Dr. Edward Ross

10. November 1938
Achtern Felln 10, Hasloh
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Im damaligen Haus Finksheide in der Straße Achtern Felln in Hasloh lebte der Geflügelzüchter Dr. Edward August Ross. Er wurde 1889 in Manchester in England geboren und wuchs in Baden-Baden auf. Sein Vater Henry Ross war Engländer, seine Mutter Elise Ross geborene Herz Deutsche. Beide Elternteile gehörten der evangelisch protestantischen Kirche an, waren aber nach den Nürnberger Rassegesetzen als Juden anzusehen. Insofern galt auch der Protestant Edward Ross für die Nationalsozialisten als jüdisch.

Nach dem Realgymnasium und dem Abitur in Baden-Baden begann Edward Ross in Freiburg und Kiel mit dem Studium der Naturwissenschaften und befasste sich mit den Sachgebieten Zoologie, Botanik und Geologie. Das Studium wurde durch den Ersten Weltkrieg, in dem er als Kriegsfreiwilliger bei der Feldartillerie und der Flak eingesetzt war, unterbrochen. Nach dem Krieg setzte er sein Studium fort und erwarb 1921 in Kiel den Doktorgrad der Naturwissenschaften. Anschließend war er wissenschaftlicher Assistent an der staatlichen Lehranstalt für Geflügelzucht in Cröllwitz bei Halle an der Saale und erwarb schließlich selbst eine eigene Geflügelfarm bei Bordesholm in Schleswig-Holstein, um Zuchtversuche mit Hühnern durchzuführen. 1922 heiratete er, aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor.

Im Jahr 1935 erwarb er in Hasloh ein landwirtschaftliches Grundstück mit dem Haus Finksheide und ließ sich in dem Dorf nieder. Als sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten der Antisemitismus zunehmend zuspitzte, beantragte Edward Ross 1936 die britische Staatszugehörigkeit. Es ist  zu vermuten, dass er dieses tat, um als Ausländer einen gewissen rechtlichen Schutz zu erhalten. Seinen beiden Söhnen Harro und Heinz, die bis 1937 im Pestalozzi-Heim in Hamburg-Ohlstedt die Volksschule besuchten, blieb als „Mischlinge I. Grades“ der Zugang zur Oberrealschule verwehrt. Siewurden auf ein Internat in der sicheren Schweiz geschickt. 1942 brachen sie hier den Schulbesuch ab, da finanzielle Unterstützung aus Deutschland nicht mehr geleistet werden konnte, und emigrierten nach England. Da Edward Ross als „Volljude“ eine Erwerbstätigkeit in seinem Beruf nicht mehr ausüben konnte, war er gezwungen, sein Vermögen aufzubrauchen.1

Edward Ross wurde wie 25.000 bis 30.000 andere männliche Juden am 10. November 1938 infolge der „Vergeltungsaktion“ unmittelbar nach der Reichspogromnacht verhaftet.2 Der Amtsvorsteher der Ortspolizeibehörde Wilhelm Kolz erinnerte sich in der Nachkriegszeit hieran: „Im Jahre 1938 erhielt ich als damaliger Amtsvorsteher des Amtsbezirks Quickborn (Holst.) von meiner vorgesetzten Dienststelle die Anweisung, die in meinem Bezirk ansässigen Juden in Schutzhaft nehmen und zwecks Weiterbeförderung nach Hamburg-Altona verbringen zu lassen.3 In „Schutzhaft“ nahm der Amtsvorsteher Hermann Lichtenstein aus Quickborn-Heide und Edward Ross aus Hasloh. Sie gehörten zu den über 120 Juden, die aus Schleswig-Holstein in das KZ Sachsenhausen verschleppt wurden.4 Der Häftlingsalltag war strapaziös und von Misshandlungen, schwerer körperlicher Arbeit von morgens 6 Uhr bis abends 20 Uhr, ständigen Laufschritt und überfüllten Baracken geprägt. Hier verschlimmerte sich das Bronchialasthma von Ross und hier zog er sich einen schweren Herzmuskelfehler zu.5 Doch während Hermann Lichtenstein bis Ende Februar 1939 im KZ verblieb, konnte Edward Ross am 6. Dezember 1938 seine Entlassung erwirken.6 Als Begründung gab er an, dass er nicht deutscher, sondern englicher Staatsbürger war und konnte dieses auch urkundlich belegen.7

Seine Freiheit währte nicht lange, denn bereits ein Jahr später, nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, wurde Edward Ross als britischer Zivilist und damit Angehöriger eines Feindstaates in Internierungshaft genommen. Das Bemühen seines Anwalts, ihn wegen seines Gesundheitszustandes aus der Haft zu entlassen, blieb erfolglos. Landrat Divgineau schrieb als Reaktion auf den Haftentlassungsantrag am 20.12.1939 zurück: „Dr. Edward Ross ist nicht nur englischer Staatszugehöriger, sondern auch noch Volljude. Ich habe daher keine Veranlassung, Ihren Antrag auf Haftentlassung zu befürworten. Im übrigen bin ich in dieser Frage nicht zuständig.8 In Internierungshaft, wo es im Unterschied zu den Konzentrationslagern keine Misshandlungen und auszehrenden körperlichen Arbeiten gab, war Ross zunächst bei Weissenburg in Bayern, in Tost bei Gleiwitz und schließlich in Kreuzburg in Oberschlesien gefangen. Mitte August 1944 wurde er mit anderen Internierten gegen einen deutschen Staatsangehörigen, der in England interniert war, ausgetauscht. In England war Edward Ross als Gymnasiallehrer für das Fach Biologie tätig und kehrte Mitte 1947 nach Hasloh zurück, wo er seine zweite Frau heiratete.  Hier war er eine Zeit lang Dolmetscher bei der britischen Militärregierung in Hamburg. Edward Ross verstarb 1966 mit 76 Jahren.9

 

Fußnoten

  1. Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg (FZH), Bestand Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen, Ordner Einzelfallakten Ros, Bd. 79.
  2. Vgl. Herbst, Ludolf. Das nationalsozialistische Deutschland 1933 – 1945. Die Entfesselung der Gewalt – Rassismus und Krieg. Darmstadt 1996, S. 212. Stadtarchiv Quickborn (StA Quickborn), Judenakte.
  3. Landesarchiv Schleswig-Holstein (LASH), Abt. 761 Nr. 12817.
  4. Vgl. Goldberg, Bettina: Abseits der Metropolen. Die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein. Neumünster 2011. S. 453 f.
  5. FZH, Bestand Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen, Ordner Einzelfallakten Ros, Bd. 79.
  6. Informationen des Internationalen Suchdienstes (ITS).
  7. StA Quickborn, Judenakte. Anderen Quellen zufolge wurde seine vorzeitige KZ-Entlassung mit seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg als Frontsoldat begründet. FZH, Bestand Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen, Ordner Einzelfallakten Ros, Bd. 79.
  8. FZH, Bestand Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen, Ordner Einzelfallakten Ros, Bd. 79.
  9. FZH, Bestand Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen, Ordner Einzelfallakten Ros, Bd. 79.

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