Stadtrundfahrt zu Stolpersteinen und der Geschichte des antifaschistischen Widerstandes in Elmshorn

10 Haltepunkte | ca. Die Rundfahrt hat eine länge von 5,5 Kilometer

»Ausgangspunkt der Rundfahrt ist die Gedenktafel zur Selbstbefreiung der Stadt Elmshorn vor der Skt. Nikolai-Kirche am Alten Markt. Die Rundfahrt ist als Fahrradtour konzipiert.«

Die Rundfahrt beginnt an der Gedenktafel zur Selbstbefreiung der Stadt Elmshorn im Mai 1945 vor der Skt. Nikolai-Kirche am Alten Markt. Sie führt über das Torhaus, wo Stolpersteine für die Sinti und Roma Familie Winterstein sowie den Zeugen Jehova Christian Carl Wulff gelegt wurden. Die Rundfahrt verläuft weiter auf der Ollnstraße, einer Straße des Widerstandes gegen den aufkommenden Faschismus zum Reinhold-Jürgensen-Platz. Von dort geht es zum Hogenkamp 7, dem Stolperstein des Arbeitersportlers Max Maack. Sie führt dann über die Ansgarstraße und den Steindamm zum Langeloher Hof. Hier erinnern wir an das Todesurteil gegen den polnischen Zwangsarbeiter Stanislaus Pade. Die Tour verläuft über den Mühlendamm zur Kreuzung Friedensallee/Kaltenweide. Hier liegt ein Gedenkstein für ein Opfer der jüdischen Gemeinde: Alfred Oppenheim. Von hier aus über den Bauerweg durch die Bahnunterführung zur Norderstraße 28 zu den Stolpersteinen von Hans-Daniel und seiner Mutter Adele Elsa Stoppelmann. Zwei weiteren Opfern der jüdischen Gemeinde. Von hier führt die Tour über die Gärtnerstraße in die Kirchenstraße. In dieser Straße liegen drei Stolpersteine: Kirchenstaße 51 – Richard Jürgensen, politischer Leiter der Roten Hilfe und Bruder des ermordeten Reinhold Jürgensen (ehem. Reichstagsabgeordneter der KPD). Kirchenstraße 40 – John Hasenberg, Sohn des jüdischen Ehepaares Henny und Julius Hasenberg. Am Ende, in der Kirchenstraße 4, liegt der Gedenkstein für den jüdischen Kaufmann Georg Rosenberg. Die Tour führt dann in die Peterstraße 4 zu dem Gedenkstein von Erich Krämer, einem ehemaligen KPD-Mitglied. Die Tour endet am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Elmshorner Rathaus.

Ein Hinweis zu “Stadtrundfahrt zu Stolpersteinen und der Geschichte des antifaschistischen Widerstandes in Elmshorn”

  1. maack sagt:

    Suche Familie Maack Und Baucke

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AStolpersteine für die Sinti und Roma Familie Winterstein

Das kurze Leben von Benno Bengalo Winterstein begann am 14. September 1932 in Elmshorn. Er wohnte mit seinen Eltern Gerson und Marie und der etwa eineinhalb Jahre älteren Schwester Esther Marga in der Königstraße 51. Dieses Grundstück ist heute unbebaut , es liegt nicht direkt an der Königstraße, sondern zwischen dem Torhaus und dem Propstendamm an der Verlängerung des von Alteingesessenen „Streckers Gang“ genannnten Fußwegs. Hier hatte  zuvor die Familie Strecker eine Lederfabrik gehabt. Nach dem Elmshorner Adressbuch von 1934 wohnten dort außer Mitgliedern der  Fabrikantenfamilie noch 22 Mietparteien. Vermutlich waren in dem stillgelegten Fabrikgebäude einfache Wohnungen entstanden, deren Bewohner sich mit den Streckers die Adresse teilten. 

Bennos Eltern  hatten 1930 geheiratet, der Heiratseintrag beim Standesamt Elmshorn gibt als Beruf bei Gerson „Händler“, bei Marie „Arbeiterin“ an. Bei der Geburt der Kinder ist die Berufsbezeichnung für den Vater „Arbeiter“. 

Gerson Winterstein war Sinto. – Als Sinti  oder Roma bezeichnet man eine aus Indien stammende, seit dem Mittelalter in Europa lebende Minderheit mit einer eigenen Sprache und kulturellen Besonderheiten.  In Deutschland hat sich für die Menschen, deren Vorfahren seit langem in Deutschland ansässig waren, die Bezeichnung „Sinti“ durchgesetzt. Den von der übrigen Bevölkerung  früher verwendeten Begriff „Zigeuner“ lehnen die meisten Sinti und Roma als diskriminierend ab.  

In Deutschland sind Sinti seit Ende des 14. Jahrhunderts nachweisbar. Sie waren fast von Anfang an massiver Verfolgung ausgesetzt, wurden für vogelfrei erklärt, enteignet und außer Landes getrieben.   Durch Sprachverbote, Zwangsehen mit Nicht-“Zigeunern“ und Wegnahme der Kinder sollten sie zur Assimilation an die Mehrheitsbevölkerung gezwungen werden. Die reisende Lebensform, an die sie gewöhnt waren, erleichterte ihnen die Flucht und damit das Überleben. Entgegen dem Klischee sind heute die meisten Sinti und Roma  sesshaft. 

In welchem Umfang Sinti-Bräuche in der Familie Winterstein gepflegt wurden, wissen wir nicht. Dass die Mutter Marie „deutschblütig“ war, wie es in einem Schreiben der Elmshorner Polizei aus dem Jahr 1936 heißt, spricht eher dagegen. 

Schon bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden  viele Sinti und Roma aus  Deutschland  und später auch aus Österreich in Konzentrationslager verschleppt. Im Herbst 1938 begann in der Verantwortung des „Reichsführers SS und Chefs der deutschen Polizei“ Heinrich Himmler die zentrale Erfassung dieser Minderheit mit dem Ziel ihrer Vernichtung. Von den 40 000 durch die Nationalsozialisten registrierten deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden 25 000 ermordet, vor allem  durch Vergasung, aber z. B. auch durch medizinische Experimente. In den im Krieg besetzten Gebieten wurden nach Schätzungen weitere 500 000 Menschen umgebracht – durch Massenerschießungen oder durch Vergasung in den Vernichtungslagern. 

Nach dem erwähnten Schreiben der Elmshorner Polizei, in dem diese der Landeskriminalpolizeistelle  in Altona Bericht über die in Elmshorn lebenden „Zigeuner“ erstattete, wurde Gerson Winterstein schon 1934 für einige Zeit „einem Konzentrationslager zugeführt“, allerdings nicht aus rassistischen Gründen, sondern „wegen kommunistischer Umtriebe“. Das Schreiben endet mit dem Satz „Winterstein ist als Volksschädling übelster Art zu bezeichnen, für den es angebracht wäre, aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen und in Dauerverwahrung genommen zu werden.“  Gerson Winterstein gehörte möglicherweise zu den insgesamt 1238 norddeutschen Sinti und Roma, die in den Jahren 1940 und 1943 von Hamburg aus in die Konzentrationslager Belzec  bzw. Auschwitz verschleppt wurden. 

Spätestens seit dem Jahr 1943 lebten Benno und seine Schwester Marga im städtischen Kinderheim am Sandberg. Mit Hilfe des Stadtarchivs und des Vereins für Familienkunde  ist die Arbeitsgemeinschaft „Stolpersteine für Elmshorn“ in den Besitz eines Gruppenfotos gelangt, das Benno zusammen mit etwa 40 Elmshorner Jungen und einigen Erwachsenen zeigt, die von Mai bis Dezember 1943 zur „Kinderlandverschickung“ (KLV) in Helbigsdorf in Sachsen waren.  Dass Benno mitfahren durfte, war nicht selbstverständlich, denn die  KLV wurde weitgehend von der Hitlerjugend organisiert und Benno war nach den rassistischen Vorstellungen der Nazis als „Zigeunermischling“ noch weniger wert als ein „reinblütiger Zigeuner“. – Die Elmshorner Senioren Georg Wilhelm Kröger und Uwe Modrow, die auch in Helbigsdorf waren, erinnern sich an Benno als einen lebhaften Jungen, der sich gern an allen Unternehmungen beteiligte und gelegentlich auch besondere Aufgaben von den Erwachsenen übertragen bekam. Uwe Modrow, der Benno schon aus Elmshorn kannte, schrieb damals an seine Mutter: „Benno Winterstein,das ist einer aus Elmshorn aus dem Pflegeheim,…..ist jetzt in Mulda. Er soll zwei bestellte Liegestühle abholen für die Fußkranken“. 

Am 21. April 1944 wurden der 11jährige Benno und seine 13jährige Schwester in Auschwitz eingeliefert. Sie waren mit 24 anderen Sinti, hauptsächlich Kindern und Jugendlichen, von Hamburg aus deportiert worden. Benno bekam die Häftlingsnummer

Z 9798 in den Unterarm tätowiert. Weitere Einzelheiten sind über sein Schicksal nicht bekannt, aber nach allem was über die Zustände im „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau bekannt ist, muss man davon ausgehen, dass er nicht zu den wenigen Überlebenden gehört. 

Die Schwester Esther Marga hat nicht nur Auschwitz, sondern auch die Konzentrationslager Ravensbrück, Mauthausen und Bergen-Belsen überlebt und ist im Sommer 1945 vom Roten Kreuz nach Schweden evakuiert worden. 

Gisela Hansen

Patenschaft für den Stein von Benno Bengalo Winterstein: Magdalene und Götz Springorum

Redebeitäge von Schülerinnen der Elsa-Brandström-Schule zur Stolpersteinverlegung am 3.3.2012 vor dem Torhaus 

Hier entsteht der Gedenkort für die Familie Winterstein, die hier zwischen 1930 und 1944 gelebt hat. Sie waren Mitglieder der Sinti-Gemeinschaft.

