Das Kalenderblatt: Novemberpogrom 1938 – was geschah im Kreis Pinneberg?

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es im Deutschen Reich zu Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden, die das nationalsozialistische Regime organisierte. Die Pogrome wurden zynisch – und verfälschend – „Reichskristallnacht“ genannt. Dabei ging nicht, wie der Begriff suggeriert, nur das Glas der Fensterscheiben der von Jüdinnen und Juden geführten Ladengeschäfte und von ihnen bewohnten Häuser und Wohnungen zu Bruch. Vielmehr sahen zehntausende Menschen ihre Existenz vernichtet. Bild und Text: Bundesarchiv

Was geschah im Kreis Pinneberg. Einzelne ausgewählte Spuren auf unserer Seite geben Auskunft:

Tornesch: An­zün­den ei­nes als jü­disch gel­ten­des Wo­chen­end­häus­chen im Pas­to­ren­damm durch ört­li­che SA. In der Reichs­po­grom­nacht 1938 zün­de­te u. a. der Orts­grup­pen­lei­ter der NS­DAP, Otto Laus­mann, das Holz­häus­chen von Anna Jacoby, Mutter von vier Kindern, an­. Vie­le Din­ge der In­nen­ein­rich­tung, die Gar­ten­ge­rä­te und die Was­ser­pum­pe wur­den ge­stoh­len. Be­reits im Sep­tem­ber 1937 hat­ten Un­be­kann­te Grund­stück und Häus­chen übel zu­ge­rich­tet. 1939 sah sich Anna Ja­co­by nach den fort­wäh­ren­den Schi­ka­nen zum Ver­kauf der Grund­stü­cke ge­zwun­gen. Hier geht es zur Spur

NS­DAP-Orts­grup­pen­lei­ter Otto Laus­mann war Torneschs Gemeindevorsteher Johannes von Helms un­mit­tel­bar bei­ge­ord­net. Von Helms soll nach Aus­sa­ge der In­ha­be­rin Anna Ja­co­by 1939 den dro­hen­den Zwangs­ver­kauf des Grund­stü­ckes be­güns­tigt ha­ben. Hier geht es zur Spur

Im Zuge der Reichs­po­grom­nacht am 9. No­vem­ber 1938 wer­den die jü­di­schen Ge­sell­schaf­ter und Ge­schäfts­füh­rer der Bren­ne­rei in Tornesch am Be­tre­ten ih­res Wer­kes ge­hin­dert und ver­haf­tet. Hier geht es zur Spur

Quickborn und Hasloh: Verhaftung von Herrmann Lichtenstein und Dr. Edward Ross  Am 10. November 1938 nahm der damalige Quickborner Amtsvorsteher der Ortspolizeibehörde Wilhelm Kolz im Rahmen der Reichspogromnacht Hermann Lichtenstein aus Quickborn-Heide und Dr. Edward Ross aus Hasloh in „Schutz­haft“. Sie ge­hör­ten zu den über 120 Ju­den, die aus Schles­wig-Hol­stein in das KZ Sach­sen­hau­sen ver­schleppt wur­den. Hier geht es zu den Lebensgeschichten von Hermann Lichtenstein und Dr. Edward Ross

Wedel: Jet­ta Hus­mann erfährt Repressalien durch Finanzamt Elmshorn und nimmt sich 1942 das Le­ben. Ne­ben den Er­fah­run­gen ei­ner ent­grenz­ten Ge­walt in der Po­grom­nacht am 9. No­vem­ber 1938, ver­schärf­te sich in der Fol­ge die Po­li­tik des Zu­griffs auf den Be­sitz von Jü­din­nen und Ju­den. Auch Jet­ta „Sara“ Hus­mann muss­te Re­pres­sa­li­en über sich er­ge­hen las­sen. Sie erhielt zum ers­ten Jah­res­tag der No­vem­ber­po­gro­me durch das Fi­nanz­amt Elms­horn die Auf­for­de­rung, ei­nen wei­te­ren An­teil der sog. „Ju­den­ver­mö­gens­ab­ga­be“ zu zah­len. Kurz nach­dem sie im Juli 1942 im Al­ter von 70 Jah­ren den De­por­ta­ti­ons­be­fehl zum Ab­trans­port in ein La­ger be­kam, setz­te sie ih­rem Le­ben am 17.07.1942 ge­gen 21 Uhr Abends in ih­rem Wohn­haus in der Bahn­hof­stra­ße ein Ende, in­dem sie sich er­häng­te. Hier geht es zur Spur

Elmshorn: Zerstörung der Synagoge in der Nacht vom 9. auf den 10. No­vem­ber 1938. In Elms­horn wird das alte SA-Kampf­lied „Hal­lo, die Syn­ago­ge brennt“ grau­sa­me Wirk­lich­keit: SA-Män­ner ha­ben von der nahe ge­le­ge­nen Tank­stel­le Ben­zin zum jü­di­schen Got­tes­haus am Flam­weg ge­schleppt und das Ge­bäu­de in Brand ge­steckt. Erst als das Zer­stö­rungs­werk voll­bracht ist, wird die Feu­er­wehr alar­miert. Die Nationalsozialisten verhaften alle jüdischen Männer über 18 Jahre und verschleppen sie ins KZ Sachsenhausen. Hier geht es zur Spur

Auch Adele Elsa Stoppelmann und ihr 17jährger Sohn Hans Daniel aus der Norderstraße emi­grie­ren noch ei­nen Mo­nat spä­ter – am 12. De­zem­ber 1938 – nach As­sen/​Hol­land. Sie wer­den 1942 in das Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz-Bir­ken­au de­por­tiert und dort ermordet. Hier geht es zur Spur

Al­bert und Heinz Hirsch aus der Lornsenstraße wer­den in der Nacht vom 9. auf den 10. No­vem­ber 1938 ver­haf­tet und in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Sach­sen­hau­sen ver­schleppt. Albert nimmt sich nach einem Deportationsbefehl 1941 das Leben. Hier geht es zur Spur

Im No­vem­ber 1938 ge­hör­te auch Ge­org Ro­sen­berg aus der Kirchenstraße zu den Op­fern der Reichs­po­grom­nacht. Er wur­de ver­haf­tet, in das KZ Sach­sen­hau­sen ver­bracht und am 23. De­zem­ber, wie vie­le an­de­re, aus der Haft ent­las­sen. Er wird fünf Jahre später nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Hier geht es zur Spur

Krupunder See. Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden schon im August 1938. Die schon vor der Pogrome einsetzende Aus­gren­zung der Ju­den be­inhal­te­te ein Ver­bot der Be­nut­zung von Strand­bä­dern. Am Krupun­der See führ­te das am 14.8.1938 zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen, in de­ren Ver­lauf jü­di­sche Ba­de­gäs­te ge­walt­sam ab­trans­por­tiert wur­den. Der Hals­ten­be­ker Bür­ger­meis­ter Al­bert Ernst Kreutz riet dar­auf­hin der Strand­bad­ge­sell­schaft am 20.8.1938, ein Schild mit der Auf­schrift „Ju­den sind nicht er­wünscht” an­zu­brin­gen. Hier geht es zur Spur