mit: „Ihr Verlobungs- und Heiratsgesuch kann aus kriegsbedingten Gründen nicht endgültig abgeschlossen werden. Die endgültige Bearbeitung Ihres Gesuchs bleibt einer späteren Zeit vorbehalten. Nach den bisher hier vorliegenden Unterlagen ist folgendes festgestellt worden: Eine Tante väterlicherseits und ein Vetter mütterlicherseits von Ihnen litten an einer erblichen Geisteskrankheit (Schizophrenie). (…) Aus den vorgenannten Gründen wird bei der endgültigen Bearbeitung Ihres Verlobungs- und Heiratsgesuchs die Heirat auf Verantwortung Ihrer Braut freigegeben.“21 Nachdem die zukünftige Braut eine Erklärung zu unterschreiben und zurückzusenden hatte,22 in der sie vermutlich auf die „erbbiologischen Risiken“ der Ehe hingeweisen wurde, konnte der Ehebund am 21. November 1944 vor dem Standesamt Quickborn geschlossen werden.23

Walter Siems war nach Kriegsende wegen seiner SS-Mitgliedschaft einige Monate in Internierungshaft in Altona und in Neumünster.24 Nach bisherigen Kenntnissen hatte er sich wegen seiner Mitwirkung in der Gestapo und der Einsatzgruppe nicht weiter juristisch verantworten müssen. Im Zuge des Entnazifizierungsverfahrens, in dem er geschönte Angaben über seine Parteizugehörigkeit und seine Tätigkeit im Zweiten Weltkrieg machte, wurde er, inzwischen wieder als Landwirt arbeitend, in die Gruppe IV als „Mitläufer“ eingestuft.25 Er starb 1966 mit 57 Jahren.

Fußnoten

  1. Vgl. Höhne, Heinz: Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS. Gütersloh o.J., S. 27 – 139.
  2. Reichsorganisationsleiter der NSDAP (Hg.): Organisationsbuch der NSDAP. 4. Auflage. München 1937, S. 417.
  3. Vgl. Heinemann, Isabel: ‚Rasse, Siedlung, deutsches Blut‘. Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und dei rassepolitische Neuordnung Europas. Göttingen 2003, S. 50-59.
  4. Bundesarchiv Berlin (BArch Berlin), RS / F5316.
  5. Stadtarchiv Quickborn (StA Quickborn), Gemeindevertretung Personalien 1898 – 1939.
  6. Pinneberger Tageblatt (PT), 20.08.1919.
  7. Kirchenarchiv Quickborn (KA Quickborn), Bestand 721 kirchliche Statistik.
  8. Friedhofsverwaltung Quickborn, Beerdigungsregister 1899 – 1961.
  9. BArch Berlin, RS / F5316.
  10. Ebd. In seinem Entnazifizierungsverfahren gab er wahrheitswidrig an, von 1932 bis 1940 Mitglied der NSDAP gewesen zu sein und der SA lediglich in den Jahren 1932/33 angehört zu haben. Dem NSKK habe er von 1935 bis 1940 angehört. Landesarchiv Schleswig-Holstein (LASH), Abt. 460.9 Nr. 270.
  11. LASH, 460.9 Nr. 270.
  12. KA Quickborn, Bestand 16 Kirchenaustritte 1928 – 1944.
  13. BArch Berlin, RS / F5316.
  14. Vgl. Paul, Gerhard: Staatlicher Terror und gesellschaftliche Verohung. Die Gestapo in Schleswig-Holstein (IZRG-Schriftenreihe, Bd. 1). Hamburg 1996, S. 104-107.
  15. BArch Berlin, RS / F5316.
  16. Vgl. Benz, Wolfgang; Grand, Hermann; Weiß, Hermann (Hg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. 3. Auflage. Stuttgart 1998, S. 440 f. Himmler äußerte gegenüber den Männern der Einsatzgruppe: „Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 darliegen oder wenn 1000 darliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwäche – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“ Zit. n. Höhne: Der Orden unter dem Totenkopf, S. 335.
  17. BArch Berlin, RS / F5316.
  18. Ebd.
  19. Ebd.
  20. Vgl. Landeswohlfahrtsverband Hessen (Hg.): „Verlegt nach Hadamar“. Die Gechichte einer NS-„Euthanasie“-Anstalt. 4. Auflage. Kassel 2009, S. 11.
  21. BArch Berlin, RS / F5316.
  22. Ebd. Die Erklärung selbst liegt der Akte nicht bei.
  23. Ebd.
  24. Zeitzeugengespräch mit Hans-Dieter Rabing, 02.03.2015.
  25. LASH, Abt. 460.9 Nr. 270.

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