 

Die Geschichte der Roma und Sinti in Europa ist eine lange Geschichte der Diskriminierung, Verfolgung, Vertreibung bis hin zur Vernichtung. Heute repräsentieren sie die größte europäische Minderheit. Ihre Zahl ist auf etwa 12 Millionen angewachsen und zu 90% sind sie sesshaft. Aber noch immer stehen sie am Rande der Gesellschaft. Im Jahr 2010 wurde die Hälfte von ihnen durchschnittlich 11mal Opfer von Diskriminierung aufgrund ethnischer oder solcher Gründe, die immigrationsbedingt in den jeweiligen Ländern üblich sind. In Ungarn und Rumänien ist Gewalt gegen sie aktuell gerade auf dem Höhepunkt. Auch in Berlin, wohin viele aus Rumänien oder Bulgarien hingezogen sind, sind sie Gegenstand heftiger Debatten. Gut gemeinte

Projekte und Appelle zur Integration der Volksgruppe scheitern regelmäßig.

Sehr spät wurde dies von der nationalen wie europäischen Politik wahrgenommen. Erst 2oo4 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte offiziell die Minderheit anerkannt und ihr Recht auf Nomadentum, obwohl mit einem Verweis auf Artikel 8 und 14 der Menschenrechtskonvention dies früher hätte geklärt werden können.

 

Im April 2011 fand in Cordoba der 2. Europäische Gipfel zur Inklusion, d.h. soziale Eingliederung der Roma statt, doch zur gleichen Zeit praktizierte die französische Regierung die verschleierte Abschiebung der Roma von Frankreich nach Rumänien unter dem Deckmantel der „humanitären Hilfe zur Rückkehr“.

Die bisherigen Anstrengungen zur Situationsverbesserung der Roma/Sinti in Bezug auf Bildung, Arbeit, Gesundheitsleistungen, Unterkunft und soziale Integration bewirkten bedauernswert wenig. Diskriminierung erfolgt von individueller wie staatlicher Seite gleichermaßen.—Sollen Roma/Sinti weiterhin als Sündenböcke für Kriminalität dienen und als schwarze Schafe

Europas bezeichnet werden? So hätte sich leider nichts Wesentliches geändert gegenüber dem Schicksal der Familie Winterstein, Vater Gerson und der Kinder Marga und Benno, an deren letzten gemeinsamen Wohnort wir uns hier versammelt haben.

 

SV-Vertretung der Elsa Brändström Schule

Elmshorn, den 3.3.2012

 

Bei dieser jungen Sinti-Familie wurde ständig nach polizeilich verwertbarem Fehlverhalten gesucht und stetige Repressalien führten gar zur Trennung der Eltern, dem Heimaufenthalt der Kinder sowie ihrer Deportation als „Zigeuner-Mischlinge“. Für Marga begann eine Odyssee durch zahlreiche europäische KZs, die sie unmittelbar überlebte, aber für welchen Preis der

körperlichen und seelischen Schädigung…

Ich hoffe, dass unsere Erinnerungsarbeit dazu führt, dass die Menschen heute schneller fehlerhafte Verhaltensentwicklungen erkennen und mutig handeln.

 

Sinja, 14 Jahre von der EBS Patenschaft für Gerson Winterstein: SV der Elsa-Brandströmschule

Patenschaft für Gerson Winterstein: Schülervertretung der Elsa-Brandström-Schule

Patenschaft für Esther Marga Winterstein: Dr. Ernst-Dieter Rossmann

 

 

BDie Ollnsstraße – eine “Straße des Widerstandes”. Zur Erinnerung an die Prozesse gegen die Antifaschisten Offenborn und andere

Reinhold-Jürgensen-Platz

Auf Beschluss des Kulturausschusses wurde 1986 dieser Platz nach Reinhold Jürgensen benannt. Das dazugehörende Denkmal wurde im Dezember 1988 fertiggestellt und eingeweiht.

Allerdings: Reinhold Jürgensen hatte nicht hier, sondern in der Mordhorststr. 14 in der Nähe gewohnt. Er war von Beruf Elektriker und einer der führenden Persönlichkeiten der Elmshorner KPD. Als Reichstagsabgeordneter war er auch überörtlich bekannt — geradezu prominent.

Schon deshalb gehörte er 1933 zu den ersten Verhafteten. Er wurde in die Konzentrationslager Glückstadt und Kuhlen gesperrt. Nach seiner Freilassung organisierte er den Widerstand der KPD. Am 19. Dezember 1934 wurde er erneut von der Gestapo hier in Elmshorn verhaftet. Am 20. Dezember 1934 war er bereits tot. Gestorben wenige Stunden nach seiner Einlieferung in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel — nach schweren Misshandlungen. 36 Jahre war er alt.

 

Die Ollnsstraße – eine Straße des Widerstandes

Aus folgenden Häusern wurden Menschen verhaftet, vor Gericht gestellt und 1935/1936 verurteilt: (alle Häuser sind noch erhalten):

Nr. 16 (Walter Druwe)

Nr. 50 (Hermann Schmarbeck)

Nr. 52 (Franz und Willi Wegner)

Nr. 54 (Peter Hasenberg)

Nr. 58 (Adolf und Hans Hachmann)

Nr. 84 (Hinrich Studt)

Nr. 94 (Johannes Offenborn)

Nr. 96 (Bernhard Seidel)

Nr. 98 (Karl Seidel)

Nr. 111 (Theodor Lohmann)

Beispiel Ollnsstraße 54: Peter Hasenberg

Peter Hasenberg, geb. 1887, war von Beruf Maschinenschlosser und sowohl Stadtverordneter als auch Kreistagsabgeordneter der KPD. Am 12. März 1933 wurde er bei den letzten Kommunalwahlen erneut zum Stadtverordneten

gewählt, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits verhaftet war. Aus einem Bericht von Peter Hasenberg :„1933 war ich neun Wochen in Schutzhaft. Am 4. Dezember 1934 wurde ich von der Gestapo Hamburg wegen Vorbereitung zum Hochverrat verhaftet und in das KZ Fuhlsbüttel eingeliefert. Anschließend kam ich ins KZ Esterwegen. Am 6. Januar 1936 wurde ich vom Kammergericht Berlin zu einer Gefängnisstrafe von 2 Jahren verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe in Neumünster wurde ich von der Gestapo Neumünster verhaftet und blieb

anschließend dort selbst 9 Wochen in Schutzhaft. Im August 1944 wurde ich erneut festgenommen und verblieb 5 Wochen im KZ Neuengamme.”

Nach Kriegsende wurde Peter Hasenberg zunächst von der britischen Militärregierung in die neue Elmshorner Gemeindevertretung berufen. Bei den ersten freien Gemeinderatswahlen am 15. September 1946 wurde er als Kandidat der KPD in die Gemeindevertretung gewählt.

Beispiel Ollnsstraße 58: Hans Hachmann

KPD-Mitglied seit1920; in der Roten Hilfe seit 1929; RGO seit 1931.

1926-1928 Mitglied des „Intern. Bundes der Opfer der Arbeit und des Krieges”

Als die Nazis am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, begann Hans Hachmann, „illegal zu leben”. Das heißt, dass er sich bei politischen Freunden versteckte. Er war so genannter Org-Leiter der KPD Elmshorn, Organisationsleiter, und damit zweitwichtigster Funktionär. An der Spitze der KPD stand der sogenannte Pol-Leiter, der politische Leiter. Das war Anfang 1933 Reinhold Jürgensen und nach dessen Verhaftung Johannes Offenborn.

Bereits am 28. April 1933 wurde Hans Hachmann verhaftet, sein Nachfolger wurde dann Heinrich Duscheck, später Ernst Rathje. Über ein Jahr war er in Haft, bis er am 22. Juni 1934 endlich wieder frei kam. Sofort beteiligte er sich wieder am Widerstand.

Aus dem Urteil gegen Hans Hachmann vom Dezember 1935: „Der Angeklagte Hachmann hat sich in äußerst reger Weise für die KPD eingesetzt. Lediglich die Strafhaft vom 28. April 1933 bis 28. Oktober 1933 und die daran anschließende achtmonatige Schutzhaft bis zum 22.Juni 1934 hat ihn daran gehindert, auch während dieser Zeit eine führende Rolle in der Partei zu spielen…

Hachmann hat in der Hauptverhandlung die Sachlage so darstellen wollen, als wenn er nur auf Anweisung von dritter Stelle gehandelt habe und behauptet, dass er die Organisation der Druckschriftenherstellung bzw. Verbreitung nicht aufgezogen habe. Es kann dahingestellt bleiben, ob Hachmann selbst organisiert hat. Jedenfalls hat er … Anweisungen für die Herstellung der Schriften gegeben, hat er vervielfältigt, hat er den Transport der Schriften geleitet. Hachmann ist nicht Strohmann gewesen. Er ist vielmehr stets in vorderster Linie als Einberufer von Versammlungen, als Redner tätig gewesen. Gewiss hat auch er in der Parteiorganisation Vorgesetzte gehabt, die Anweisungen gaben. Die Ausführung dieser Anweisungen hat er aber selbständig getätigt. Hachmann ist, wie die Hauptverhandlung ergeben hat, wenn auch keine geistig überragende Persönlichkeit so doch ein geistig reger, willensstarker Mensch. Er ist auch heute überzeugter Kommunist und hat trotz wiederholter eingehender Ermahnungen zur rückhaltlosen Wahrheit es nicht über sich gebracht, dem zu folgen, sondern hat nach alter kommunistischer Taktik immer nur das zugegeben, was ihm durch andere Beweismittel nachgewiesen werden konnte. Der verhältnismäßig geringe Tätigkeitsaufwand ist bei ihm kein Zeichen der Geisteshaltung gewesen. Hachmann ist staatsfeindlich eingestellt. Sein Wille ist ein starker gewesen. Er hat erheblich auf seine Genossen eingewirkt und dem Staat Abbruch getan, so und sobald er konnte. Eine erhebliche Zuchthausstrafe ist hier am Platze.”

Hans Hachmann wurde zu einer Zuchthausstrafe von 5 Jahren verurteilt.

