Georg Rosenberg

19. Februar 1943
Kirchenstrasse 4, Elmshorn
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Georg Rosenberg führte bis 1926 einen Papiergroßhandel in der Kirchenstraße 4. Dieser war von seinem Vater Alexander Rosenberg im September 1883 als kleines
Ladengeschäft am Markt gegründet worden. Er selbst wurde am 9. Juni 1886 als erster Sohn von Alexander und Amalie Rosenberg in Elmshorn geboren.
Nach seinem Abschluss an der Bismarckschule im Jahre 1902 half er im Betrieb aus. Der Betrieb wurde später von ihm übernommen und im Laufe der Jahre
signifikant vergrößert, sodass ein neues Gebäude in der Kirchenstraße 10 hinzugekauft werden musste.
Am 8. Juni 1909 heiratete Georg die Elmshornerin Gerda Johanna Mendel. Sie entstammte einer der angesehensten jüdischen Familien Elmshorns. Im November
1910 bekamen die beiden ihren Sohn Günter, und im Dezember 1912 folgte die Tochter Edel Ellen. (1)
Im Jahre 1913 wanderte Georgs Bruder Friedrich, auch genannt Fritz, mit der „Graf von Waldersee“ in die USA aus. Sein Vater Alexander bezahlte die 75 US-Dollar für die
Überfahrt, und er gab als Adresse seinen Cousin Jacob in der Nassau Street, New York City an.(2) Der Grund für die Auswanderung ist naturgemäß nicht bekannt, vielleicht war es Abenteuerlust, vielleicht auch nur die Enttäuschung, dass sein Bruder das Geschäft bekam.
Georg und Gerda wurden offensichtlich nicht glücklich. Mit einem Gerichtsurteil des Landesgerichts Altona wurde die Ehe zwischen beiden im Jahre 1920 geschieden.
Gerda durfte den Namen Rosenberg-Mendel weiterführen.(1) Sie zog bald darauf in die Holstenstraße 10 und war dort mit ihrem Sohn Günter gemeldet. Sie arbeitete als
Hand- und Fußpflegerin und Günter als Messe-Steward.(3) Kurz nach der Scheidung nahm sich seine Mutter Amalie Rosenberg das Leben.
Am 8. November 1921 heiratete er die Nichtjüdin Irma S.(1) Zum 40-jährigen Jubiläum seines Geschäfts am 1. September 1923 lobt die Elmshorner Zeitung Georg
Rosenberg; er wird dort als Gönner vieler Elmshorner Einrichtungen in Sport und Kultur und ein Förderer des Elmshorner Theaters genannt. Mit seinem guten
Geschäftssinn und seinen zahlreichen Kontakten ins Ausland konnte er Devisen in die Stadt schaffen, dies wurde von der Elmshorner Zeitung als „praktische
Vaterlandsliebe“ bezeichnet.(4)
Doch wenig später wendete sich für ihn das Blatt, denn die Scheidung und einige Steuervergehen führten schließlich zum Konkurs seines Papiergroßhandels, eine
zweimonatige Gefängnisstrafe wegen Konkursvergehen wurde in eine Bewährungsstrafe umgewandelt.(5) Die Kirchenstraße 4 musste im April 1926 zwangsversteigert werden, (6) und weitere Immobilien wurden verkauft oder vor dem Konkurs an seine Ex-Frau und Kinder überschrieben.(7) Mit seiner zweiten Frau Irma zog er dann in die Peterstraße 28, dort
betrieb sie einen Handarbeitsladen, in dem er ihr aushalf. Bei der großen Boykott-Aktion der Nationalsozialisten am 1. April 1933 wurde auch Irmas Laden in der Königstraße
von SA-Posten belagert und als jüdisches Geschäft gebrandmarkt. Nach der „freiwilligen“ Schließung ihres Ladens zogen die SA-Posten ab.(8)
Georg arbeitete nach seinem Konkurs auch als Reisevertreter für eine Elmshorner Margarinefabrik und reiste 1936 geschäftlich wie früher nach Wyk auf Föhr. Er wohnte wie
immer im Strandhotel. Dort wurde er von einem SA-Mann, dem Sohn der Eigentümerin Frau P. und einem Bekannten des Herrn P. aus dem Hotel geprügelt und
beschimpft. Bei der Polizei warfen ihm Herr P. und der Bekannte vor, den dortigen Kolonialwarenhändler betrogen zu haben, wofür es aber keinerlei Beweise gab.
Georg war bereit, die Anzeige zurückzuziehen, wenn die Täter an die Winterhilfe spenden würden. Das Verfahren wurde von der Flensburger Staatsanwaltschaft wenige Tage
nach Erhalt des Polizeilichen Führungszeugnisses Georg Rosenbergs eingestellt. Die Elmshorner Polizei schreibt im Dezember 1936:

„Der Kaufmann Georg Rosenberg, geboren am 9. Juni 1886 in Elmshorn, wohnhaft in Elmshorn, Peterstraße Nr. 28, ist Jude. […] Der Ruf des Rosenberg ist kein
guter. Wie bereits oben erwähnt, ist er wegen Konkursvergehen und Betruges vorbestraft. Im Laufe dieses Jahres liefen hier mehrere Anzeigen gegen seine Ehefrau, die
Inhaberin des Stickereigeschäfts ist, durch. Der Frau wurde Untreue und Betrug zum Nachteil ihrer Lieferanten zur Last gelegt. Der Hauptbetreiber dieser Handlungen dürfte
aber der Ehemann gewesen sein. […] Im Übrigen kann gesagt werden, daß man es bei Rosenberg mit einem typischen Juden mit typisch jüdischem Charakter und
Einstellung zu tun hat.“ (5) Georg versuchte jetzt irgendwie durchzukommen, nachdem er seinen „Arierschutz“ nach der Trennung von seiner Frau Irma irgendwann nach 1936
verloren hatte. Er wandte sich an die jüdische Gemeinde in Elmshorn und bekam Zuflucht bei den Oppenheims. Er versteckte sich auf deren Dachboden bis zur Flucht der
Oppenheims im Februar 1939.(13) Zu diesem Zeitpunkt musste die jüdische Bevölkerung all ihre Besitztümer abgeben, sodass sie nur noch ihren Hausrat besaß
und einen kleinen Zins ihres ehemaligen Vermögens. Wie gefährlich es war, nicht all sein Geld abzugeben, bekam Georg im Juli 1939 am eigenen Leib zu spüren.
„Festgenommen wurde am Montag, dem 24. Juli, der frühere Kaufmann, der Jude Georg Rosenberg. Er lebte in der letzten Zeit von Unterstützungen der jüdischen
Gemeinschaftshilfe und versuchte, bei Behörden Hilfe in seiner angeblichen „Notlage“ zu finden. Es wurden bei seiner Festnahme 452,16 RM bei ihm vorgefunden.
Diese Summe hatte Rosenberg nach jüdisch-devisenschieberischer Weise in dem Futter seiner rechten Hosenklappe versteckt.
Die Gestapo wird sich jetzt wieder einmal mit ihm beschäftigen.“ (9)
Er wurde der Gestapo übergeben, und am 19. Februar 1943 von Berlin nach Auschwitz deportiert.(10) Er ist in den Opferlisten von Yad Vashem geführt, sein genaueres
Schicksal und der genaue Todeszeitpunkt bleibt wohl für immer unbekannt.
1937 zog Gerda Rosenberg-Mendel nach Hamburg. Ihre Tochter Edel Ellen war schon 1935 nach Liverpool, England, geflohen und zog nach der Flucht Gerdas 1939 mit ihr
nach Romford/Essex, ein heutiger StadtteilLondons. Edel Ellen erhielt 1947 die britische Staatsbürgerschaft. Der Verbleib des Sohnes Günter ist ungeklärt. (7)
Der Bruder Friedrich Rosenberg starb im Jahr 1975 in San Antonio, Texas, USA.(12) In dem Stadtteil von San Antonio, in dem er zum Zeitpunkt seines Todes lebte, wohnen
auch heute mehrere Rosenbergs. Das Grab der Eltern von Georg und Friedrich Rosenberg ist heute noch auf dem jüdischen Friedhof in Elmshorn zu finden. Es liegt von
der Feldstraße aus gesehen auf der linken Seite der Friedhofshalle.
Quellen:
(1) Meldekarten, Elmshorner Stadtarchiv
(2) Ellis Island, Einwanderungsunterlagen
(3) Elmshorner Adressbuch 1934, Elmshorner Stadtarchiv
(4) Elmshorner Zeitung, 31. August 1923
(5) Landesarchiv Schleswig-Holstein 354 – 2256
(6) altes Grundbuch Elmshorn, Band 18, Blatt 894
(7) Landesarchiv Schleswig-Holstein 510 – 3331
(8) Elmshorner Nachrichten,1. April 1933;  Kirschninck, Harald: Juden in Elmshorn. Teil 1. Diskriminierung.Verfolgung. Vernichtung. in: Stadt Elmshorn (Hrsg.): Beiträge zur Elmshorner Geschichte. Band 9. Elmshorn 1996.
(9) Elmshorner Nachrichten, 25. Juni 1939
(10) Archiv Auschwitz, Deportationsliste vom 19. Februar 1943 von Berlin nach Auschwitz
(11) Landesarchiv Schleswig-Holstein 761 – 14282 und Jewish Refugee Committee Archiv
(12) Ancestry.com
(13) Information von Harald Kirschninck, Verfasser des 9. Bandes der Beiträge zur Elmshorner Geschichte.

Paten für Georg Rosenberg sind Jürgen Wohlenberg und Hans-Joachim Wohlenberg sowie Mark Seeland, Thorben Walter und Anna Zier von der Gesamtschule Elmshorn (KGSE)

Autor: Von Jürgen Wohlenberg, Mark Seeland, Thorben Walter und Anna Zier

 

Literatur:

Kirschninck, Harald: Die Geschichte der Juden in Elmshorn. 1685-1918. Band 1. Norderstedt 2005.

Kirschninck, Harald: Die Geschichte der Juden in Elmshorn. 1918-1945. Band 2. Norderstedt 2005.

Kirschninck, Harald: Juden in Elmshorn. Teil 1. Diskriminierung.Verfolgung. Vernichtung. in: Stadt Elmshorn (Hrsg.):

Beiträge zur Elmshorner Geschichte. Band 9. Elmshorn 1996.

Kirschninck, Harald: Juden in Elmshorn. Teil 2. Isolierung. Assimilierung. Emanzipation. in: Stadt Elmshorn (Hrsg.):

Beiträge zur Elmshorner Geschichte. Band 12. Elmshorn 1999.

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