Beispiel Ollnsstraße 94: Johannes Offenborn

Johannes Offenborn, geb. 1902, war von Beruf Maschinenbauer. Er gehörte zu den führenden Kräften im Widerstand der KPD. Er hatte bei der Elmshorner Firma Steen und Kaufmann das Dreher- und Maschinenbauhandwerk gelernt, arbeitete aber hauptsächlich in Hamburg in den Betrieben Menck & Hambrock und Hanseatische Motorenfabrik. Aus einem Bericht von ihm:

„Vom 17. Lebensjahr an war ich Mitglied des Deutschen Matallarbeiter­Verbandes, von dem ich im Jahre 1931 ausgeschlossen wurde, wegen meiner oppositionellen Haltung gegenüber der Gewerkschaftsführung. Im Jahre 1930 kandidierte ich bei der Firma Menck & Hambrock in Hamburg zu den Arbeiter-und Betriebsratswahlen. Ich wurde in der ersten Arbeiterratssitzung zum Vorsitzenden gewählt. Im August 1932 wurde ich bei einer Aussperrung als Gemaßregelter wieder eingestellt. Seit dem Jahre 1921 war ich Mitglied der KPD … Ich habe während der Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei diverse Funktionen u.a. als Literaturobmann, als stellvertretender politischer Leiter und während der illegalen Zeit von März 1933 bis zur Verhaftung im Dezember 1934 den Posten des politischen Leiters der Ortsgruppe Elmshorn innegehalten.”

Vom 20. März 1933 bis 2. April 1933 war Johannes Offenborn das erstemal in Haft. Am 4. Dezember 1934 wurde er erneut, diesmal von der Gestapo Hamburg, verhaftet. Er kam in das Hamburger Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Von dort kam Johannes Offenborn im Mai 1935 mit einem Transport von 245 Elmshornern, Barmstedtern und Widerstandskämpfern aus Uetersen in das KZ Esterwegen. Am 13. Dezember 1935 verurteilte ihn das Berliner Kammergericht in der Prozessserie „Offenborn und Andere” zu einer Zuchthausstrafe von 8 Jahren, die er in den Zuchthäusern Fuhlsbüttel, Rendsburg und Oslebshausen bis 1942 verbüßte. Anschließend kam er zurück in das inzwischen in Polizeigefängnis Fuhlsbüttel umbenannte ehemalige Konzentrationslager Fuhlsbüttel und von dort 1944 in das KZ Sachsenhausen. Am 2. Mai 1945 wurde er von alliierten Truppen befreit. Somit hatte er von den zwölf Jahren NS-Diktatur fast 10 1/2 Jahre in Strafanstalten und Konzentrationslagern verbracht.

1945 wurde Johannes Offenborn Mitglied der von der britischen Militärregierung ernannten Gemeindevertretung von Elmshorn.

 

Insgesamt 702 Jahre Haft für Antifaschisten

Der faschistische Terror richtete sich nach der Machtübertragung an die NSDAP in erster Linie gegen die Organi­sationen der Arbeiterbewegung. Bereits bis zum 15. Juli 1934 waren in Elmshorn über 200 Personen wegen „politischer Delikte” verhaftet und zum Teil in Konzentrationslager und Zucht­häuser eingekerkert. Erste Kon­zentrationslager entstanden in Glückstadt und in Rickling bei Neumünster.

Andere Antifa­schisten wurden in die Lager Fuhlsbüttel und Esterwegen im Emsland verschleppt. Die Be­reitschaft zum Widerstand blieb aber bei vielen Mitgliedern der verbotenen Organisationen der Arbeiterbewegung ungebrochen. Trotz Terror und Verfolgung wurde der aktive Widerstand weiter organisiert.

Ende 1934/Anfang 1935 konnte die Gestapo in Elmshorn, Glück­stadt, Barmstedt, Uetersen und umliegenden Dörfern über 300 Antifaschisten der illegalen KPD, RGO, Roten Sporteinheit, Roten Hilfe und des Reichsbanners, Kommunisten, Sozialdemokra­ten und Parteilose, verhaften. 14 dieser verhafteten Widerstands­kämpfer kamen allein aus der Elmshorner Ollnsstraße.

Fast alle wurden in das Ham­burger KZ Fuhlsbüttel (KoLaFu) — danach in das KZ Esterwegen im Emsland verschleppt und wurden im Verlauf der Verneh­mungen misshandelt und gefol­tert. Am 20. Dezember 1934 wurde der KPD-Reichstagsab­geordnete aus Elmshorn, Rein­hold Jürgensen, im KoLaFu von SS-Männern erschlagen. Am 21. Januar 1935 ermordeten SS-Angehö­rige den Elmshorner Max Wriedt (KPD) und am 3. Oktober 1935 erlag Wilhelm Peetz aus Hainholz im KZ Esterwegen seinen Verletzungen aus Folter und Misshandlung.

Im November 1935 wurden 16 Antifaschisten aus Glückstadt und Umgebung zu Gefängnis-und Zuchthausstrafen verurteilt. Im Dezember 1935 wurde in Hamburg vor dem 3. Strafsenat des Kammergerichts Berlin die Prozessserie gegen „Offenborn und andere” eröffnet. 17 Frauen und 252 Männer wurden in 24 Teilprozessen zu insgesamt 661 Jahren 9 Monaten Zuchthaus und 40 Jahren 3 Monate Ge­fängnis verurteilt. Alle verurteilten Antifa­schistinnen und Antifaschisten mussten die verhängte Zeit in den Zuchthäusern Fuhlsbüttel und Rendsburg und im Strafla­ger Aschendorfer Moor in voller Länge absitzen. Viele von ihnen setzten danach den Widerstand fort, waren an der Selbstbefrei­ung in Elmshorn beteiligt und setzten sich nach der Befreiung für einen antifaschistischen, demokratischen Neuanfang ein.

verwendete Literatur: “IV. Prozess in Sachen “Offenborn und andere” Seite 70 bis 92 in: “Die Freiheit lebt! Antifaschistischer Widerstand und Naziterror in Elmshorn und Umgebung”, Fritz Bringmann und Herbert Diercks, Röderberg-Verlag Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-87682-040-5

Rundgang durch Elmshorn am 15. Mai 2004 – Manuskript: Herbert Diercks

 

CMax Maack – Arbeitersportler. Gedemütigt, entrechtet – Flucht in den Tod 1942

Ein Stolperstein für Max Maack –  Arbeitersportler beim AC Einigkeit 

Von Bert C. Biehl    

Diesen Tag hat Günter M. nie vergessen. Wie plötzlich, gegen Mittag, ein großes, schwarzes Auto mit quietschenden Bremsen vor dem kleinen Verkaufspavillon hält. Männer in schwarzen Ledermänteln herausspringen. An ihm vorbeistürmen in den Verkaufsraum. Seinen Onkel abführen. Den Laden schließen. Der 1. April 1942 es ist das letzte Mal, dass der Elfjährige den Onkel lebend sieht. Drei Tage später ist Max Maack tot. Er hat sich in seiner Zelle im Elmshorner Polizeigefängnis erhängt.

Max Maack wurde am 2. September 1897 in Elmshorn geboren. Er war der Sohn von Hinrich Maack, einem der Mitbegründer und Vorsitzenden des 1893 gegründeten AC Einigkeit (ACE).

Als junger Mann musste er am 1. Weltkrieg teilnehmen und büßte an der Front das linke Bein ein. Dem Sport konnte er sich daher nur noch als Funktionär widmen. Es wird angenommen, dass Max Maack von 1919 bis 1930 Vorsitzender des ACE war.

Maack wählte für sich den Beruf des Zigarrenhändlers und betrieb seit 1928 einen Kiosk am sogenannten “Panzerkreuzer”, Ecke Reichen- und Ansgarstraße. Nach der Heirat mit Anne Mohr zog er in das Haus seines Schwagers ähnlichen Nachnamens am Hogenkamp 7. Matthias Maak, von Beruf Mühlenzimmerer in der Schlüter-Mühle, war verheiratet mit Annes Schwester Maria Mohr. Die Familie Maak hatte neun Kinder. Das Haus wurde 1926 gebaut. Hier hatten Max Maack und seine Frau im 1. Stock zwei Zimmer und eine Küche. Ihre Ehe blieb kinderlos.

Sein Neffe Günter beschreibt Max als ruhigen, umgänglichen Menschen, der von 7 bis 19 Uhr in seinem Laden stand, seine Frau als einzige Hilfe. “Er sprach wenig, aber wenn, dann hatte es Hand und Fuß”, erinnert sich Günter M. Nur über Politik sprach er nie. Doch seine Vorliebe für den Kommunismus blieb der Familie nicht verborgen: In seiner kargen Freizeit las Max Maack entsprechende Bücher.

Maack trat 1931 der KPD bei. Mit nach Hause brachte er die Genossen nie, wohl um die Familien nicht zu gefährden, traf sich mit ihnen im Kiosk. Mit Beginn der Kommunistenverfolgung begann jedoch auch die Verwandschaft die Spannung zu spüren. “Wenn dat man goot geiht”, flüsterte man hinter vorgehaltener Hand über das politische Engagement von Max Maack.

Der Laden florierte unterdessen. Maack hatte auch mit der Produktion von Speiseeis begonnen, Neffe Günter belieferte damit Ausflugslokale in der Umgebung. Auch Südfrüchte habe der Onkel sich leisten können, erinnert sich der heute 76-Jährige, und auch ein Auto der Marke Fiat besaß Max Maack.

Ende 1934 ist es mit der Idylle vorbei. Im Zuge der großen Verhaftungswelle im Kreisgebiet wird auch Max Maack als KPD-Mitglied festgenommen. In den “Offenborn”-Prozessen wird er am 29. Januar zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt, die er vermutlich in Rendsburg verbüßt.

Als er 1939 wieder entlassen wird, übernimmt er wieder das Geschäft, das seine Frau in der Zwischenzeit alleine hatte führen müssen. Über seine Haftjahre schweigt er eisern. Doch seither muss er Medikamente nehmen er hatte sich im Knast ein heute nicht mehr bekanntes Leiden zugezogen.

Mittlerweile haben sich die Zeiten geändert. Die Zeichen stehen auf Mangelwirtschaft. Max Maack erweist sich als guter Organisator, der auch nach Kriegsbeginn an Zigaretten und Schokolade herankommt, was ihn zum beliebten Tauschpartner macht.

Maack hat seinen Pavillon wie auch das Gelände dahinter von der Glaserei Horns gepachtet. In einem kleinen Seitenraum hielt er wohl insgeheim ein paar Schweine, sagt sein Neffe heute. Zur damaligen Zeit habe die Familie nichts davon gewusst, auch nichts von dem begehrten Fleisch abbekommen. Heute wird vermutet, dass Maack diese Schweine schwarz geschlachtet hat – in der Nazizeit ein mit Zuchthaus bedrohtes Verbrechen. Das Fleisch könnte er dann gegen Tabakwaren eingetauscht haben. Nach Maacks Verhaftung stellt die Polizei in seiner Wohnung mit Schmalz gefüllte Töpfe sicher, aber auch von Maack gerettete Gerätschaften des 1933 verbotenen AC Einigkeit.

Am 4. April 1942 nimmt sich Maack in seiner Zelle im Elmshorner Polizeigefängnis das Leben. Er hatte sich aus Zeitungsseiten einen Strick gedreht. “Er wusste wohl, was ihm bevorstand und wollte dem entgehen”, sagt sein Neffe heute.

Pate für Max Maack ist Jens Gatzenmeier

hinzugefügt von: R.Arendt 26.05.2012

 

 

DStanislaus Pade, Zwangsarbeiter – hingerichtet am 5. Februar 1943

Stolperstein für Stanislaus Pade vor dem Langeloher Hof

 

Von Christel Patzak    

Der Liste aller nach Elmshorn verschleppten Zwangsarbeiter, die die britische Militärregierung nach dem Kriegsende verlangte, ist zu entnehmen, dass im Laufe des Krieges 2146 Personen in 242 Elmshorner Betrieben Zwangsarbeit leisten mussten. Die Betriebe waren formal nicht gezwungen, Zwangsarbeiter einzusetzen, sondern sie mussten diese beim Arbeitsamt anfordern.

 

Von den 2146 Zwangsarbeitern waren 75 Prozent Männer und 25 Prozent Frauen. Es waren zum großen Teil sehr junge Menschen. Fast die Hälfte aller Zwangsarbeiter, nämlich 45 Prozent, war unter 21 Jahren. Etwa fünf Prozent waren Kinder zwischen elf und 15 Jahren, und 20 Prozent waren zwischen 16 und 18 Jahre alt. Älter als 40 Jahre waren nur zwölf Prozent.

 

Bis jetzt ist bekannt, dass 33 Personen, darunter 14- und 16-jährige Zwangsarbeiter, von den Nazis in Konzentrationslager deportiert wurden. Zwei Polen wurden hingerichtet. Einer von ihnen war Stanislaus Pade.

 

Stanislaus Pade wurde am 29. September 1921 in Posen geboren. Er kommt im März 1940 als 19-Jähriger mit einem der ersten Transporte von Zwangsarbeitern nach Elmshorn, trägt die Ausweisnummer 985. Er schuftet für die Baumschule Gebr. Mohr auf Langelohe und wird in der Gaststätte „Langeloher Hof“, die als Zwangsarbeiterlager eingerichtet wurde, einquartiert. Das Lager hat Platz für zirka 40 Menschen und war laut Schreiben der Stadt Elmshorn vom 4. Dezember 1942 mit zirka 178 Menschen hoffnungslos überfüllt.

Schon 1940, so ergibt die Aktenlage, sind die hygienischen Zustände katastrophal: verstopfte Latrinengräben unter den Fenstern, keine Wasserhähne im Waschraum, die Raumtemperatur –2° im Winter, Flohplage trotz Formalinbegasung.

Aus einem Polizeibericht vom 13. Juni 1940: „ Das Lager Langelohe wird regelmäßig von der Polizei überwacht. Die Polen besitzen kein Nähzeug, um das vorgeschriebene „P“ festzunähen.“

Ein sogenanntes “Polenabzeichen”, das aufgrund der “Polenerlasse” vom 8. März 1940 jeder polnische Zwangsarbeiter in Deutschland tragen musste.

Andererseits steht in der „Polizeiverordnung über die Kenntlichmachung im Reich eingesetzter Zivilarbeiter- und Arbeiterinnen polnischen Volkstums vom 8. März 1940, dass Zuwiderhandlung/ Nichttragen des “P“s eine Geldstrafe bis zu 150,- Reichsmark oder Haft bis zu sechs Wochen zur Folge haben.

Im Juni 1940 stellt Stanislaus Pade, zusammen mit anderen polnischen Zwangsarbeitern, beim Landrat in Pinneberg einen Antrag auf Feststellung der deutschen Volkszugehörigkeit, der ihn bei positivem Entscheid von den harten Bestimmungen für polnische Zwangsarbeiter entbunden hätte. Wie zum Beispiel: Tragen eines aufgenähten „P“, Verbot des Kontaktes mit Deutschen, Verschluss im Lager während der Nachtzeiten. Doch der Antrag wird abschlägig beschieden. Dabei hat Stanislaus Pade offensichtlich deutsche Wurzeln, denn in den Akten im Stadtarchiv Elmshorn gibt es einen handgeschriebenen Brief auf Deutsch in Sütterlinschrift von der Mutter Martha Pade, in dem sie darum bittet, ihren ältesten Sohn Stanislaus zu beurlauben, da sie praktisch allein mit ihren fünf weiteren Kindern auf der Straße sitzt. Mit einem Brief der Stadt Elmshorn vom 27. Mai 1941 wird Martha Pade, Siedlung 32, Guntershausen/Posen, mitgeteilt, dass eine Beurlaubung ihres Sohnes Stanislaus nicht stattfinden könne, da eine allgemeine Urlaubssperre aus verkehrstechnischen Gründen bestehe.

Am 22. Dezember 1942 wird Stanislaus Pade wegen des Handels mit Lebensmittelmarken als „Volksschädling“ vom Sondergericht Kiel zum Tode verurteilt. Mit einem Schreiben an die Stadt Elmshorn teilt die Untersuchungshaftanstalt Hamburg-Stadt mit, dass Stanislaus Pade am 5. Februar 1943 dort hingerichtet worden ist. Der Vollzug des Urteils wurde zur Abschreckung in Langeloher Hof ausgehängt. Stanislaus Pade war gerade 22 Jahre alt geworden.

 Paten für Stanislaus Pade sind

Christel und Dieter Patzak sowie

die Klasse Vc der Bismarckschule mit der Leiterin Christel Welsch und den Schülerinnen und Schülern: Marijim Arabo, Jannike Becker, Niklas Boos, Mirko Hahn, Kim Huckfeldt, Matthias Jochimsen, Chris Jordan, Dilara Mayer, Niko Michalowski, Jana Miosga, Michelle Niewiadomski, Marvin Nowack, Simon Poetzsch, Frederike Preissner, Frederic Schattauer, Vanessa Schattauer, Frederik Schmidt, Katharina Schröder, Lasse Steinberg, Julia Till, Katrin Topko, Freia Westphalen, Anna Zatzkowski

eingestellt von Rudi Arendt

 veröffentlicht unter: www.stolpersteine-elmshorn.de

EAlfred Oppenheim

Alfred Oppenheim wurde am 13.Mai 1897 als Sohn des Kaufmanns und Lederfabrikanten Julius Oppenheim und dessen Frau Emma Oppenheim, geb. Sternberg, verwitwete Jülich in Elmshorn geboren. Er war ein Enkel des in Schleswig-Holstein sehr bekannten Selig-Nathan Oppenheim, der im Krieg von 1848/51 die Goldene Medaille bekam, die ausser ihm nur noch vier andere Personen erhielten. Zu dessen goldener Hochzeit erschienen 1902 u.a. auch der Regierungspräsident von Schleswig-Holstein. Alfred Oppenheim wohnte hier in der Kaltenweide 3. Er wurde wie sein Vater Julius ein Kaufmann und nahm am I. Weltkrieg teil. Sein Name steht auf der Gedenktafel der jüdischen Teilnehmer vom Ersten Weltkrieg in der Bismarckschule Elmshorn. Er wurde in Elmshorn der „Baron von Oppenheim“ genannt und war ein „schwarzes Schaf der Familie“. Er heiratete 1926 Dolly Shuhoke, die schon 1931 in Elmshorn verstarb. 1942 verhaftete man Alfred Oppenheim und brachte ihn in das Gestapo-Gefängnis, das Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Dort starb er am 6.4.1943.

Das KL Fuhlsbüttel, auch Kola-Fu genannt, wurde ab März 1933 auf dem Geländekomplex der Strafanstalt Fuhlsbüttel in Hamburg errichtet und bestand bis zum Ende des Nationalsozialismus im April 1945. Ab dem 4.September 1933 wurde es der SS-Bewachung unterstellt und offiziell zum KZ erklärt.  Mitte 1936 ordnete Heinrich Himmler die Umbenennung zum Polizeigefängnis an. Es stand unter der Verwaltung der Gestapo. Unter diesem Namen firmierte es bis April 1945.

 Patenschaft für den Stein für Alfred Oppenheim: Harald Kirschninck

Autor: Harald Kirschninck

Literatur:

Kirschninck, Harald: Die Geschichte der Juden in Elmshorn. 1685-1918. Band 1. Norderstedt 2005.

Kirschninck, Harald: Die Geschichte der Juden in Elmshorn. 1918-1945. Band 2. Norderstedt 2005.

Kirschninck, Harald: Juden in Elmshorn. Teil 1. Diskriminierung.Verfolgung. Vernichtung. in: Stadt Elmshorn (Hrsg.):

Beiträge zur Elmshorner Geschichte. Band 9. Elmshorn 1996.

Kirschninck, Harald: Juden in Elmshorn. Teil 2. Isolierung. Assimilierung. Emanzipation. in: Stadt Elmshorn (Hrsg.):

Beiträge zur Elmshorner Geschichte. Band 12. Elmshorn 1999.

FAdele Elsa Stoppelmann

Erinnert werden soll hier an die Familie Stoppelmann. An die Mutter, Adele-Elsa und an Hans Daniel, jüngster Sohn dieser fünfköpfigen Elmshorner Familie, die dem jüdischen
Glauben angehörte. Geboren am 30. Oktober 1912, lebte er zusammen mit seinen beiden Brüdern Richard (geboren am 22. Februar 1910) und Max Heinz (geboren
am 24. Januar 1908) sowie seinen Eltern.
Die Eltern, Vater Julius Stoppelmann, geboren 1874 im holländischen Belingwolde und Mutter Adele Elsa, geb. Vogel, bewohnten anfangs mit ihren Kindern ein Haus in der
Gärtnerstraße. Hans Daniel Stoppelmann ging, so ein Zeugnis aus dem Jahre 1927, auf die nahe gelegene Bismarckschule. Sie wurde derzeit als „städtisches Realgymnasium mit
Realschule“ geführt. In einer Schulklasse (eine U-IIa) dieses Jahrganges, das belegt dieses Dokument, lernten zwischen 34 und 38 Schülerinnen und Schüler in einem
Raum. Sein Bruder Max-Heinz hatte zu dem Zeitpunkt schon seine achtjährige Schulzeit an der Bismarckschule (1917 bis 1925) absolviert.
Auch die Familie Stoppelmann geriet zusehends in die Ausgrenzungs- und Vernichtungsmaschinerie der Nazis. Die Familie zog noch um. Von der
Gärtnerstraße in die heutige Norderstraße, damals Schlageterstraße, in das Haus Nr. 28. Sie wohnte damit unweit des Parteilokals der NSDAP, Stüben und des Café Koch. Hier
kamen regelmäßig dienstags die örtlichen Schläger von SA und SS zusammen.
Im Jahr 1936 starb der Vater im Alter von 62 Jahren an Herzversagen. Er war in seinem Leben Viehhändler gewesen. Seine Arbeitsstätte befand sich am Flamweg 7.
Julius Stoppelmann gehörte noch zur Generation der Teilnehmer des 1. Weltkrieges. Mit ihm verlor die jüdische Gemeinde einen aktiven Gläubigen – er fungierte
als Deputierter der Elmshorner Glaubensgemeinschaft in den Jahren 1929 bis 1932 – und Elmshorn verlor ein Mitglied und einen Ehrenförderer der Elmshorner
Männer- und Turnvereinigung (EMTV).
Der Tod des Vaters bedeutet einen tiefen Einschnitt für die übrige Familie. Die „Arisierung“ von Mietgrundstück, Stallgebäude und Weidegrund durch die Nazis
raubte ihnen die Existenzgrundlage. Und dann kommt die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938.
In Elmshorn wird das alte SA-Kampflied „Hallo, die Synagoge brennt“ grausame Wirklichkeit: SA-Männer haben von der nahe gelegenen Tankstelle Benzin zum jüdischen
Gotteshaus am Flamweg geschleppt und das Gebäude in Brand gesteckt. Erst als das Zerstörungswerk vollbracht ist, wird die Feuerwehr alarmiert.
Die Mutter und ihre Söhne (Hans Daniel war zwischenzeitlich auch in Kiel gemeldet) emigrieren noch einen Monat später – am 12. Dezember 1938 – nach Assen/Holland, wohl
zu Verwandten des verstorbenen Vaters.
Hans Daniel Stoppelmann und seine Mutter, Adele Elsa Stoppelmann, werden 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Mutter wird kurz nach der
Ankunft am 26.10.1942 dort ermordet. Für das Ende in der Gaskammer gibt es keine persönlichen Zeichen. Durch Nachforschungen vor Ort in der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem ist auch das Todesdatum von Hans Daniel Stoppelmann bekannt. Es ist der 30.6.1944.
Dennoch gab es Überlebende der Familie Stoppelmann. Richard Stoppelmann emigrierte am 22.10.1939 mit dem Schiff „Statendam“ von Rotterdam nach New York.
Ziel der zehntägigen Überfahrt: die 1440 4th Str. Des Moines in Iowa/USA, die Wohnung des zuvor schon emigrierten Bruders Max- Heinz.
:
Quellen für Hans-Daniel und Adele Elsa Stoppelmann
G. Paul/M. Gillis Carlebach: Menora und Hakenkreuz zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein, Lübeck und Altona, Seite 713;

Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der NS-Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 bis 1945, Bundesarchiv Koblenz 1986 und

Stadtarchiv Elmshorn,

Schularchiv der Bismarckschule,

H.Diercks/F.Bringmann, „Die Freiheit lebt“, Seite 24,

Gedenkstätte Yad Vashem/Israel,

Liste von Opfern aus den Niederlanden,

Erich Koch/Schleswig,
Center of Research on Dutch Jewry,

Harald Kirschninck/Elmshorn.
Patin für Hans-Daniel Stoppelmann ist die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Elmshorn
Patin für Adele-Elsa Stoppelmann ist die Jüdische Gemeinde Elmshorn

Autoren: Von Rudi Arendt und Maren Josephi

Bearbeitet durch: Harald Kirschninck

 

Weitergehende Literatur:

Literatur:

Kirschninck, Harald: Die Geschichte der Juden in Elmshorn. 1685-1918. Band 1. Norderstedt 2005.

Kirschninck, Harald: Die Geschichte der Juden in Elmshorn. 1918-1945. Band 2. Norderstedt 2005.

Kirschninck, Harald: Juden in Elmshorn. Teil 1. Diskriminierung.Verfolgung. Vernichtung. in: Stadt Elmshorn (Hrsg.):

Beiträge zur Elmshorner Geschichte. Band 9. Elmshorn 1996.

Kirschninck, Harald: Juden in Elmshorn. Teil 2. Isolierung. Assimilierung. Emanzipation. in: Stadt Elmshorn (Hrsg.):

Beiträge zur Elmshorner Geschichte. Band 12. Elmshorn 1999.

GRichard Jürgensen – von zwölf Jahren faschistischer Terrorherrschaft zehneinhalb Jahre in Konzentrationslagern und Gefängnissen

Richard Jürgensen wurde am 25. Mai 1901 geboren. Er war von Beruf Schneidergeselle und ein Bruder des Elmshorner Reichstagsabgeordneten Reinhold Jürgensen (KPD).

Richard Jürgensen trat im Jahre 1927 der KPD und der „Roten Hilfe“ (1) bei. 1931 wurde er zum politischen Leiter der „Roten Hilfe” in Elmshorn gewählt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Organisation 159 zahlende Mitglieder. Unter der Führung von Richard Jürgensen erhöhte sich der Mitgliederbestand sehr schnell auf 518 Personen. Als Nebenorganisation der KPD und gleichzeitig als bedeutende Massenorganisation in der Arbeiterbewegung wurde die „Rote Hilfe“ im März 1933 durch die NS-Machthaber verboten.

Trotz der nun sehr erschwerten Bedingungen und unter permanenter persönlicher Gefahr arbeitete Richard Jürgensen in der Illegalität weiter und konnte ungefähr 170 Mitglieder dazu bewegen, weiterhin Beiträge (2) für die Organisation zu zahlen. „Solidarität“, die Zeitung der RHD, wurde unter seiner Verantwortung trotz der Illegalität weiter vertrieben.

Am 15. März 1933 wurde Richard Jürgensen von der Gestapo verhaftet und blieb bis zum 1. April in „Schutzhaft“. Danach kam er bis Ende April ins Krankenhaus. Im September hatte er die Führung der „Roten Hilfe” wieder übernommen. Im Rahmen der Elmshorner Verhaftungswelle im Herbst 1934 wurde Richard Jürgensen am 29. 0ktober zusammen mit seiner Ehefrau Frieda und drei weiteren Mitgliedern der illegalen KPD erneut von der Gestapo verhaftet, bis zum 27. August 1935 in so genannter Schutzhaft eingekerkert und war dann bis zum Beginn des Offenborn-Prozesses A in Untersuchungshaft.

Im Offenborn-Prozess wurde er am 13. Dezember zu acht Jahren Zuchthaus und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von zehn Jahren verurteilt.

Nach Verbüßung der achtjährigen Zuchthausstrafe im Jahre 1942 wurde Richard Jürgensen nicht entlassen, sondern kam als “Schutzhäftling” wieder in ein Konzentrationslager.

Von den zwölf Jahren faschistischer Terrorherrschaft verbrachte Richard Jürgensen zehneinhalb Jahre in ihren Konzentrationslagern und Zuchthäusern. Er starb am 22. März 1945 im „Arbeitserziehungslager“ der Gestapo in Hamburg-Wilhelmsburg durch einen Bombenangriff.

Anmerkungen:

1) Im April 1921 entstanden als Folge der politischen Repressionen nach den Märzkämpfen Rote-Hilfe-Komitees. Am 1. Oktober 1924 wurde die „Rote Hilfe Deutschland” (RHD) gegründet.

Ihr erster Vorsitzender war der spätere erste und einzige Präsident der DDR, Wilhelm Pieck. Ab 1925 übernahm Clara Zetkin die RHD-Leitung. Nach dem Tod Julian Marchlewskis im selben Jahr leitete sie auch die Internationale Roten Hilfe.

Anfangs war die Organisation mit der Kampagne „Rote Hilfe für Opfer des Krieges und der Arbeit” für den Internationalen Bund der Opfer des Krieges und der Arbeit aktiv. Der Schwerpunkt der Arbeit lag jedoch auf der Unterstützung der inhaftierten Mitglieder des Rotfrontkämpferbundes, der KPD, der SAP, KAP, Gewerkschaftern wie auch Parteilosen und deren Angehörigen. Die RHD wurde von prominenten Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern wie Käthe Kollwitz, Heinrich Mann, Kurt Tucholsky und Albert Einstein unterstützt.

 

Zum Zeitpunkt ihres Verbots im März 1933 hatte die RHD 530.000 Mitglieder, von denen 119.000 der KPD und 15.000 der SPD angehörten.

 

2) Erwerbslose und Frauen bezahlten 0,10 RM und Erwerbstätige 0,40 RM im Monat.

 

Paten für Richard Jürgensen sind

die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) sowie der Religionskurs des 10. Schuljahres der Kooperativen Gesamtschule Elmshorn

(KGSE) mit ihrem Lehrer Michael Noch und den Schülerinnen und Schülern Hanna Brehling, Marius De Marchi, Gesa Derda, Dennis Elfendahl, Nils-Hendrik Hauschildt, Malte Hein, Laura Heißwolf, Beke Jansen, Vanessa Kruse, Jan Kurzweg, Lasse Melcher, Inka Möller, Christoph Otto, Christoph Paasch, Yannik Quast, Mailin Rose, Anton Schopf, Tim Stöhrmann, Sergej Wilhelm.

 

Autor:  Alfred Rasmussen

Eingestellt von: R. Arendt

HJohn Hasenberg

Geboren am 8. Oktober 1892 in Neumünster als eines von sieben Kindern des jüdischen Ehepaares Henny Hasenberg (geb. Lippstadt) und Julius Hasenberg, zog
John Hasenberg gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit seiner Familie nach Elmshorn, wo sein Vater in der Kirchenstraße 40 eine Immobilienfirma betrieb.

John ging von 1902 bis 1909 auf die Bismarckschule und schloss diese mit dem Abschluss des Realgymnasiums ab.
Auch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges erlebte er hier und zog bald an die Front. Sein Einsatz blieb nicht ohne Konsequenzen – für seine Verdienste wurde er mit dem
Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Nach dem Ersten Weltkrieg hielt es ihn nicht mehr lange in Elmshorn; im Jahr 1922 zog er nach Hamburg, wo er als Kaufmann in der
Bank von Willi Seligmann am Gänsemarkt 35 arbeitete und unter anderem am Schwanenwik 29 wohnte. Die Blaue Steuerkartei der Jüdischen Gemeinde belegt seinen
Fortgang im Jahre 1927. Auf Hamburg folgte sein letzter deutscher Wohnsitz – Berlin.
Hier heiratete er Gertrud (geb. Meyer), geboren am 28. Oktober 1903 in Berlin. Auch die beiden Kinder des Paares, ein Sohn, 1928 geboren, und die Tochter Irene Hasenberg,
geboren im Jahr 1930, erblickten hier das Licht der Welt.
Zwei Jahre nach der Proklamation der „Nürnberger Rassengesetze” bekam John Hasenberg die Möglichkeit, Deutschland zu verlassen. Die Firma „American Express”
hatte ihm zwei Alternativen geboten: einen Job in Curacao oder in Amsterdam. Mit seiner Frau, seinem neunjährigen Sohn und seiner siebenjährigen Tochter zog John
Hasenberg im Jahr 1937 von Berlin nach Amsterdam, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen.
Als die Nazis im Jahr 1940 in die Niederlande einmarschierten, wurde auch hier das Leben der Familie erheblich erschwert. Die Benutzung der Straßenbahn
war der banale Grund für die erste Inhaftierung der kompletten Familie Hasenberg, aber vorerst hatte sie Glück. Ohne Begründung wurde die Familie wieder
freigelassen. Was blieb, war die Angst. Weil es American Express verboten wurde, Juden zu beschäftigen, verlor John seine Arbeit und arbeitete nun für den “Joodsraad”,
eine von den Nazis eingerichtete Organisation. Seine Aufgabe war es, den durch plötzliche Razzien deportierten Juden ihr Gepäck in die Sammellager nachzuschicken.
John hatte die Erlaubnis, mit einem Team in die Wohnungen der deportierten Juden einzudringen und die benötigten Gepäckstücke zu beschaffen.
Irene Hasenberg sagte in einem Interview im Jahr 1986, dass ihr Vater gehofft hatte, mit der Mitarbeit beim “Joodsraad” anderen Juden zu helfen.

Wie so oft zögerte die Mitarbeit im Joodsraad die Deportation nur hinaus, anstatt sie zu verhindern. Am 23. Juni 1943 kreiste die SS auch das Wohnviertel
der Hasenbergs ein. Irene Hasenberg erinnerte sich, dass es ungefähr um 10 Uhr morgens an einem ungewöhnlich heißen Tag gewesen sein muss, als die SS auch an ihre
Tür klopfte. Der Familie Hasenberg war es noch erlaubt, ein wenig Proviant und anderes Gepäck mitzunehmen, dann wurde sie mit anderen Juden zu Sammelplätzen getrieben und in
Güterwaggons gepfercht. Die Erfahrung, mit zirka 60 anderen Menschen den ganzen Tag in einem Güterwaggon gefangen zu sein, beschreibt Irene Hasenberg als grausam.
Am 23.Juni 1943 erreichte der Zug dann seine Endstation, das Sammellager Westerbork, wo die Familie acht Monate verbringen musste.
Noch in Amsterdam hatte John jedoch über einen Freund von einem Schweden erfahren, der gefälschte Pässe beschaffen konnte.
Auf Johns briefliche Anfrage erhielt die Familie Hasenberg nun aus Schweden vier ecuadorianische Pässe. Wie diese Pässe ihren Weg von Schweden über Amsterdam
bis nach Westerbork gefunden haben, konnte niemand erklären. Fest stand aber, dass die Pässe den Status der Familie Hasenberg entscheidend veränderten.
War ursprünglich die Deportation der Hasenbergs nach Auschwitz vorgesehen, so bewirkte der Nachweis einer nichtdeutschen Staatsbürgerschaft die Streichung der
Familie von der Transportliste. Am 16.Februar 1944 erfolgte die Deportation in das Konzentrationslager Bergen-Belsen, wo Irene Hasenberg auch Anne Frank kennenlernte.
Die Situation in Bergen-Belsen war wegen der Größe des Camps und der Menge an Menschen, die auf noch kleinerem Raum zusammengepfercht waren, schlimmer als in Westerbork. Mangelernährung, harte Arbeit und, im Falle von John Hasenberg, Prügelstrafen, schwächten besonders Hasenberg und seine Frau. Doch trotzdem erlangte die Familie Hasenberg
aufgrund eines glücklichen Zufalls schließlich die Freiheit. Bei einem Gefangenenaustausch zwischen Amerikanern und Deutschen waren auf deutscher Seite nicht
genügend Amerikaner für den Austausch vorhanden.
Deswegen wählten die Nazis Häftlinge nichtdeutscher Nationalitäten aus, um die geforderte Anzahl zu erreichen. Wegen ihrer gefälschten Pässe gehörten die Hasenbergs
zu den glücklichen Auserwählten, die den Zug Richtung Schweiz besteigen durften. Trotz des unglaublichen Glücks war es für John Hasenberg schon zu spät.
Seine letzte Prügelstrafe hatte ihm bei seiner sowieso schlechten körperlichen Verfassung die letzten Kräfte geraubt. Er starb auf dem Weg in die Freiheit am 23. Januar 1945 bei
Laubheim. Seine Familie zog weiter nach Amerika.

Die Recherchen zu John Hasenberg hat der  Leistungskurs Geschichte des 12. Jahrganges der Elsa-Brändström-Schule Elmshorn unter der Leitung von Doris
Hannig-Wolfsohn in einem Projekt der Referendarin Julia Störzel im Jahr 2007 vorgenommen.
Die folgenden Schüler haben daran mitgearbeitet:
Lisa Arendt, Uwe Dahlke, Pia Heyne, Kerry Howard, Maximilian Jermies, Kevin Klüver, Maria Koch, Martin Krempa, Patrick Meißner Jana Mohr, Franziska Ortlinghaus, Milord
Said, Tanja Schumann, Jessica Vokuhl, Janine Walter, Isabel Werner.
Quellen:
Stadtarchiv Elmshorn; Archiv der
Elmshorner Nachrichten; Staatsarchiv
Hamburg; Interview mit Irene Hasenberg
(www. http://holocaust.umd.umich.edu/
butter/).
Patin für John Hasenberg ist die Elsa-Brändström-Schule

Autor: Maximilian Jermies

Literatur:

Kirschninck, Harald: Die Geschichte der Juden in Elmshorn. 1685-1918. Band 1. Norderstedt 2005.

Kirschninck, Harald: Die Geschichte der Juden in Elmshorn. 1918-1945. Band 2. Norderstedt 2005.

Kirschninck, Harald: Juden in Elmshorn. Teil 1. Diskriminierung.Verfolgung. Vernichtung. in: Stadt Elmshorn (Hrsg.):

Beiträge zur Elmshorner Geschichte. Band 9. Elmshorn 1996.

Kirschninck, Harald: Juden in Elmshorn. Teil 2. Isolierung. Assimilierung. Emanzipation. in: Stadt Elmshorn (Hrsg.):

Beiträge zur Elmshorner Geschichte. Band 12. Elmshorn 1999.

 

IGeorg Rosenberg, Kirchenstraße 4, Elmshorn, am 12.2.1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Kirchensstraße 4, Elmshorn

Borgfelder Str. 24, Hamburg bei Dyhrenfurth

Georg Rosenberg, geb. 9.6.1886 in Elmshorn Haft Nov./Dez. 1938 KZ Sachsenhausen
deportiert am 12.2.1943 über Berlin nach Auschwitz

Georg Rosenberg wurde am 9. Juni 1886 in Elmshorn in der Kirchenstraße 4 geboren. Seine Eltern waren Alexander Rosenberg und Amalie, geb. Fürstenberg. Sie gehörten der israelitischen Gemeinde an. Das Wohnhaus lag im Zentrum von Elmshorn, einen Steinwurf von der St. Nikolai Kirche entfernt.
Kirchenstraße 4, 25335 Elmshorn
Peterstraße 28, 25335 Elmshorn

Alexander Rosenberg hatte am 1. September 1883 am Markt in Elmshorn ein Ladengeschäft für Papierwaren eröffnet. Dieses expandierte bald zu einem Papierwarengroßhandel, den er von der Kirchenstraße 4 aus betrieb.

Die Großmutter von Jürgen Wohlenberg, des Verfassers dieses Artikels, arbeitete vom 1. November 1891 bis zum 30. April 1902 als Dienstmädchen bei der Familie Rosenberg. Bei ihrer Heirat mit Johannes Wohlenberg im selben Jahr wurde sie von den Rosenbergs mit einer
kompletten Aussteuer beschenkt.

Alexander Rosenberg war Bürger der Stadt Elmshorn und ein angesehenes Mitglied der israelitischen Gemeinde. Er gehörte dem Elmshorner Männer-Turnverein an, den er nach 1933 wegen seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde verlassen musste.

Die Rosenbergs bekamen am 16. August 1889 einen zweiten Sohn, Friedrich, genannt Fritz. Beide Jungen besuchten das örtliche Gymnasium, die Bismarckschule. Georg heiratete am 8. Juni 1909 Gerda Mendel, die Tochter einer sehr angesehenen jüdischen Elmshorner Familie. Sie bekamen zwei Kinder, Gunther am 1. November 1910 und Edel Ellen am 28. Dezember 1912. Georg war bereits 1906 (lt. Adressbuch der Stadt Elmshorn) als Kaufmann im Geschäft seines Vaters geführt. Vielleicht war das ein Grund, dass sein Bruder Friedrich bereits 1913 mit der „Graf von Waldersee“ in die USA auswanderte. Als Adresse gab er bei seiner Einwanderung auf Ellis Island seinen Cousin Jacob in der Nassau Street in Manhattan an. Friedrich starb (lt. Ancestry.com) im April 1975 in San Antonio, Texas, USA. Alle Bemühungen, Nachkommen in den Staaten zu finden, waren erfolglos.

Die Ehe von Georg und Gerda Rosenberg war nicht von langer Dauer, sie wurde am 25. Februar 1920 geschieden. (Lt. Scheidungsurteil wurde) Georg [wurde] schuldig gesprochen, da das Gericht ein Verhältnis mit seiner späteren zweiten Frau, Irma S., als Scheidungsgrund wertete. Die Tatsache der Scheidung und dass der Scheidungsgrund eine Christin war, dürften ursächlich für den Selbstmord der Mutter kurze Zeit später gewesen sein. Der Vater starb am 12. März 1927 im städtischen Altenheim. Das Grab der beiden ist auf dem jüdischen Friedhof in Elmshorn bis heute erhalten.

Die geschiedene Gerda, die (lt. Scheidungsurteil jetzt) fortan den Namen Rosenberg-Mendel tragen durfte, zog mit ihren Kindern in die Holstenstraße 10 in Elmshorn, wo sie (. Lt. Adressbuch arbeitete) sie als Hand- und Fußpflegerin[arbeitete], während ihr Sohn Gunther als Messe-Steward gemeldet war. Gerda Rosenberg-Mendel intensivierte ihre Gesangs- und Musikstudien und gab Gesangsunterricht. Ihr Lebenslauf ist in dem Online Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS Zeit der Universität Hamburg veröffentlicht (www.lexm.uni-hamburg.de ). Sie übersiedelte 1937 nach Hamburg, nachdem Gunther Rosenberg schon 1936 dorthin gezogen war, und konnte im Juni 1939 zu ihrer Tochter nach England auswandern. Gunther emigrierte im November des Jahres nach Schanghai.

Georg und Irma Rosenberg heirateten am 8. November 1921. Für beide begann danach eine erfolgreiche Zeit, die jedoch nicht lange dauerte. Sie vergrößerten das Geschäft des Vaters, in dem sie u.a. das Gebäude Kirchenstraße 10 hinzu kauften. Am 1. September 1923 beging die Firma Rosenberg ihr 40jähriges Jubiläum. In der „Elmshorner Zeitung“ erschien zu dem Datum ein größerer Artikel, in dem die Großzügigkeit und das Mäzenatentum der Firma für Sport und Kultur der Stadt Elmshorn herausgestrichen wurden. Die Zeitung schrieb von „praktischer Vaterlandsliebe“.

Schon wenig später wendete sich jedoch das Blatt. Scheidung, Beginn der Hyperinflation Anfang der 20er Jahre und einige Steuervergehen führten schließlich zum Konkurs des Papiergroßhandels. Georg Rosenberg wurde zu einer zweimonatigen Gefängnisstrafe wegen Konkursvergehens verurteilt, die jedoch in eine Bewährungsstrafe umgewandelt wurde. Das Grundstück Kirchenstraße 4 wurde im April 1926 zwangsversteigert. Weitere Immobilien musste er verkaufen, andere hatte er schon vor dem Konkurs an seine erste Ehefrau und die beiden Kinder überschrieben.

Die Eheleute (Georg und Irma) Rosenberg zogen nach dem Verlust des Wohnhauses nur einige 100 Meter weiter in eine Mietswohnung in der Peterstraße 28. Irma R. betrieb dort wie auch in der Haupteinkaufsstraße, der Königstraße, ein Handarbeitsgeschäft. Das Geschäft war sehr bekannt und bestand in der Königstraße bis weit in die 70er Jahre. Es wurde zuletzt von dem Sohn Gunther betrieben
Georg Rosenberg half im Geschäft seiner Frau mit und arbeitete außerdem als Handelsvertreter u. a. für eine Elmshorner Margarinefabrik. Für die beiden wurde es nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 neben den wirtschaftlichen Schwierigkeiten auch politisch sehr viel schwieriger. Bei der großen Boykottaktion der Nazis am 1. April 1933 gegen jüdische Geschäfte wurde der Laden von Irma Rosenberg von SA-Posten belagert und als jüdisches Geschäft gebrandmarkt. Erst die „freiwillige“ Schließung ließ den SA-Mob abziehen.

Wie schwierig die Situation für jüdische Bürger geworden war, zeigt auch die nachfolgende Begebenheit, die als Gerichtsakte im Landesarchiv Schleswig-Holstein in Schleswig verwahrt wird. Georg Rosenberg war 1936, wie schon des Öfteren, als Handelsvertreter nach Wyk auf Föhr gereist. Er wohnte, wie immer, im Strandhotel bei Frau P. Dort wurde er in den Morgenstunden von einem SA-Mann, dem Sohn der Hotelbesitzerin, und einem weiteren SA-Mann aus dem Hotel geprügelt und dann durch den halben Ort verfolgt. Nachdem Georg Rosenberg die beiden angezeigt hatte, warfen sie ihm vor, den dortigen Kolonialwarenhändler betrogen zu haben. Dafür gab es aber keine Beweise. Georg Rosenberg war sogar in seiner Anzeige bereit, diese zurückzuziehen, wenn die beiden Täter für die Winterhilfe spendeten und seine zusätzlichen Kosten übernehmen würden.
Das Verfahren wurde eingestellt, nachdem aus Elmshorn das polizeiliche Führungszeugnis eingetroffen war. Dieses begann mit den Worten: “Der Kaufmann Georg Rosenberg, wohnhaft in Elmshorn, Peterstraße 28 ist Jude. Der Ruf des Rosenberg ist kein guter.“ Das Schreiben endete: „Im übrigen kann gesagt werden, dass man es bei Rosenberg mit einem typischen Juden mit typisch jüdischem Charakter und Einstellung zu tun hat.“

In dem Führungszeugnis der Elmshorner Polizei wurden auch Irma Rosenberg nebulöse Betrugsvorwürfe gemacht, die jedoch ihrem Mann angelastet wurden. Im November 1938 gehörte Georg Rosenberg zu den Opfern der Reichspogromnacht. Er wurde verhaftet, in das KZ Sachsenhausen verbracht und am 23. Dezember, wie viele andere, aus der Haft entlassen. Die Entlassung war üblicherweise mit der Auflage verbunden, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt das Reichsgebiet zu verlassen. Für Auswanderungspläne Georg Rosenbergs gibt es keine Anhaltspunkte. Er traf am 24. Dezember 1938 in Elmshorn bei seiner Frau in der Peterstraße ein, aber diese ließ ihn nicht mehr in die Wohnung. Die Ehe war zerrüttet.
Ob es der nationalsozialistische Verfolgungsdruck war oder die Tatsache, dass im Juli 1934 ein Karl S. in das Haus Peterstraße 28 einzog, wissen wir nicht, jedenfalls trennte sich Irma Rosenberg von ihrem Mann. Er suchte Hilfe bei der jüdischen Gemeinde und fand Zuflucht bei einem Gemeindemitglied, der Familie des Lederfabrikanten Oppenheim am Flamweg. Der Sohn Rudi Oppenheim, der als 11-jähriger im Februar 1939 mit seiner Familie aus Deutschland flüchtete und heute (2012) mit seiner Familie in den USA lebt, bestätigte dies anlässlich eines Besuches in seiner Heimatstadt.

Edel Ellen Rosenberg, die Tochter von Georg Rosenberg aus erster Ehe, ging als erste aus der Familie nach Hamburg und emigrierte auch als erste. Sie lebte als Haustochter bei Hermine Danziger, geb. Rosenberg, in der Behnstraße. Ob es sich dabei um eine Verwandte handelte, ließ sich nicht ermitteln. Edel Rosenberg verließ Deutschland bereits 1934 mit dem Ziel London, wo sie später ein Fußpflegeinstitut aufbaute.

Das nächste Lebenszeichen von Georg findet sich im Juli 1939 in den „Elmshorner Nachrichten mit der Meldung, dass er wegen des Besitzes von 452,16 Reichsmark verhaftet und der Gestapo übergeben wäre. Er habe das Geld in jüdisch-devisenschieberischer Weise in dem Futter seiner rechten Hosenklappe versteckt.

Welche Konsequenzen dieser Tatbestand hatte, ist nicht bekannt. Georg Rosenberg zog im August 1939 nach Hamburg. Erst ein Jahr später meldete sich Georg Rosenberg beim Jüdischen Religionsverband an und wurde im Juli 1940 beitragspflichtig. Über seine Beweggründe für den Umzug wissen wir nichts. Sicherlich war seine Situation in Elmshorn nach der Flucht der Oppenheims sehr schwierig geworden. Ein Unterschlupf in der doch recht kleinen Stadt Elmshorn war wohl nicht mehr möglich.

Noch war er nicht geschieden und wohnte zunächst zur Untermiete in der Borgfelder Straße 24 bei Mathilde Dyhrenfurth (s. Stolpersteinbroschüre Hamburg-Borgfelde). Offenbar hatte er als Händler ein geringes Einkommen, das jedoch wegfiel, als er 1941 erkrankte er und erwerbslos wurde. Die jüdische Reichsvereinigung stellte ihn daraufhin von der Beitragspflicht frei. Zu dieser Zeit gab Mathilde Dyhrenfurth die Wohnung auf, und Georg Rosenberg zog in die Eimsbütteler Chaussee 45 zu Josef Mayer, der jedoch bereits am 8. November mit seiner Familie nach Minks deportiert wurde.
Nach acht Jahren der Trennung wurde die Ehe von Irma und Georg Rosenberg am 5. Juni 1942 geschieden. Bis dahin hatte die Verbindung als „privilegiert“ gegolten, was einen gewissen Schutz vor Verfolgung, insbesondere vor einer Deportation, bot. Dieser fiel nun weg.
Irma Rosenberg nahm ihren Mädchennamen wieder an und heiratete später Karl S.

Im Zuge der Wohnungszwangsmaßnahmen der Gestapo wurde Georg Rosenberg am 6. Oktober 1942 durch die jüdische Gemeinde in der Beneckestraße 2, ihren eigenen Gemeinderäumen, die nun als „Judenhaus“ dienten, untergebracht.
(Die Beneckestraße gibt es heute nicht mehr. Sie liegt auf dem heutigen Gelände der Universität Hamburg. Diese Adresse war sicherlich nicht mehr selbst bestimmt.)

Georg Rosenberg, inzwischen 56 Jahre alt, wurde zum 12. Februar zum Transport über Berlin „nach dem Osten“ aufgerufen. Es handelte sich um einen kleinen Transport von 22 Hamburger Juden und Jüdinnen, von denen allein zehn aus der Beneckestraße 2 kamen. Sie waren im Alter von sechs bis 60 Jahren. Zu ihnen gehörte auch ein Mitarbeiter der jüdischen Gemeinde mit seiner Familie, Martin Starke, der als einziger diese Deportation, die nach Auschwitz führte, überlebte. Nur bei dreien gab die Gestapo eine Berufsbezeichnung an, darunter Georg Rosenberg mit „Händler“.
Ein Datum von Georg Rosenbergs Ermordung in Auschwitz konnte nicht ermittelt werden. Er wurde in Elmshorn in der Kirchenstraße 4, in der er und seine Familie über 40 Jahre gelebt haben, mit einem Stolperstein geehrt.

Quellen:
Stadtarchiv Elmshorn, Personenstandsregister;
Amtsgericht Elmshorn, Grundbuchamt;
Landesarchiv Schleswig-Holstein/Schleswig;
Staatsarchiv Hamburg, 522-1 Jüdische Gemeinden, 992 b Kultussteuerkartei; 992 e 2 Band 5; 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 8590;
Archiv Auschwitz;
Ellis Island, Einwanderungsunterlagen;
Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen; ITS Bad Arolsen; Kirschninck, H.,
Kirschninck, Harald: Juden in Elmshorn. Teil I. Diskriminierung, Verfolgung, Vernichtung.  in: Stadt Elmshorn (Hrsg.): Beiträge zur Elmshorner Geschichte, Band 9. Elmshorn 1996.
Ancestry.com.

JStolperstein Erich Krämer

Erich Krämer – Biografisches über einen Kommunisten
Widerstandskämpfer gegen die faschistische Diktatur

von Heinz Stehr

Am 16. Juli 1942 erhielt die Familie Erich Krämers dessen Totenschein. Als Todesursache wurde vom behandelnden Arzt, einem SS Untersturmführer, eine Allgemeininfektion angegeben.
14 Tage nach seiner Einweisung in das KZ Sachsenhausen, Sonderkommando Klinkerwerk, war der Leidensweg des Widerstandskämpfers aus Elmshorn brutal beendet worden.
In den Totenscheinen der KZ – Mörder wurden die tatsächlichen Todesursachen, nämlich Mord, natürlich nicht angegeben. So war es auch in diesem Fall. Vernichtung der politischen Gegner durch Sklavenarbeit, Erschlagen, Erschießen und andere Mordtaten war das Ziel der Einrichtung von Konzentrationslagern.

Erich Krämer wurde 42 Jahre alt. In seinen letzten 10 Lebensjahren musste er mehrere Jahre in Gefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern verbringen.

Der Friseur, Arbeiter in der Lederfabrik Metzger und später Schlosser auf der Elmshorner Krämer- werft wird im Buch von Alfred Rasmussen „Elmshorner Arbeiterinnen und Arbeiter im politischen Widerstand“ als ein „eher unauffälliges Mitglied der KPD“ beschrieben. Er war Unterkassierer und spielte in der Elmshorner Schalmeienkapelle.

Nach dem, was bekannt ist, muss er ein überzeugter mutiger Antifaschist gewesen sein.
Am 24. Juli 1932 stellte er sich mit Gleichgesinnten den Nazis entgegen, die in der Ollnstraße, einer kommunistischen Hochburg, Wahlpropaganda betreiben wollten. 14 SS – Männer betätigten sich als Provokateure. Es kam zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung, und die Kommunisten vertrieben die Nazis. Bekannte Kommunisten, unter ihnen Erich Krämer, wurden verhaftet. Nach den vorliegenden Quellen wurde er nicht verurteilt.

Noch vor der Machtübertragung Hindenburgs auf Hitler und die NSDAP gab es Verfolgungen von Antifaschisten. In den Akten des Elmshorner Stadtarchivs ist dokumentiert, dass die Polizei bereits 1923 Listen erstellte, auf denen alle in Elmshorn bekannten Kommunisten mit Namen und Wohnsitz erfasst waren. Das ermöglichte den Nazis nach dem 30. Januar 1933 in einer gezielten Blitzaktion viele Gegner zu verhaften und dann zu foltern oder zu ermorden.

Kulturvereine, Sportvereine, Orchester wie die Schalmeienkapelle Elmshorn wurden verboten, ihres Eigentums beraubt, ihre Mitglieder verfolgt.

Die EN vom 27.3.1933 teilen mit: „Die Instrumente der kommunistischen Schalmeienkapelle beschlagnahmt.“ Es ist zu vermuten, dass auch Erich Krämer zu denen gehörte, über die es in dem Bericht heißt: „Die Elmshorner Polizei fuhr heute Nachmittag mit mit mehreren Autos zu den Mitgliedern der kommunistischen Schalmeienkapelle, um ihre Instrumente zu beschlagnahmen.“

Ende 1934 begannen, ausgehend von Vorwürfen, die von der Hamburger Gestapo gegen Kommunisten erhoben wurden, Massenverhaftungen auch im Kreis Pinneberg und besonders in Elmshorn „wegen Vorbereitung zum Hochverrat resp. sonstiger polit. Umtriebe“ (Verwaltungsbericht der Elmshorner Exekutiv – Polizei vom 1. Juli 1935).

Angeklagt waren in dem Prozess „Offenborn und Genossen“ 286 Personen aus dem Kreis Pinneberg. Einige wenige wurden freigesprochen, zwei Verfahren wurden eingestellt. Insgesamt wurden Strafen von 661 Jahren und 9 Monaten Zuchthaus und 40 Jahre und 3 Monate Gefängnis für 261 Angeklagte verhängt. Unter den Verurteilten waren 17 Frauen. Alle mussten die Strafe oft auch in Konzentrationslagern verbringen. Sie wurden gefoltert, erniedrigt oder wie der KPD Reichstagsabgeordnete Reinhold Jürgensen erschlagen.

Am 3. April 1936 war in den EN unter der Überschrift „Weitere Teilurteile im Elmshorner Kommunistenprozess“ zu lesen, dass auch Erich Krämer zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Angeklagt war er wegen „Vorbereitung einer hochverräterischen Unternehmens“.

Die hohe Zahl der Angeklagten zeigt auch, wie organisiert und wirkungsvoll dieser antifaschistische Widerstand war. Im Buch „Die Freiheit lebt“ (Fritz Bringmann und Herbert Diercks) sind viele Formen dieses Kampfes dokumentiert.

Erich Krämer gehörte zu jenen, die zwischen 1937 und 1939 unter strengen Auflagen z.B. der Meldepflicht aus KZs und Zuchthäusern entlassen wurden.

Stationen seines Martyriums waren die Konzentrationslager Fuhlsbüttel und Esterwegen und das Zuchthaus Rendsburg.
Laut Zeugnis seines Sohnes wurde Erich Krämer erneut verhaftet, weil er sich von dem menschenverachtenden Wirken der SS öffentlich distanzierte. Ein Sondergericht verurteilte ihn am 18. März 1942 nach dem „Heimtückegesetz“ zu 10 Monaten Gefängnis in der Haftanstalt Neumünster. Von dort wurde er als sogenannter Schutzhäftling unter der Nummer 0439 13 in das KZ Sachsenhausen gebracht. Er musste im berüchtigten „Sonderkommando Klinkerwerk“ Sklavenarbeit leisten.

Am 16.7.1942 war sein Leidensweg beendet, der Elmshorner Widerstandskämpfer wurde ermordet.

Sein Andenken mit einem Stolperstein wach zu halten ist eine Verpflichtung:
Auch heute muss jederzeit antifaschistischer Widerstand gelebt werden!

Literatur: Bringmann, Fritz; Diercks, Herbert: Die Freiheit lebt. Antifaschistischer Widerstand und Naziterror in Elmshorn und Umgebung 1933-1945. Frankfurt/.M 1983
Rasmussen, Alfred: Elmshorner Arbeiter und Arbeiterinnen im politischen Widerstand 1914-1935. Beiträge zur Elmshorner Geschichte. Elmshorn 2011

Eingestellt von: Rudi Arendt